
Im Sommer verbrachte Cedric Meyer, Doktorand im Projekt B15 "Unter globalem Schock: Die Wirkung von Sozialpolitik in Großbritannien, Chile und Deutschland, 1970–2000", mehrere Wochen in Glasgow. Dort untersuchte er verschiedene Dokumente, die in den örtlichen Universitätsarchiven und -bibliotheken aufbewahrt werden. Der Schwerpunkt seiner Forschung liegt dabei auf der Krise der Schiffsbauindustrie Glasgows und wie sozialpolitisch auf diese reagiert wurde – von der nationalen Regierung, aber auch von regionalen sowie lokalen Behörden und Entscheidungsträgern.
Verglichen mit vielen anderen Industriezweigen, aber auch verglichen mit der Schiffsbauindustrie in anderen Ländern, gerieten die Werften Glasgows (und des restlichen Vereinigten Königreichs) relativ früh in eine ernste Krise. Dementsprechend erscheint es denkbar, dass sich bei der sozialpolitischen Antwort hierauf schon früh Trends abzeichnen, welche ab der allgemeinen Wirtschaftskrise der 1970er vermehrt auftreten. Um ein möglichst genaues Bild dieser Entwicklungen zu erhalten, sollen gemäß der Historischen Methode zahlreiche Quellen analysiert und interpretiert werden.
Zu den Archiven mit potentiell relevanten Dokumenten gehören unter anderem die National Records of Scotland in Edinburgh sowie die National Archives in London, aufgrund des regionalen Fokus fiel die Wahl des ersten Forschungsreiseziels jedoch auf Glasgow. Hier wurden die Bibliotheken und Archive der University of Strathclyde, der Glasgow Caledonian University und der University of Glasgow besucht. Die Erstgenannte besitzt eine bemerkenswerte Oral-History-Sammlung, mit einigen Interviews ehemaliger Werftarbeiter:innen. Diese werden allerdings erst in den kommenden Wochen und Monaten genauer analysiert, da dies auch von Bremen aus möglich ist. Im Archiv der Glasgow Caledonian University wiederum untersuchte Cedric Meyer Aufzeichnungen der Association of Directors of Social Work. Diese boten einen Einblick in die Prioritäten und Problemwahrnehmungen, sowie der politischen Interessenvertretung Schottischer Sozialarbeiter:innen im Untersuchungszeitraum.
Besonders aufschlussreich waren allerdings die Quellenbestände der University of Glasgow. Diese beinhalten zahlreiche Dokumente des Strathclyde Regional Council, einer von 1975 bis 1996 existierenden Schottischen Regionalbehörde. Jene Dokumente lieferten einerseits umfangreiche Daten zu lokaler Armut, Arbeitslosigkeit, Wohnungsmangel etc. Andererseits zeigte sich hier auch, wie die Behörde versuchte, seinen begrenzten sozialpolitischen Handlungsspielraum zu nutzen – ab dem Amtsantritt Margaret Thatchers 1979 auch in klarer Opposition gegenüber den Sozialleistungskürzungen der nationalen Regierung. Ebenfalls interessant waren die von der University of Glasgow gelagerten Bestände der Fachzeitschrift Shipbuilding & Shipping Record (1974 zu Marine Week umbenannt). Durch diese ließ sich nachzeichnen, wie die Werftenkrise, Rettungsversuche und die kontrollierte Schrumpfung der Industrie innerhalb der Branche wahrgenommen wurden.
Anhand der verschiedenen Quellen und zuvor gelesener Literatur konnten nun mehrere Schlüssel-Policies der nationalen Regierung identifiziert werden. Deshalb folgt nun Ende September eine zweiwöchige Forschungsreise zu den National Archives in London, bei der Regierungsdokumente analysiert werden sollen, welche hoffentlich Einblicke in die relevanten Entscheidungsfindungsprozesse liefern.
Kontakt:
Cedric Meyer
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Geschichtswissenschaft / FB 08
Universitäts-Boulevard 13
28359 Bremen
E-Mail: ceme@uni-bremen.de
















