News aus dem Teilprojekt B06


Gemeinsam untersuchten Andreas Heinrich und vier weitere Autor*innen die Rolle von Empfängerländern im transnationalen gesundheitspolitischen Wissenstransfer. Ihr Ergebnis ist in der aktuellen Ausgabe von Communist and Post-Communist Studies erschienen.

Die Teilprojekte B05 (China) und B06 (post-sowjetische Region) untersuchen jeweils die Reform staatlicher Sozialpolitik und welche Rolle dabei internationale Einflüsse spielen. Da es bei ihrer Forschung viele Berührungspunkte gibt, kooperieren beide Teilprojekte häufig miteinander. Das jüngste Zeugnis der teilprojektübergreifenden Arbeit ist das Paper "The Agency of Recipient Countries in Transnational Policy-Related Knowledge Transfer: From Conditionality to Elaborated Autonomous Policy Learning", das Andreas Heinrich, Gulnaz Isabekova, Heiko Pleines (alle TP B06) sowie Armin Müller und Tobias ten Brink (beide TP B05) in Communist and Post-Communist Studies veröffentlicht haben.

Die Literatur zu transnationalem Wissenstransfer konzentriert sich meist auf Fälle, in denen die Quelle des Wissens und die Initiative für dessen Transfer in der OECD liegen. Heinrich, Isabekova, Müller, Pleines und ten Brink hingegen betrachten in ihrem Paper Fälle, in denen Nicht-OECD-Länder proaktiv im Ausland nach Politikberatung gesucht haben und die entsprechenden Ideen und Konzepte auf der Grundlage ihrer eigenen Anforderungen bewertet haben.

Ausgehend von der Rolle der Konditionalität und der Einstellung des Empfängerlandes zur Zusammenarbeit mit ausländischen Beratungsquellen unterschiedet das Autor*innenteam fünf nachfrageseitige Strategien im transnationalen politikbezogenen Wissenstransfer, die jeweils am Beispiel der Gesundheitsreform analysiert werden. Die Ergebnisse verdeutlichen systematische Unterschiede in der Einstellung zu und der Nutzung von ausländischer Beratung.

Nachfolgend ein kurzer Überblick über die Fallbeispiele, die in dem Paper ausführlicher analysiert und diskutiert werden.

UKRAINE: Conditionality-Based International Knowledge Transfer

Die Ukraine ist ein Beispiel für den Standardfall kreditbasierter Konditionalität. Angesichts drohender Zahlungsunfähigkeit war die die Regierung den Ratschlägen internationaler Organisationen aufgeschlossen. Da auch ukrainische Politikberater*innen die vom IWF unterstützten Reformen weitgehend befürworteten, förderte diese Kombination von aus- und inländischem Druck die Fortführung der Reformen gegen den Widerstand von Interessengruppen.

KYRGYZSTAN: Coordinated International Knowledge Transfer

Das Beispiel Kirgisistan entspricht dem Idealtyp einer koordinationsbasierten Strategie. Das Empfängerland hat mehr Spielraum, weil durch die größere Zahl ausländischer Partner Runde Tische und Konsensfindung zum Standard werden, ebenso die Führung durch das Empfängerland und verwandte Stakeholder. Dadurch bietet sich der Regierung die Möglichkeit, aus verschiedenen Quellen zu lernen. Gleichzeitig schränkt eine hohe Fluktuation von Politikern und Verwaltungsmitarbeitern sowohl die Fähigkeit zur politischen Analyse als auch den Aufbau eines institutionellen Gedächtnisses ein.

RUSSIA: Sceptical Cooperation and Emphasis on Domestic Expertise

Seit Putin Präsident wurde, ist Russland bemüht, unabhängig von internationaler Hilfe und Einfluss zu werden. Dies gilt auch für die Sozialpolitik, bei deren Reform internationale Beratung zur Gunsten nationaler Expertise zurückgedrängt wurde. Die Arbeitsbeziehungen zu internationalen Organisationen werden jedoch fortgesetzt, und inländische Experten sind weiterhin offen für politische Beratung aus dem Ausland.

KAZAKHSTAN: Sovereign International Advice-Seeking

Das Hauptziel Kasachstans besteht darin, das Land als gleichberechtigten und geschätzten Akteur auf der internationalen Bühne zu etablieren. Dies führt zu einer offiziellen Offenheit gegenüber den internationalen Organisationen, und zu Versuchen, das inländische Fachwissen zu verbessern. Gleichzeitig begrenzt das autoritäre Regime die Vielfalt im nationalen Politikberatungssystem und schränkt die internationale Beratung entsprechend ein.

CHINA: Elaborated Autonomous International Policy Learning

China hat eine Lernstrategie verfolgt, bei der bürokratische Akteure ausländische Ideen testeten, die sie als vereinbar mit ihren eigenen Interessen ansahen. Bei der Suche nach geeignetem Fachwissen profitierten die Akteure von ihrer langfristigen Zusammenarbeit mit internationalen Experten. Chinas Strategie ist "elaboriert", da theoretische Beratung eingeholt wird, um sie in lokalen Experimenten zu testen, um so fundierte politische Entscheidungen zu treffen; die Strategie ist "autonom", da die Innenpolitik eindeutig Vorrang vor internationalen Verpflichtungen hat.


Kontakt:
Dr. Andreas Heinrich
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
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Tel.: +49 421 218-57071
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Prof. Dr. Heiko Pleines
Prof. Dr. Heiko Pleines
SFB-Teilprojektleiter Heiko Pleines ist von der Universität Bremen für seine hervorragende Betreuung von Doktorand*innen ausgezeichnet worden. Von 59 Nominierten erhielt er den ersten Preis in der Kategorie Geistes- und Sozialwissenschaften.

Der mit insgesamt 4000 Euro dotierte Preis für herausragende Promotionsbetreuungen zeichnet Hochschullehrende für ihre professionelle und engagierte Betreuung ihrer Doktorandinnen und Doktoranden aus und wird in zwei Kategorien vergeben: den Geistes- und Sozialwissenschaften sowie in den Natur- und Ingenieurswissenschaften (1. Preis: Rolf Drechsler).

Von SFB 1342 waren außerdem Klaus Schlichte und Andreas Breiter nominiert. Andreas Breiter wurde von der Jury (bestehend aus Vertreter*innen des Vereins "Alumni der Universität Bremen" und des Netzwerks "Bremen Early Career Researcher Development") mit einem zweiten Platz geehrt.

Nominiert wurden die Hochschullehrenden von Nachwuchswissenschaftler*innen, deren Promotion an der Universität Bremen maximal 4 Jahre zurückliegt. Das Preisgeld, das der Alumni-Verein stiftet, ist zweckgebunden und fließt in die Betreuung und Förderung zukünftiger Doktorand*innen.

Was Heiko Pleines unter guter Promotionsbetreuung versteht, erklärt er in einem kurzen Videointerview.


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Das Team von B06 hat einen Großteil seiner erhobenen Daten auf der Online-Plattform „Discuss Data“ veröffentlicht. Dadurch sind sie für die Öffentlichkeit dauerhaft zugänglich und nutzbar.

Das Teilprojekt B06 "Externe Reformmodelle und interne Debatten bei der Neukonzipierung von Sozialpolitik in der post-sowjetischen Regionuntersucht, wie in der post-sowjetischen Region westliche Reformmodelle durch politische Entscheidungsträger und die Öffentlichkeit bewertet wurden und welchen Einfluss sie auf tatsächliche sozialpolitische Reformen hatten.

Die Datensätze, die bei "Discuss Data" eingestellt wurden, umfassen u.a. Informationen zum Einfluss internationaler Organisation auf den Reformprozess in der postsowjetischen Region, Meinungsumfragen in Russland, Transkripte von Parlamentsdebatten und Präsidentschaftsreden.

Discuss Data: Die Forschungsdaten des TP B06


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Als Doktorandin in Teilprojekt B06 untersuchte sie, wie die Interaktion zwischen internationalen Entwicklungsorganisationen, Regierungen und Zivilgesellschaft die Nachhaltigkeit von Hilfsprogrammen im Gesundheitsbereich beeinflusst.

Gulnaz Isabekova, Doktorandin und Mitglied des Projekts B06, hat ihre Doktorarbeit "The Impact of Donor-State-Civil Society Interaction on the Sustainability of Health Aid. Case Studies of Projects combating Tuberculosis and HIV/AIDS in Armenia and Kyrgyzstan" erfolgreich verteidigt. Nach einer etwa halbstündigen Online-Präsentation ihrer Arbeit ( vor einem Publikum von ca. 40 Gästen) diskutierte Isabekova ihr Forschungsdesign und die wichtigsten Ergebnisse mit der Prüfungskommission. Die Kommission* bewertete Isabekovas Arbeit und Präsentation sehr positiv und gratulierte ihr nach einer kurzen Beratung zum Bestehen der mündlichen Prüfung.

In ihrer Arbeit untersuchte Gulnaz Isabekova, wie sich verschiedene Arten der Interaktion zwischen den Stakeholdern (d. h. internationale Entwicklungsorganisationen, Regierungen und zivilgesellschaftliche Organisationen) auf die Nachhaltigkeit von Hilfsprogrammen im Bereich der Gesundheitsversorgung auswirken. Sie konzentrierte sich auf Länder, die den projektbasierten (Armenien) und sektorweiten Ansatz (Kirgisistan) in der Entwicklungshilfe verfolgen. In der empirischen Analyse untersuchte Isabekova drei große Gesundheitsprojekte, die vom „Global Fund to Fight AIDS, Tuberculosis and Malaria“ und der Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit finanziert wurden. Geplant und umgesetzt wurden die Projekte von Empfängern und nicht von Gebern von Entwicklungshilfe, sie repräsentierten also allesamt den "Bottom-up"-Ansatz der Gesundheitshilfe. Allerdings unterschieden sich die Projekte hinsichtlich ihrer Ziele und der an die Finanzierung geknüpften Bedingungen.

Für ihre Doktorarbeit sammelte Isabekova projektbezogene Dokumentationen zu ausgewählten Fällen und analysierte systematisch die Literatur zur Entwicklungshilfe, zur Interaktion zwischen den Beteiligten und zur Nachhaltigkeit der Gesundheitshilfe im Kontext der Entwicklungsländer. Im Feld hat sie rund 100 halbstrukturierte Interviews geführt und auf dieser Basis Kausalmechanismen und Hypothesen erarbeitet, die den Einfluss der Interaktion zwischen den Stakeholdern auf die Nachhaltigkeit von Hilfsprojekten erklären, d. h. ob die im Projekt begonnen Aktivitäten und ihr Nutzen für die Gemeinden in den Gemeinden vor Ort nach Ende der Projektfinanzierung fortbestehen. Laut Isabekova sind diese kausalen Mechanismen und Hypothesen, obwohl kontextspezifisch, auf Gesundheitsprogramme in anderen Entwicklungsländern übertragbar, die dem projektbasierten oder sektorweiten Ansatz der Entwicklungshilfe folgen.

Isabekova wird ihre Doktorarbeit in den kommenden Wochen bei der Staats- und Universitätsbibliothek Bremen zur Veröffentlichung einreichen.

Gulnaz Isabekova ist nach Jean-Yves Gerlitz (Projekt A03) die zweite Doktorand*in im SFB 1342, die ihre Promotion abgeschlossen hat. Viele weitere werden in den nächsten Wochen folgen.

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* bestehend aus Prof. Dr. Heiko Pleines (Erstbetreuer, Universität Bremen), Dr. Monika Ewa Kaminska (Zweitbetreuerin, Universität Bremen), Assoc. Prof. Kristina Jönsson (externe Prüferin, Universität Lund), Prof. Dr. Tobias ten Brink (Jacobs University), Prof. Dr. Michael Rochlitz (Universität Bremen), Dr. Amanda Shriwise (Universität Bremen) und Liva Stupele (Universität Bremen).

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Veröffentlichungen zum Thema:

Isabekova, Gulnaz, 2020: Mutual learning on the local level: The Swiss Red Cross and the Village Health Committees in the Kyrgyz Republic, in: Global Social Policy, online first.

Isabekova, Gulnaz; Pleines, Heiko, 2020: Integrating development aid into social policy: Lessons on cooperation and its challenges learned from the example of health care in Kyrgyzstan, in: Social Policy & Administration, online first.

Isabekova, Gulnaz, 2019: The relationships between stakeholders engaged in development assistance: towards an analytical framework, SOCIUM SFB 1342 WorkingPapers/3/2019, Bremen: SOCIUM, SFB 1342.


Kontakt:
Dr. Gulnaz Isabekova
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Forschungsstelle Osteuropa
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28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-57073
E-Mail: gulnaz@uni-bremen.de

In "Social Policy & Administration" haben 7 Teilprojekte des SFB 1342 Fallstudien sozialpolitischer Dynamiken im Globalen Süden vorgelegt. Deren Synthese zeigt: Das Konzept der kausalen Mechanismen ist gut geeignet, solche Entwicklungen zu analysieren.

Sieben Teilprojekte aus dem Projektbereich B des SFB 1342 haben eine Sonderausgabe von "Social Policy & Administration" veröffentlicht: Causal mechanisms in the analysis of transnational social policy dynamics: Evidence from the global south. Die zentrale Forschungsfrage, der die Autor*innen nachgehen, lautet: Welche kausalen Mechanismen können die transnationalen Dynamiken der Sozialpolitik im Globalen Süden erfassen?

Um Antworten auf diese Frage zu finden, präsentieren die Autor*innen vertiefende Fallstudien zu sozialpolitischen Dynamiken in verschiedenen Ländern und Regionen des Globalen Südens sowie in unterschiedlichen sozialpolitischen Feldern. Alle Beiträge konzentrieren sich auf das Zusammenspiel von nationalen und transnationalen Akteuren bei der Gestaltung von Sozialpolitik. (Die Beiträge dieser Special Issue sind unten aufgeführt.)

Die zentralen Erkenntnisse der Autorinnen und Autoren sind:

  • Erklärungen der Sozialpolitik im Globalen Süden bleiben unvollständig, wenn nicht auch transnationale Faktoren berücksichtigt werden
  • Dies bedeutet jedoch nicht, dass nationale Faktoren nicht mehr wichtig sind. Bei sozialpolitischen Entscheidungen sind nationale institutionelle Rahmenbedingungen und Akteure von zentraler Bedeutung
  • Die mechanismusbasierte Forschung kann das Zusammenspiel zwischen transnationalen und nationalen Akteuren und deren Einfluss auf die Gestaltung sozialpolitischer Ergebnisse plausibel nachzeichnen. Die Artikel identifizieren eine Vielzahl von Kausalmechanismen, die dieses Zusammenspiel erfassen können
  • Das Ergebnis sozialpolitischer Entscheidungen ist komplex und kann oft nicht durch einen einzigen Mechanismus erklärt werden. Die Untersuchung der Kombination und des möglichen Zusammenspiels mehrerer kausaler Mechanismen kann tiefer gehende Erklärungen liefern 
  • Das Konzept der Kausalmechanismen kann auch in vergleichenden Analysen angewendet werden
  • Mechanismen können induktiv in einem Fall aufgespürt und dann auf einen anderen Fall übertragen werden.


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Johanna Kuhlmann & Tobias ten Brink (2021). Causal mechanisms in the analysis of transnational social policy dynamics: Evidence from the global south. Social Policy & Administration. https://doi.org/10.1111/spol.12725

Armin Müller (2021). Bureaucratic conflict between transnational actor coalitions: The diffusion of British national vocational qualifications to China. Social Policy & Administration. https://doi.org/10.1111/spol.12689 

Johanna Kuhlmann & Frank Nullmeier (2021). A mechanism‐based approach to the comparison of national pension systems in Vietnam and Sri Lanka. Social Policy & Administration. https://doi.org/10.1111/spol.12691 

Kressen Thyen & Roy Karadag (2021). Between affordable welfare and affordable food: Internationalized food subsidy reforms in Egypt and Tunisia. Social Policy & Administration. https://doi.org/10.1111/spol.12710

Monika Ewa Kaminska, Ertila Druga, Liva Stupele & Ante Malinar (2021). Changing the healthcare financing paradigm: Domestic actors and international organizations in the agenda setting for diffusion of social health insurance in post‐communist Central and Eastern Europe. Social Policy & Administration. https://doi.org/10.1111/spol.12724

Gulnaz Isabekova & Heiko Pleines (2021). Integrating development aid into social policy: Lessons on cooperation and its challenges learned from the example of health care in Kyrgyzstan. Social Policy & Administration. https://doi.org/10.1111/spol.12669 

Anna Safuta (2021). When policy entrepreneurs fail: Explaining the failure of long‐term care reforms in Poland. Social Policy & Administration. https://doi.org/10.1111/spol.12714

Jakob Henninger & Friederike Römer (2021). Choose your battles: How civil society organisations choose context‐specific goals and activities to fight for immigrant welfare rights in Malaysia and Argentina. Social Policy & Administration. https://doi.org/10.1111/spol.12721


Kontakt:
Dr. Johanna Kuhlmann
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58574
E-Mail: johanna.kuhlmann@uni-bremen.de

Prof. Dr. Tobias ten Brink
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Research IV und China Global Center
Campus Ring 1
28759 Bremen
Tel.: +49 421 200-3382
E-Mail: t.tenbrink@jacobs-university.de

Teilprojekt B06 hat ein Special Issue bei „Global Social Policy“ veröffentlicht: In 7 Aufsätzen analysieren TP-Mitglieder und Gastautor*innen die Rolle internationaler Akteure bei der Einführung sozialpolitischer Konzepte in post-sowjetischen Staaten.

Die Autor*innen dieser Sonderausgabe untersuchen, wie der Transfer von sozialpolitischen Konzepten - und in der Folge das Lernen - auf nationaler und lokaler Ebene in der post-sowjetischen Region stattfindet. Dabei liegt ein Schwerpunkt auf der Frage, welche internationalen und nationalen Akteure an diesem Prozess beteiligt sind. Sie analysieren die Interaktion zwischen Internationalen Organisationen (IO) und nationalen Regierungen, zwischen IO und nationalen Experten sowie zwischen IO und lokalen Nichtregierungsorganisationen (NGO).

Zu dem Themenheft haben die vier Mitglieder des SFB-Teilprojektes B06, Andreas Heinrich, Heiko Pleines, Gulnaz Isabekova und Martin Brand, Beiträge geliefert.

Andreas Heinrich überprüft in seinem Artikel "The advice they give: Knowledge transfer of international organisations in countries of the former Soviet Union" die Annahmen der Literatur über die neoliberale Agenda ('Washington Consensus'), die von Internationalen Organisationen durch Wissenstransfer gefördert wird, und über die Macht, die sie demnach durch Kreditkonditionalität haben, um Ländern in finanzieller Not ihren Willen aufzuzwingen. Heinrich untersucht am Beispiel der Länder Kasachstan, Kirgisien und Russland, welche Ratschläge die IO zwischen 1991 und 2018 zur Reform der Gesundheitssysteme gegeben haben.

Heiko Pleines hat für seinen Beitrag "The framing of IMF and World Bank in political reform debates: The role of political orientation and policy fields in the cases of Russia and Ukraine" die Inhalte von Parlamentsdebatten in Russland und der Ukraine analysiert. In beiden Ländern lehnten sowohl linke als auch rechte Parteien eine Zusammenarbeit mit dem Internationalen Währungsfond (IWF) ab. Die Ukraine ist dennoch einer der größten Empfänger von IWF-Krediten. Aufgrund der fehlenden Unterstützung aus dem Parlament zog sich die ukrainische Regierung auf das Argument zurück, dass für die Reformen keine anderen Geldgeber verfügbar seien.

Gulnaz Isabekova betrachtet in ihrem Beitrag den Wissenstransfer auf lokaler Ebene. Ihr Artikel "Mutual learning on the local level: The Swiss Red Cross and the Village Health Committees in the Kyrgyz Republic" konzentriert sich auf die Interaktion zwischen IO und lokalen NGO, und dabei insbesondere auf das gegenseitige Lernen zwischen Gebern und Empfängern von Entwicklungshilfe. Dafür untersucht Isabekova das internationale Projekt "Community Action for Health", das darauf abzielt, ländliche Gemeinden in Kirgisistan zu stärken und ihre Beteiligung an der Gesundheitsversorgung zu fördern. Ihr Artikel analysiert die Faktoren, die gegenseitiges Lernen in der Praxis ermöglichen. Relevant sind demnach die Dezentralisierung der Organisation, die Projektleitung und deren Umgang mit Misserfolg, der kontinuierliche Kontakt zwischen Gebern und Empfängern von Entwicklungshilfe und die Betonung des Beitrags lokaler Expertise.

In seinem Beitrag "The OECD poverty rate: Lessons from the Russian case" betont Martin Brand die Notwendigkeit, die normative Annahmen über Armut bei der Verwendung von Armutsdaten explizit zu machen. Insbesondere für länderübergreifende Vergleiche von Armutsquoten plädiert Brand für einen mehrdimensionalen Armutsindikator, damit mehrere Facetten dieses Phänomens und die Besonderheiten des sozioökonomischen Gefüges der betrachteten Länder berücksichtigt werden.

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Das Themenheft bei „Global Social Policy“ ist aus einem internationalen Workshop zum Thema "International knowledge transfer in social policy: The case of the post-Soviet region" entstanden, der von Teilprojekt B06 am 9. November 2019 an der Universität Bremen durchgeführt worden war.

Lesen Sie das gesamte Themenheft online (einzelne Aufsätze open access):
Global Social Policy, Volume 21 Issue 1, April 2021


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Martin Brand
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Dr. Andreas Heinrich
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Dr. Gulnaz Isabekova
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Prof. Dr. Heiko Pleines
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Heute schauen wir nach Kirgisistan. Dort hat unsere Doktorandin Gulnaz Isabekova am Beispiel von Village Health Committees erforscht, welche Faktoren das wechselseitige Lernen zwischen Gebern und Empfängern von Entwicklungshilfe begünstigt haben.

Village Health Committees: Dauerhafter Erfolg

Für ihre Forschungsarbeit führte Isabekova zahlreiche Interviews mit Beteiligten, daraus heute ein Zitat:

"Die Studie zu den Village Health Committees in Kirgisistan zeigt die Nachhaltigkeit der gemeindebasierten Organisationen über das Ende der projektbezogenen Förderung hinaus. Gegründet im Rahmen des von der Schweiz finanzierten Projekts Community Action for Health (2001-2017), trugen die Village Health Committees zur Prävention von übertragbaren und nicht übertragbaren Krankheiten im Land bei. Trotz des Endes der projektbezogenen Finanzierung setzten etwa 70-80 % der Komitees - bestehend aus Freiwilligen, meist Ortsansässigen - ihre Aktivitäten zur Gesundheitsförderung fort." (Interviewpartner B, para. 125–138, Bishkek, Kirgisistan, 2018).

Village Health Committees in Kirgisistan: Rote Punkte

Für weitere Informationen lesen Sie die Veröffentlichung:
Isabekova, Gulnaz, 2020: Mutual learning on the local level: The Swiss Red Cross and the Village Health Committees in the Kyrgyz Republic, in: Global Social Policy, online first, 28.08.2020

Mehr über die Forschungsarbeit des Teilprojektes B06: Externe Reformmodelle und interne Debatten bei der Neukonzipierung von Sozialpolitik in der post-sowjetischen Region

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Haben Sie einige der vorherigen Türchen verpasst? Hier geht es zum gesamten SFB-Adventskalender 2020


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Tuberkulosebakterien (©Juan Gärtner - stock.adobe.com)
Tuberkulosebakterien (©Juan Gärtner - stock.adobe.com)
Die Ausbreitung der arzneimittelresistenten Tuberkulose in Armenien steht im Zusammenhang mit zurückkehrenden Arbeitsmigrantinnen und -migranten und deren prekären Lebensbedingungen in Russland.

Die Ausbreitung der arzneimittelresistenten Tuberkulose in Armenien steht im Zusammenhang mit den aus Russland zurückkehrenden Arbeitsmigrantinnen und -migranten. Aufgrund des eingeschränkten Zugangs zu medizinischer Versorgung und der Angst vor Abschiebung in Russland haben die Migrantinnen und Migranten nur begrenzte Möglichkeiten, sich testen zu lassen und, wenn nötig, die entsprechende Behandlung zu erhalten. Diese Situation hat die Belastung durch die Krankheit in Armenien erhöht, wo die meisten Patienten mit arzneimittelresistenten Formen der Tuberkulose zurückgekehrte Arbeitsmigrantinnen und -migranten sind.

Für weitere Informationen lesen Sie die Veröffentlichung:
Isabekova, Gulnaz, 2019: The Contribution of Vulnerability of Labour Migrants to Drug Resistance in the Region: Overview and Suggestions, in: The European Journal of Development Research, 31 (3), pp. 620 - 642.

Mehr über die Forschungsarbeit des Teilprojektes B06: Externe Reformmodelle und interne Debatten bei der Neukonzipierung von Sozialpolitik in der post-sowjetischen Region


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Covid-19-Fälle in Zentralasien (Quelle: Zentralasien-Analysen Nr. 140)
Covid-19-Fälle in Zentralasien (Quelle: Zentralasien-Analysen Nr. 140)
Das SFB-Teilprojekt bietet regelmäßig aktualisierte Informationen zur Lage in Osteuropa und Zentralasien. Die Analysen zu Russland wurden in das Angebot der Bundeszentrale für politische Bildung übernommen.

Das Team um Projektleiter Heiko Pleines stellt umfangreiche Daten zur Entwicklung der Covid-19-Pandemie in Osteuropa und Zentralasien zusammen und bereitet sie auf. Zudem bietet der Themenschwerpunkt Chroniken auf Länderebene zu den jeweiligen sozialpolitischen Reaktionen auf die Entwicklung der Pandemie. Diese Informationen werden regelmäßig aktualisiert und um Analysen von Länderexperten ergänzt.

Den Themenschwerpunkt zur Covid-19-Pandemie finden Sie auf den Seiten der Forschungsstelle Osteuropa.

Die Analysen zur Situation in Russland finden sich auch auf den Seiten der Bundeszentrale für politische Bildung.


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Verteilung der Covid-19-Fälle in der Ukraine (Quelle: Ukraine-Analysen Nr. 232)
Verteilung der Covid-19-Fälle in der Ukraine (Quelle: Ukraine-Analysen Nr. 232)
In den "Ukraine-Analysen" untersuchen Experten, wie die ukrainische Regierung auf die Verbreitung des neuartigen Coronavirus reagiert.

Pavlo Illiashenko und Olena Levenets von der Technischen Universität Tallin analysieren in ihrem Beitrag in Ausgabe 232 der Ukraine-Analysen, wie sich der neuartige Corona-Virus in der Ukraine verbreitet und wie die Regierung darauf reagiert hat. Dabei berücksichtigen sie Daten bis zum 18. März 2020.

Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass sich die ukrainische Regierung und die Behörden bis zum 11. März relativ passiv verhalten haben: Es wurden vor allem Maßnahmen angekündigt, aber nur zum Teil umgesetzt, die darauf zielten, den Eintrag des Virus aus dem Ausland zu verhindern (v.a. Reisewarnungen, Temperaturmessungen bei Einreisenden aus Italien). Tests auf Covid-19-Infektionen wurden nahezu gar nicht durchgeführt (nur 43 Tests bis 11. März).

Ab dem 11. März wurden die Maßnahmen der Regierung deutlich verschärft. Die Schulen und Grenzen wurden geschlossen, Versammlungsverbote ausgesprochen, Läden mussten schließen, lokale Ausnahmezustände wurden ausgerufen. Lediglich bei den Tests auf Infektionen hinkt die Ukraine weiter hinterher, die in den Nachbarstaaten um ein vielfaches häufiger durchgeführt worden sind.

Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass die Regierung der Ukraine zumindest in der Anfangsphase der Krise unvorbereitet war. Dies ist auch darauf zurückzuführen, dass die Handlungsfähigkeit der Regierung durch die Entlassung der Ministerinnen/Minister durch den Präsidenten Anfang März eingeschränkt wurde. Nach dem 11. März allerdings gab es einen strikten Kurswechsel, wonach die Regierung deutlich proaktiver agierte als ihre Nachbarstaaten.

Die ausführliche Analyse der ukrainischen Reaktion auf die Covid-19-Pandemie lesen Sie in der aktuellen Ausgabe 232 der Ukraine-Analysen.


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