Aktuelles

Hier finden Sie Neuigkeiten aus dem Sonderforschungsbereich "Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik": Zusammenfassungen aktueller Forschungsergebnisse, Hinweise auf Veröffentlichungen, Ergebnisse von Veranstaltungen und weiteres aus den Teilprojekten.


Hannes Salzmann
Hannes Salzmann
Hannes forscht im Informationsinfrastrukturprojekt zu Parteipositionen und deren Implikation für Sozialpolitik. In seiner Doktorarbeit möchte er hierfür einen neuen Ansatz entwickeln, der auf quantitativer Textanalyse und Natural Language Processing fußt.

Lieber Hannes, was hast du vor dem SFB gemacht, über dich findet man nicht allzu viel im Internet.

Wenn man mich googlet, findet man "Hannes Salzmann, Sand im Getriebe des Kapitals": Ich als Musiker auf der 1. Mai-Demo in Braunschweig. Mit Musik – Gitarre und Gesang – habe ich mir im Nebenjob Geld verdient. Fachlich habe ich in Göttingen studiert. Wobei: Angefangen zu studieren habe ich mit Informationssystemtechnik in Braunschweig. Aber schon im ersten Semester habe ich gemerkt, dass Ingenieursmathe nichts für mich ist, und bin nach Göttingen gezogen, um Politikwissenschaft und VWL zu studieren, Anschließend habe ich einen Master in Politikwissenschaft gemacht, wobei ich mich dabei auf Demokratie- und Parteienforschung konzentriert habe und auf quantitativen Methoden: das ging bis hin zu supervised und unsupervised Machine Learning, Text as Data und quantitative Textanalyse.

Das passt ja sehr gut zu dem, was hier am SFB gefordert wird.

Ja, als ich die Stellenausschreibung gesehen habe, dachte ich: Wow, das passt ja wie die Faust aufs Auge! Ich hatte dann das Glück, die Stelle tatsächlich zu bekommen. Zumal ich mit meiner Partnerin erst vor einem Jahr nach Bremen gezogen war.

Was hat euch den dazu gebracht, ohne Stelle nach Bremen zu ziehen?

Meine Partnerin und ich hatten in verschiedenen Städten studiert. Während der Pandemie haben wir uns gedacht, wird können von überall aus studieren. Wir wollten in den Norden, Hamburg war uns zu groß ­­– also: Bremen. Ich habe dann hier meine Masterarbeit geschrieben und bin im Januar fertig geworden.

Januar 2022? Das war ja optimales Timing mit Blick auf die Stelle im SFB.

Das war unverschämtes Glück. Zumal ich durch die Masterarbeit gemerkt habe, dass mir Forschung unheimlich viel Spaß macht.

Was hast du in deiner Masterarbeit untersucht?

Lobbyismus. Sehr spannend, aber in Deutschland noch untererforscht, weil die Datenlage im Vergleich z.B. zu den USA sehr schlecht ist. 2013 gab es eine Studie auf Europaebene von Heike Klüver. Sie hat sich angesehen, welche Faktoren ausschlaggebend sind für den Erfolg von Lobbyismus: Wie viel Geld hat ein Verband, wie viele Personen kann er mobilisieren und wie viel Information gibt er der Politik? Klüver hat Gesetzesentwürfe und fertige Gesetzestexte verglichen und dazu sämtliche Stellungnahmen von Lobbyverbänden analysiert. Dazu hat sie den Wordfish-Algorithmus benutzt. Der Algorithmus ordnet die Texte auf einer Skala ein – wenn es beispielsweise um den Ausbau von Windkraft geht, zwischen den Extrempositionen a) "So viel Windkraft wie technisch möglich" und b) "Überhaupt keine Windkraft mehr".  Dadurch erhält man, anhand der Textdokumente, eine räumliche Distanz zwischen Akteuren.

Klüver hat dann angenommen, dass Akteure, die auf der gleichen Seite der Skala sind, eine Lobbyismuskoalition abgeschlossen haben. Dann hat sie geschaut: Welche Koalition gewinnt? In welche Richtung bewegt sich der Gesetzestext, bezogen auf den ursprünglichen Entwurf? Anschließend hat sie eine multiple Regression gerechnet mit den Faktoren finanzielle Mittel der Lobbygruppen, Wähler:innenunterstützung und Informationsfluss. Das hat Klüver für 56 Gesetzgebungsverfahren gemacht. Durch die Untersuchung konnte sie einen statistisch signifikanten positiven Zusammenhang zwischen allen drei Variablen und dem Erfolg der Lobbybemühungen nachweisen. Geld besitzt dabei zwar den höchsten Einfluss und Wähler:innenunterstützung den geringsten, die Unterschiede sind jedoch minimal.

In meiner Masterarbeit wollte ich Klüvers Ansatz auf Deutschland übertragen. Ich habe mir einen eigenen Datensatz zur Energiepolitik zusammengesammelt mit rund 1500 Dokumenten. Das war extrem aufwändig, weil es in Deutschland keine zentrale Sammelstelle für Stellungnahmen zu Gesetzesentwürfen und auch keine Veröffentlichungspflicht gibt.

Als ich dann meine Regression gerechnet habe, kam heraus, dass ich 5 Prozent der Varianz zwischen Gesetzentwurf und finalem Gesetzestext erklären kann – es hat sich also im Sinne meines Erkenntnisinteresses überhaupt nicht gelohnt! Ich konnte lediglich zeigen, dass offensichtlich die Datengrundlage in Deutschland unzureichend ist, um so eine Lobbyismus-Analyse durchzuführen.

Hättest du im Rückblick etwas anders gemacht?

Ja, ich würde mein Analysesystem um den „Grad der Nähe“ als Variable erweitern: Wer lediglich eine schriftliche Stellungnahme abgibt, ist recht weit weg von den Entscheidungsgremien, wer aber den Bundesminister persönlich trifft, wird wahrscheinlich weitreichenden Einfluss haben. Ich habe Fälle recherchiert, in denen Lobbyisten sogar in Ausschüssen saßen – auch da kann man von einem großen Einfluss ausgehen.

Außerdem würde ich das Thema stärker eingrenzen: Energiepolitik als Ganzes war zu breit, und der Gesetzestext mit über 300 Seiten zu umfangreich. Die Stellungnahmen haben sich dadurch z.T. auf Abschnitte des Gesetzes bezogen, die relativ wenig miteinander zu tun hatten. Ich hätte besser vorher ein Topic Modelling machen sollen, um einen stärkeren Fokus zu erreichen.

Schön war aber, dass ich durch die automatisierte Analysemethode Textdaten in einer Menge verarbeiten konnte, die händisch nie möglich gewesen wäre.

In deiner jetzigen Arbeit im SFB knüpfst du an diese Erfahrungen und Methoden an: Was hast du genau vor?

Ich bin arbeite jetzt im Informationsinfrastrukturprojekt: Meine Aufgabe wird zunächst sein, Parteiprogramme zu sammeln und zu analysieren. Wir versuchen ja, weltweit Parteipositionen zu bestimmen und ihre Auswirkungen auf Sozialpolitik zu messen. Klassische Wege, Parteipositionen zu bestimmen, sind die Befragung von Expert:innen und die Analyse von Parteiprogrammen. Das hat aber Nachteile: Expert:innen sind nicht immer verfügbar für alle Parteien. Und Parteiprogramme sind keine objektiven Daten, sondern strategische Dokumente: Sie haben den Zweck, die Partei in einer gewünschten Art öffentlich darzustellen, und dienen nicht immer dazu, die Ziele einer Partei realistisch darzustellen. Außerdem kann sich die Position einer Partei im Laufe einer Legislaturperiode ändern.

Daher würde ich gern einen neuen Ansatz entwickeln, Parteipositionen zu messen. Meine erste Idee war über den policy output. Das hat den Schwachpunkt, dass man das nur auf Regierungsparteien anwenden kann …

… im Grunde sogar nur auf alleinregierende Parteien …

Richtig! Man müsste alle Nebenfaktoren, Koalitionspartner, Vetospieler, den Bundesrat usw. herausfiltern. Das ist schwierig.

Es gibt in Deutschland aber ein Archiv mit allen Parlamentsdiskussionen samt Namen und Parteizugehörigkeit der Redner:innen. Ich möchte versuchen, automatisiert ideologischen Positionen aus Parlamentsredebeiträgen zu entnehmen und daraus Parteipositionen herzuleiten. Dazu möchte ich noch mal etwas tiefer einsteigen in die Bereiche Quantitative Textanalyse und Natural Language Processing.

Welchen Zeitraum nimmst du dir vor?

Welchen Zeitraum ich mir anschaue, hängt aber auch von der Art des Algorithmus ab, den ich verwenden werde. Da gibt es mehrere zur Auswahl. Ich bin froh, dass wir im INF-Projekt zwei Informatikerinnen haben, mit denen ich mich über solche Dinge unterhalten kann. Sobald ich weiß, was technisch möglich ist, kann ich besser einschätzen, wie viele Dokumente ich analysieren kann und wieviel Vor- und Nacharbeit nötig sein werden.

Wirst du deine Analyse auf einen Bereich der Sozialpolitik beschränken?

Ich denke, ich werde mir nicht nur sozialpolitische Redebeiträge ansehen, sondern auch andere Bereich berücksichtigen. Bei der Bestimmung der Parteiposition möchte ich von der klassischen Einteilung in links und rechts wegkommen – mir schwebt eine doppelte Skala vor, die eine Libertäre vs. Autoritäre und eine querliegende Marktfreiheitliche vs. soziale Gerechtigkeits Dimension besitzt. Aus einer solchen Einteilung könnte eventuell auch meine Arbeit im SFB profitieren, da eine genauere Bestimmung der sozialpolitischen Position von Parteien auch besseren Aufschluss über den dementsprechenden Einfluss auf Sozialpolitik ermöglichen könnte. Dadurch hoffe ich, zwischen meiner Dissertation und meiner Projektarbeit weitere positive Synergieeffekte schaffen zu können.


Kontakt:
Hannes Salzmann
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-57061
E-Mail: h.salzmann@uni-bremen.de

Mai Mahmoud
Mai Mahmoud
Vor ihrem Master in Internaional Relations hat Mai für humanitäre NGOs in Ägypten gearbeitet. In ihrer Doktorarbeit möchte sie nun den Einfluss Internationaler Organisationen auf die Gesundheitspolitik in Ländern Nordafrikas untersuchen.

Du hast deinen Bachelor-Abschluss an der British University of Egypt gemacht. Warum hattest du dich damals für diese Universität entschieden?

Ich hatte mehrere Möglichkeiten, aber die britische Universität war am forschungsorientiertesten und die Zahl der Studierenden war kleiner. Außerdem konnte ich dort ein Abschlusszertifikat der Universität Loughborough erwerben. Das Programm sollte sowohl das ägyptische als auch das britische System abdecken. Es umfasste ein Vorbereitungsjahr und drei weitere Studienjahre. Es war sehr vielfältig und deckte die Politik aller wichtigen Regionen der Welt ab.

Hast du den Masterstudiengang direkt nach deinem Bachelorabschluss begonnen?

Nein, ich wollte erst einmal Berufserfahrung sammeln, und ich hatte den Wunsch, etwas im Bereich Entwicklung zu machen. Deshalb habe ich für NGOs gearbeitet, die sich mit humanitären und entwicklungspolitischen Themen in Ägypten beschäftigen. Ich arbeitete mit Flüchtlingen in verschiedenen Bereichen, gab Rechtsberatung, war für die Beratung von Überlebenden sexueller Gewalt zuständig und kümmerte mich um die Betreuung von Kindern mit sozialen oder Sicherheitsproblemen. Nach diesen zwei Jahren war ich bereit, wieder an die Universität zu gehen, und habe meinen Masterstudiengang in Bremen begonnen.

Warum hast du Bremen für deinen Master gewählt?

Nun, ich wurde an verschiedenen Universitäten für verschiedene Studiengänge angenommen - ein Studium im Vereinigten Königreich war eine Option, aber zu dieser Zeit hat das Ägyptische Pfund viel von seinem Wert verloren, so dass die Studiengebühren im Vereinigten Königreich praktisch unbezahlbar wurden. Letztendlich habe ich mich für Internationale Beziehungen in Bremen entschieden, weil ich viel Gutes über die Stadt und die Universität gehört habe und das IR-Programm sehr forschungsorientiert und interdisziplinär war und zu meinen Interessen an NGOs, IOs und Entwicklung passte. Außerdem war der Studiengang auf Personen zugeschnitten, die im akademischen Bereich weiterarbeiten wollen, was ich von Anfang an im Hinterkopf hatte.

Worüber hast du deine Masterarbeit geschrieben?

Es ging um die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt und die Rolle des Crony-Kapitalismus und des Neoliberalismus in Tunesien nach dem Arabischen Frühling. Der Begriff Crony-Kapitalismus ist nicht sehr bekannt, aber ein anderer Begriff ist Patrimonialkapitalismus, bei dem der Staat und der Wirtschaftssektor durch persönliche Beziehungen miteinander verflochten sind. Vor der Revolution hat das Regime diesen Crony-Kapitalismus genutzt, um große Teile der Wirtschaft zu steuern. Es gab viele Untersuchungen über die Auswirkungen auf die Wirtschaft, aber nicht viel über seine Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und die Arbeitslosigkeit. Damit habe ich mich befasst. Aufgrund der Pandemie und der Reisebeschränkungen war es schwierig - ich konnte nicht so viel Feldforschung betreiben, wie ich geplant hatte.

Was waren deine wichtigsten Erkenntnisse?

Der Crony-Kapitalismus hatte einen negativen Einfluss auf den Arbeitsmarkt in Tunesien. Dies ist darauf zurückzuführen, dass er sich auf unproduktive Sektoren (die für das System der Vetternwirtschaft von Interesse waren) und informelle Arbeitnehmer konzentriert. Dies hatte zur Folge, dass junge Menschen mit Hochschulabschluss keine ihren Qualifikationen entsprechenden formellen Arbeitsplätze finden konnten und die Schaffung von Arbeitsplätzen beeinträchtigt wurde. Außerdem konnten sich kleine Unternehmen aufgrund des Wettbewerbs mit Monopolen nicht entfalten. All dies trug zum Anstieg der Arbeitslosigkeit bei. Diese Auswirkungen waren auch nach der Revolution noch erheblich (trotz des demokratischen Übergangs und des Regimewechsels). Bis heute spielt der Crony-Kapitalismus eine Rolle bei der Beschäftigung; von Cronies gegründete Monopole beschäftigen Familienmitglieder, ähnlich wie in der Zeit vor der Revolution. Ähnliche Praktiken setzen sich fort und beeinträchtigen die fairen Chancen auf formale Arbeitsmöglichkeiten.

Jetzt forschst du zu einem anderen Thema: Gesundheitssystemen. Hattest du schon vorher ein Interesse an Gesundheitssystemen?

Ja, ich habe bereits ein Jahr lang als studentische Hilfskraft in diesem Projekt gearbeitet. In dieser Zeit konnte ich als Co-Autorin an einem Arbeitspapier über die Einführung von Gesundheitssystemen mitarbeiten. Ich habe als studentische Hilfskraft auch in anderen Projekten des SFB gearbeitet, was mein Interesse für verschiedene sozialpolitische Bereiche während meines Masterstudiums geweckt hat. Außerdem hatte ich die Idee, zu promovieren, und wollte in dieser Richtung weiterarbeiten. Die Tatsache, dass das Projekt einen quantitativen Schwerpunkt hat, ist für mich sehr interessant - ich habe bereits etwas in diesem Bereich gearbeitet, möchte aber noch viel mehr Wissen über quantitative Methoden erwerben.

Was ist deine Rolle in dem Projekt?

Ich werde mich auf die Datenerhebung und -analyse konzentrieren, außerdem betreue ich die Länderberichts-Reihe. Was die Datenerhebung betrifft: Wir sammeln jetzt Daten über die Gesetzgebung und ihre Änderungen im Laufe der Jahre. In der ersten Phase des CRC wurden die Gesundheitssysteme zum Zeitpunkt ihrer Einführung untersucht. Jetzt wollen wir analysieren, wie sich diese Systeme im Laufe der Zeit entwickelt haben - welche sozialen Gruppen abgedeckt sind und welchen Leistungsumfang sie haben. Dazu müssen wir die Gesetzestexte zur Gesundheitsversorgung sammeln. Anschließend wollen wir künstliche Intelligenz einsetzen, um den gesamten Gesetzestext weiter zu erfassen, da dies manuell zu viel Zeit in Anspruch nehmen würde. Die Daten werden mit Hilfe von Regressions- und Netzwerkanalysen quantitativ ausgewertet.

Hast du schon einen Plan für deine Doktorarbeit?

Ja, allerdings ist er noch nicht ganz fertig. Ich möchte mich mit der Rolle internationaler Organisationen bei der Entwicklung von Gesundheitssystemen befassen, insbesondere im Nahen Osten und in Afrika. Es wird schwierig sein, an Daten heranzukommen, aber ich denke, es ist die Mühe wert: Es gibt nicht viel Literatur über diese Region, und es wäre großartig, dazu beizutragen, diese Lücke zu schließen. Ich würde mich gerne auf die Weltbank, die Weltgesundheitsorganisation und den Internationalen Währungsfonds konzentrieren und ihren Einfluss auf die Länder Nordafrikas untersuchen.

Wie sehen deine Pläne für die Zukunft nach deiner Promotion aus? Möchtest du im akademischen Bereich bleiben oder würdest du gerne wieder für NROs arbeiten?

Ich würde gerne beides miteinander verbinden - Forschung und Politikberatung. Ich möchte in Zukunft unterrichten und das während meiner Promotion erworbene Wissen nutzen, um als Politikberaterin mit dem Schwerpunkt soziale Entwicklung zu arbeiten.


Kontakt:
Mai Mahmoud
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 5
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-57079
E-Mail: abdoumai@uni-bremen.de

Dr. Jakob Frizell
Dr. Jakob Frizell
Jakob ist Experte für Friedens- und Konfliktforschung. In seiner Doktorarbeit hat er untersucht, ob und wie Regierungen wohlhabende Bevölkerungsgruppen an Kriegskosten beteiligt haben.

Jakob, du hast dich auf den Bereich der politischen Ökonomie bewaffneter Konflikte spezialisiert. Was hat dein Interesse an diesem Thema geweckt?

Ich habe mich schon immer für dieses Thema interessiert, gepaart mit einem Interesse an Armut und Entwicklung. Schon in jungen Jahren wurde mir klar, dass es einen Zusammenhang zwischen Konflikten und Unterentwicklung geben könnte. Das hat mein akademisches Interesse geweckt. Als ich beschloss, in Lund zu studieren, dachte ich: Ich fange mit dem Studiengang an, den ich am interessantesten fand, um zu sehen, ob er mir Spaß macht, und mache dann in dieser Richtung weiter. Also begann ich mit einem Kurs über Friedens- und Konfliktforschung.

War das während deines Bachelor- oder Masterstudiums?

Während meines Bachelor-Studiums. In Schweden kann man sich die Kurse aussuchen, wie man will, und so habe ich mich für Friedens- und Konfliktforschung entschieden. Und es war sogar noch interessanter, als ich gedacht hatte. Es war kein besonderer Plan, aber am Ende hat es mich auf den Weg gebracht, Friedens- und Konfliktforschung zu studieren.

Hast du dich dann während deines Masters in diesem Bereich spezialisiert?

Ich habe in einer - manche würden vielleicht sagen: seltsamen - umgekehrten Reihenfolge studiert. Während meines Bachelorstudiums habe ich mich sehr auf Friedens- und Konfliktforschung spezialisiert und auch etwas Wirtschaftsgeschichte studiert, da ich mich sehr für die großen Fragen der politischen Ökonomie und die säkularen Entwicklungen von Staaten interessiere. Aber dann habe ich mich für einen eher breit angelegten Masterstudiengang in Politikwissenschaft entschieden, was sehr gut war, weil ich dann wirklich das gesamte theoretische Instrumentarium der Politikwissenschaft kennen gelernt habe. Aber meine Leidenschaft war immer die Friedens- und Konfliktforschung, die politische Ökonomie und die Wirtschaftsgeschichte.

Danach hast du promoviert, deine Dissertation hat einen griffigen Titel: "Die Reichen für den Krieg zahlen lassen". Haben die Reichen wirklich für den Krieg bezahlt bzw. bezahlen sie ihn?

Nun, die kurze Antwort ist, dass sie es früher getan haben, aber jetzt nicht mehr.

Ich habe ein Semester im Libanon studiert und dabei festgestellt, dass es in der Post-Konflikt-Gesellschaft nicht nur um ethnische Feindseligkeiten geht, sondern auch um die sozialen und wirtschaftlichen Probleme, die nach einem Konflikt auftreten. Gleichzeitig begann ich, mich intensiv mit der politischen Ökonomie und der geschichtlichen Literatur zu befassen, die auf den Erfahrungen des totalen Krieges in Europa und Nordamerika beruht. Es hat mich wirklich fasziniert zu sehen, dass dieser Krieg eine Ausweitung der progressiven Besteuerung und eine enorme Umverteilung von den Reichen zu den Armen auslöste. Es gab sehr starke Gerechtigkeitsargumente, die in diese Richtung gingen. Was ich im Libanon gelernt habe, war, dass die Forderungen nach Fairness oder die Vorstellungen von Ungerechtigkeit so stark waren wie zum Beispiel in Frankreich während des Zweiten Weltkriegs. Das hat mein Interesse geweckt. Ich wollte sehen, ob ich diese Theorien, die auf den europäischen und nordamerikanischen Entwicklungen des Ersten und Zweiten Weltkriegs basieren, auf die heutige Welt und auch auf zivile Konflikte anwenden kann.

Um auf deine Frage zurückzukommen: Was ich herausgefunden habe, ist, dass man während des Kalten Krieges in den Entwicklungsländern überall auf der Welt sehr ähnliche Muster beobachten konnte. Nämlich, dass Kriege - ob Bürgerkriege oder zwischenstaatliche Kriege - Forderungen nach Umverteilung auslösen. Und diesen Forderungen folgten die Regierungen mit der Einführung von manchmal erstaunlich progressiven Steuern. In diesem Sinne mussten auch die Reichen für den Krieg zahlen - nicht nur in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, sondern auch während der Bürgerkriege in Mosambik oder El Salvador in den 1970er und 1980er Jahren.

Aber hast du festgestellt, dass diese progressive Besteuerung wirklich einen Umverteilungseffekt hatte, oder ist es den Reichen mehr oder weniger gelungen, sich ihr zu entziehen?

Damit hast du die größte Schwäche meiner Dissertation auf den Punkt gebracht! Ich bin kein Wirtschaftswissenschaftler, ich habe mich ausschließlich mit der Politik beschäftigt und nicht mit deren wirtschaftlichen Auswirkungen. Das ist etwas, was ich in Zukunft gerne machen würde: zu sehen, ob dies tatsächlich eine Auswirkung auf z.B. den Gini-Index hat. Aber was ich mit den wenigen Daten, die ich sammeln konnte, festgestellt habe, war: Oft waren diese Steuern tatsächlich effektiv. Ob die reichsten Leute zahlen mussten, ist eine etwas schwierigere Frage. Aber in den meisten Fällen waren diese Steuern tatsächlich sehr effizient, und das finde ich interessant, wenn man bedenkt, dass diese Steuern vor allem in den Entwicklungsländern weithin als fast symbolisch angesehen werden.

Du hast ziemlich umfangreiche Datensätze über die Steuerpraktiken von etwa 60 oder sogar mehr Ländern zusammengestellt, die von Konflikten betroffen waren. Könntest du diese Datensätze ein wenig genauer beschreiben?

Um die Fragestellung meiner Dissertation zu untersuchen, wollte ich wirklich harte Daten haben. Man kann die Gültigkeit dieser Daten immer in Frage stellen, aber ich wollte eine Art Basis haben, von der ich ausgehen kann. Meine Idee war es also, Daten zu den Spitzensteuersätzen für alle Länder zu sammeln, die in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg größere bewaffnete Konflikte erlebt haben.

Hast du die Jahre nach dem Konflikt oder auch die Jahre während des Konflikts betrachtet?

Ich habe eigentlich alle Jahre betrachtet - vor dem Konflikt, während und nach dem Konflikt. Ich wählte eine Stichprobe aller Länder, die Konflikte erlebt hatten, aber vor 1960 ist es extrem schwierig, an Daten heranzukommen, weil der IWF erst in den frühen 1960er-Jahren begann, detaillierte Berichte zu erstellen, die oft, aber nicht immer, Informationen über Steuersätze enthielten. Mein Doktorvater Philipp Genschel hat mich von Anfang an davor gewarnt, ein so umfangreiches Datenerhebungsprojekt in Angriff zu nehmen, weil er wusste, wie schwierig dies für Länder außerhalb der OECD sein würde. Aber obwohl es viel Zeit in Anspruch nahm, war es sehr befriedigend. Und am Ende habe ich durch die Lektüre dieser alten IWF-Berichte viel mehr gelernt als durch die Lektüre von Literatur aus zweiter Hand. Letztendlich hat es sich wirklich gelohnt, in die Archive zu steigen - selbst wenn man eine Woche damit verbringt, einen bestimmten Datenpunkt vergeblich zu suchen, findet man doch einige andere Dinge, und das bereichert einen.

Auf diese Weise habe ich etwas über Kriegssteuern herausgefunden. Ursprünglich wollte ich nur Daten über die Spitzensteuersätze sammeln, aber dann fand ich in den Fußnoten dieser Berichte sehr interessante Steuern, die für den Wiederaufbau, für die Flüchtlingshilfe oder für die Kriegsführung bestimmt waren. Schließlich begann ich, auch über diese Art von Steuern Daten zu sammeln, und es entstand ein globaler Datensatz zu diesen Steuern. Ich habe ihn in meiner Dissertation verwendet und versuche jetzt auch, etwas darüber zu veröffentlichen. Der Ursprung dieses Datensatzes war eher eine zufällige Entdeckung. Aber mit ihm kann ich einige wichtige Fragen zur politischen Ökonomie von vom Krieg geprägten Ländern beantworten.

Das klingt nach einer perfekten Vorbereitung auf die Arbeit, die du hier am SFB machen wirst, denn eine solch gründliche Datenerhebung ist das Herzstück der meisten unserer Projekte. Das führt mich zu der nächsten Frage: Was hat dich dazu bewogen, nach Bremen zu kommen?

Ich habe ein wenig mit Laura Seelkopf zusammengearbeitet, die in den ersten vier Jahren zum SFB-Team gehörte, und so wurde ich auf die umfangreiche Datenerhebung aufmerksam, die hier stattfand. Ich habe dann mit Carina Schmitt gesprochen, die mir viel über ihr Projekt erzählt hat, und das klang sehr interessant: Nachdem ich mich vier Jahre lang nur mit Steuern beschäftigt hatte, hatte ich das Gefühl, damit abgeschlossen zu haben. Aber ich wollte die politische Ökonomie und die politischen Folgen von Konflikten nicht aufgeben. Als Carina mir diese fantastischen Daten über die Sozialpolitik und die Möglichkeit, den Zusammenhang zwischen Bürgerkriegen und Sozialpolitik zu untersuchen, quasi auf dem Präsentierteller anbot, dachte ich, dass dies eine ideale Fortsetzung meiner Doktorarbeit wäre. Akademisch gab es nicht viel zu überlegen, es war eine fantastische Gelegenheit.

Was ist jetzt deine Rolle im Teilprojekt B10?

Natürlich bin ich nicht der Experte für Sozialpolitik, die Federführung in diesem Bereich überlasse ich anderen. Mein Fachwissen bezieht sich auf Bürgerkriege und zeitgenössische Konflikte im Allgemeinen. Daher denke ich, dass ich die Verantwortung für die Konfliktseite der Dinge übernehmen werde, insbesondere wenn es um Bürgerkriege geht. Und ich werde eine Fallstudie über Angola erstellen, mit der ich mich schon ein wenig beschäftigt habe, was sehr spannend sein wird. Mir gefällt der Anspruch dieses Projekts, die Makroanalyse mit dem Ansatz einer Fallstudie zu verbinden. Ich versuche auch, einen Datensatz zusammenzustellen, der die Intensität zeitgenössischer Kriege etwas genauer misst, als es derzeit der Fall ist. Das ist unser Bestreben, und ich hoffe, dass wir einige "revolutionäre" Analysen zu den politischen Auswirkungen von Kriegen erstellen können.

Was sind deine Pläne für deine akademische Laufbahn?

In erster Linie hoffe ich, dass ich weiterhin viel Zeit mit empirischer Forschung verbringen kann und in der Lage bin, das besagte Interesse an den großen Fragen der politischen Ökonomie und der Staatsentwicklung mit den tatsächlichen Problemen vor Ort in den vom Krieg betroffenen Ländern zu verbinden - immer mit einer gewissen normativen Verankerung. Im Moment bin ich einfach super glücklich, dass ich die nächsten Jahre vor mir habe, in denen ich mich voll und ganz auf diese Themen konzentrieren kann.


Kontakt:
Dr. Jakob Frizell
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 3
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58602
E-Mail: jfrizell@uni-bremen.de

Die SFB-Teilprojektleitenden haben mit dem Dean und dem Geschäftsführer der BIGSSS das strukturierte Ausbildungsprogramm besprochen, dass im September beginnt.

Am Donnerstag haben sich die Teilprojektleiter:innen des SFB 1342 mit dem Dean der Bremen International Graduate School of Social Sciences (BIGSSS), Patrick Sachweh, und dem BIGSSS-Geschäftsführer Christian Peters getroffen, um den aktuellen Planungsstand der Ausbildung der SFB-Doktorand:innen zu besprechen.

Die an der Universität Bremen angestellten Doktorand:innen durchlaufen als Affiliated Fellows das strukturierte Ausbildungsprogramm der BIGSSS, das für diese Kohorte im September 2022 beginnt. Die Ausbildung an der BIGSSS ist zu Beginn sehr arbeitsintensiv: Der Zeitbedarf beträgt im ersten Semester etwa 1,5 bis 2 Tage pro Woche, geht in den darauffolgenden Semestern jedoch deutlich zurück.

Kern des Wintersemesters 22/23 sind a) das wöchentlich stattfindende „Core Theory Seminar“, das eine breite Einführung in Theorien, Theorieansätze und Forschungsrichtungen zur Dynamik der Sozialpolitik aus verschiedensten disziplinären und theoretischen Perspektiven bietet, und b) der ebenfalls wöchentliche Proposal Workshop, bei dem die Doktorand:innen die Themen ihrer Doktorarbeiten entwickeln und diskutieren.

Im Laufe des Sommersesters 2023 werden alle Doktorand:innen ihr Proposal im Rahmen des Doctoral Colloquiums verteidigen und auf dem BIGSSS Summer Retreat vorstellen. Neben einer Monographie ist auch eine kumulative Abschlussarbeit möglich, bestehend aus drei Aufsätzen und einem theoretischen Rahmen.

Ab dem zweiten Jahr wird das Ausbildungsprogramm an der BIGSSS flexibel an den Bedarf und die Wünsche der SFB-Doktorand:innen angepasst werden („demand oriented curriculum“). Die Seminare und Workshops werden durch Vernetzung mit anderen Einrichtungen der Universität Bremen und externe Referent:innen abgedeckt.

Die Doktorand:innen, die an den am SFB 1342 beteiligten Universitäten in Bamberg und Bielefeld beschäftigt sind, werden zwar nicht Fellows der BIGSSS, können aber nach eigenem Ermessen Teile des Kursprogramms belegen. Zudem werden sie zum BIGSSS-Retreat eingeladen, um dort die Pläne für ihre Abschlussarbeiten vorzustellen.

Prof. Lyle Scruggs, PhD
Prof. Lyle Scruggs, PhD
Lyle Scruggs von der University of Connecticut ist diese Woche zu Gast beim SFB 1342, um eine für unsere Teilprojekte zentrale Frage zu diskutieren: Wie lässt sich die Generosität von sozialpolitischen Programmen genauer messen und vergleichbar machen?

Diese Woche besucht Lyle Scruggs (University of Connecticut) den SFB 1342 - leider nur per Videokonferenz -, um methodische Fragen zu erörtern, die für die eigene Forschung des SFB von großer Bedeutung sind: Wie kann man die Generosität von wohlfahrtsstaatlichen Programmen messen, um einen aussagekräftigen internationalen Vergleich zu ermöglichen?

Am Mittwoch hielt Scruggs einen Vortrag zum Thema "Benefit inequality in social benefit rights", in dem er traditionelle Ansätze zur Erfassung der Großzügigkeit von Sozialleistungen (z.B. Messung der Ausgaben für Sozialprogramme pro Kopf oder relativ zum BIP; Ersatzraten für einen "typischen Verdiener") und deren Unzulänglichkeiten diskutierte: Solche weit gefassten Perspektiven vernachlässigen die Stratifikation vieler Sozialprogramme, die bestimmte Gruppen privilegieren oder den Durchschnittsverdiener als Bezugspunkt nehmen. Ein Beispiel: Die durchschnittliche Ersatzquote eines Sozialversicherungsprogramms ist alles andere als ein idealer Indikator für die Bewertung der Großzügigkeit des Programms, da die Aussagekraft der gezahlten Leistung je nach Haushaltstyp unterschiedlich ist: Eine Ersatzrate einer Arbeitslosenversicherung von, sagen wir: 60 % mag für einen Ein-Personen-Haushalt recht komfortabel sein - für einen Vier-Personen-Haushalt mit einem Alleinverdiener, geschweige denn für Alleinerziehende, stellt sie jedoch eine erhebliche Herausforderung dar.

Es wird wahrscheinlich nie möglich sein, die Großzügigkeit von Sozialschutzprogrammen anhand einer Handvoll Indikatoren perfekt abzubilden. Die Arbeit von Lyle Scruggs versucht jedoch zumindest, sich diesem Ideal anzunähern: Sein Comparative Welfare Entitlements Project (CWEP) erhebt die Lohnersatzraten von Sozialversicherungsprogrammen in 33 Ländern und setzt sie in Beziehung zu zehn Haushaltstypen (differenziert nach der Anzahl der Personen, Erwerbstätigen und Kinder pro Haushalt sowie nach Einkommensklassen). Durch den Vergleich der verschiedenen Haushaltstypen ermittelt Scruggs ein Maß für die Ungleichheit der Sozialversicherungsprogramme.

In seinem Vortrag beim SFB 1342 kombinierte Scruggs für eine Stichprobe westlicher Industrieländer das Maß der Ungleichheit ihrer Sozialversicherungssysteme mit ihrer Lohnersatzquote für den durchschnittlichen Arbeitnehmer: Es besteht ein offensichtlicher Zielkonflikt zwischen der innergesellschaftlichen Gleichheit der Leistungen und der allgemeinen Großzügigkeit der Programme.

Die Sozialversicherungssysteme liberaler Wohlfahrtsstaaten wie Australien und Neuseeland weisen ein hohes Maß an Gleichheit bei niedrigen Lohnersatzquoten auf. Die meisten anderen Länder haben wesentlich höhere Lohnersatzquoten, aber die Leistungen sind aufgrund der starken Abhängigkeit der Leistungshöhe von den Löhnen sehr ungleich. Dänemark bildet hier eine Ausnahme mit relativ hoher Gleichheit bei relativ hohen Lohnersatzquoten. Betrachtet man die Entwicklung der letzten fast 30 Jahre, so sticht Großbritannien hervor: Die Leistungen der Sozialversicherung sind ungleicher geworden und wurden gleichzeitig gekürzt.

In einem Workshop am Donnerstag wird Lyle Scruggs mit einigen der Projekte des SFB 1342 zusammenarbeiten: Gemeinsam werden sie erörtern, wie diese Projekte die Generosität und Abdeckung von Sozialschutzprogrammen in ihrem Forschungsbereich definieren, messen und kodieren können.

Das Projekt untersucht wohlfahrtsstaatliche Rechte von Einwander:innen und benötigt Unterstützung bei der Literatur- und Datenrecherche sowie bei der Planung der Feldarbeit. Die Arbeitszeit beträgt 8 bis 10 Stunden/Woche.

Der SFB 1342 sucht im Teilprojekt B04 Ursachen von Inklusion und Exklusion. Wohlfahrtsstaatliche Rechte von Einwander*innen im globalen Vergleich (Leitung: Dr. Friederike Römer) zum nächstmöglichen Zeitpunkt

eine studentische Hilfskraft (w/m/d)

mit 8 bis 10 Wochenstunden. Die Stelle ist zunächst bis Ende des Jahres befristet, eine schrittweise Verlängerung bis Ende 2024 würde bei Wunsch angestrebt. Interessent*innen sollten bereit sein, bis mindestens Ende 2023 für das Projekt tätig zu sein. Abwesenheiten von bis zu drei Monaten im Rahmen von Praktika o.ä. sind möglich, müssten aber frühzeitig kommuniziert werden.  

Das Projekt ist ein Teilprojekt des von der DFG-geförderten Sonderforschungsbereichs 1342 "Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik".

Das Teilprojekt untersucht die Ursachen für die Inklusion und Exklusion von Migrant*innen in nationalen Wohlfahrtsstaaten und erforscht, wie politische Parteien und zivilgesellschaftliche Akteur*innen den Verlauf Inklusions- und Exklusionsprozessen steuern und bedingen. Das Projekt bedient sich eines mixed-methods Designs und erhebt sowohl quantitative vergleichende Längsschnittdaten wie auch detaillierte Fallstudien.

Aufgaben:

  • Literaturrecherche und -verwaltung
  • Mithilfe bei der Datenerhebung, -aufbereitung und -analyse
  • Unterstützung bei der Planung der Feldarbeit

Voraussetzungen:

  • Studium im Fach Politikwissenschaft, Soziologie oder einem anderen thematisch und methodisch einschlägigen Fach (3. Fachsemester oder höher)
  • Interesse an theoretischen und empirischen Fragestellungen in mindestens einem der folgenden Bereiche: vergleichende Wohlfahrtsstaatsforschung, Migration, Rechte von Migrant*innen, zivilgesellschaftliche Bewegungen
  • Grundkenntnisse in qualitativer oder quantitativer Datenanalyse (letzteres vorzugsweise mit R oder STATA)
  • Sehr gute Englischkenntnisse
  • Kenntnisse von Zotero oder anderen Literaturverarbeitungsprogrammen
  • Fortgeschrittene MS-Office-Kenntnisse (Word, PowerPoint, Excel)
  • Einschlägige Programmierkenntnisse sind willkommen, aber nicht unbedingt notwendig (z.B. Web scraping, quantitative Textanalyse)

Wir bieten:

  • Einblicke in ein interessantes Arbeits- und Forschungsfeld
  • Mitarbeit in einem freundlichen, interdisziplinären Team
  • Vergütung nach den für studentische Hilfskräfte üblichen Sätzen an der Universität Bremen
  • Möglichkeit, das Thema der Abschlussarbeit projektnah zu wählen


Ihre Bewerbung mit Lebenslauf, einem kurzen Motivationsschreiben, Transcripts of Records und ggf. Bachelorzeugnis senden Sie bitte als ein PDF-Dokument bis zum 29.07.2022 an:
Jakob Henninger (jakob.henninger@uni-bremen.de). Jakob Henninger steht auch bei eventuellen Rückfragen zur Verfügung.

Die Auswahlgespräche sind für Anfang August vorgesehen.


Kontakt:
Dr. Jakob Henninger
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Interkulturelle und Internationale Studien
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-57077
E-Mail: jakob.henninger@uni-bremen.de

Felix Lanver
Felix Lanver
Felix ist Mitglied in Teilprojekt A02 und war bereits in der ersten Förderphase an der Forschung des SFB beteiligt: damals noch als studentischer Mitarbeiter. Schwerpunkt seiner Arbeit wird die Analyse von Arbeitslosenversicherungen weltweit sein.

Lieber Felix, du bist seit Mai 2022 Mitglied des SFB 1342 – wobei: so ganz stimmt das nicht. Denn schon in der ersten Förderphase warst du an der Arbeit des SFB beteiligt und hast sogar schon etwas publiziert. Erzähl doch mal: Was war deine Rolle damals?

Ich war damals studentischer Mitarbeiter in Teilprojekt A02. Eine Aufgabe des Projekts war die Recherche zu Arbeitsunfallprogrammen weltweit, woraus die Global Work-Injury Policy Database entstanden ist, die Nate Breznau und ich erstellt haben.

Ihr habt also für alle Länder der Welt die Gesetzestexte zu Arbeitsunfällen recherchiert?

Ja, wobei es um die jeweils erste Einführung der Programme ging. Das war in einigen Fällen nicht so einfach. Manchmal wurde ein Gesetzt veröffentlicht, aber in der Praxis gar nicht umgesetzt. Wir mussten also in einem zweiten Schritt überprüfen, ob das Gesetz tatsächlich in Kraft getreten oder nur ein Papiertiger war.

Aus der Arbeit ist auch ein Aufsatz in einem Sammelband der SFB-Reihe hervorgegangen.

Richtig, Nate Breznau und ich haben uns mit den Bestimmungsfaktoren der Ersteinführung von Arbeitsunfallgesetzen beschäftigt. Es zeigt sich, dass Staatsgründung (State Formation) die Einführung von Arbeitsunfallabsicherung beschleunigt, was insbesondere für Arbeitsunfallversicherungen gilt. Außerdem spielt Demokratie eine wichtige Rolle, genauso wie Nachbarschaftseffekte.

Es ist nicht selbstverständlich, dass studentische Mitarbeiter:innen so stark in den Forschungsprozess eingebunden sind.

Absolut, das fand ich wirklich toll vom gesamten Team und speziell auch von Nate, dass er mich unter seine Fittiche genommen und dann auch die Möglichkeit gegeben hat, mehr Verantwortung zu übernehmen. Dadurch habe ich Einblicke bekommen, wie der wissenschaftliche Publikationsprozess abläuft: von ersten Workshops, bei denen man sich auf die Methoden verständigt, bis zu den Druckfahnen, wenn der Aufsatz fertig ist.

Hat dich das bestärkt, weiter in der Wissenschaft zu arbeiten?

Sehr sogar. Ich habe gemerkt, wie sehr mir die Wissenschaft gefällt und dass ich daran anknüpfen möchte.

Der Beginn der zweiten Förderphase kam in der Hinsicht zu einem perfekten Zeitpunkt.

Ja, manchmal muss man zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle sein: Ich habe Ende März 2022 mein Masterstudium abgeschlossen, der Übergang zur Stelle im SFB 1342 war also fast nahtlos.

Was hattest du studiert?

Ich war im Double-Degree-Programm “European Labour Studies and Social Policy” – das ist eine Kooperation zwischen der Uni Bremen und der Uni Mailand. Ich war je ein Jahr in Bremen und Mailand. Davor hatte ich in Bremen Integrierte Europastudien studiert. Gegen Ende des Bachelorstudiums hatte ich ein Seminar zu internationaler Sozialpolitik bei Carina Schmitt belegt. Und über Carina kam ich dann an meine Stelle als studentischer Mitarbeiter in A02.

Wie ist denn deine Rolle im aktuellen Teilprojekt A02? Arbeitest du weiter zu Arbeitsunfallprogrammen?

Nein, ich kümmere mich jetzt vor allem um Arbeitslosenversicherung. Meine Aufgabe ist zunächst, Daten zu sammeln und zu kodieren, wobei wir einen größeren Fokus auf Generosität und Abdeckung legen werden. Das Untersuchungsfeld wird bei Weitem nicht so groß sein wie bei den Arbeitsunfallprogrammen, da es wesentlich weniger Länder mit einer Arbeitslosenversicherung gibt. Dafür werden sich sicher ganz eigene Herausforderungen ergeben, z. B. wie man die Daten schließlich kodieren und mit der WeSIS-Datenbank in Einklang bringen wird.

Aber es ist sicher reizvoll, dass ihr in der Phase 2 über die Einführungszeitpunkte hinaus genauer schaut, wie die Systeme ausgestaltet sind.

Absolut! Das muss im zweiten Schritt auch passieren und bringt ganz andere, interessante Aspekte hervor. In der Sozialpolitikforschung arbeitet man oft mit klassischen Kategorisierungen, z.B. den Three Worlds of Welfare, aber was häufig fehlt, sind Fragen und Antworten zu Abdeckung und Generosität der Systeme. Wenn man Sozialpolitik analysieren möchte, aber diese Daten gar nicht hat - was gerade im Globalen Süden der Fall ist, noch viel mehr bei historischen Daten – dann steht man vor einer Research Gap. Und unter dem Gesichtspunkt ist es besonders spannend, jetzt in vorderster Linie daran mitzuarbeiten, diese Lücke zu füllen.

Hast du für deine persönliche Doktorarbeit schon ein Thema?

Ich habe einen groben Plan. Ich möchte mich mit der Pfadabhängigkeit von Sozialversicherungen auseinandersetzen und recherchiere gerade dazu, wie die frühe Einführung von Sozialpolitik Langzeitwirkung hatte auf z.B. Ungleichheit oder political trust. Die andere Frage ist etwas spezifischer: Wie sich Sozialversicherungen von anderen Programmtypen wie z.B. social assistance unterscheiden im Hinblick auf State Building und Politischer Legitimität. Methodisch werde ich wahrscheinlich Makroanalysen betreiben. Abgesehen von den sozialpolitischen Inhalten habe ich großes Interesse, mich vertieft mit Statistik und quantitativen Methoden auseinanderzusetzen.


Kontakt:
Felix Lanver
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 5
28359 Bremen
E-Mail: lanver@uni-bremen.de

Zu den Aufgaben zählen das Kodieren von Dokumenten Internationaler Organisationen, Lieraturrecherche und die Vorbereitung von Publikationen. Die Arbeitszeit beträgt ca. 35 Stunden pro Monat.

Das Projekt A05 wird von Prof. Dr. Kerstin Martens und Prof. Dr. Michael Windzio geleitet und ist Teil des Sonderforschungsbereichs 1342 "Globale Dynamiken in der Sozialpolitik". Wir untersuchen die globale Diffusion von Bildungspolitiken und wie Internationale Organisationen, die im Bereich Bildung aktiv sind, Inklusivität und Generosität für unterschiedliche soziale Gruppen proklamieren. Weitere Informationen sind unter folgendem Link zu finden:

https://www.socialpolicydynamics.de/projekte/projektbereich-a-globale-entwicklungsdynamiken/teilprojekt-a05-2022-25-

Ihre Aufgaben würden u.a. die Kodierung von Dokumenten Internationaler Organisationen, Literaturrecherchen und die Unterstützung bei der Vorbereitung von Publikationen umfassen.

Umfang:

ca. 35 Stunden pro Monat

Beginn:          

Oktober 2022
Die Stelle ist zunächst auf 6 Monate befristet, aber eine längerfristige Anstellung wir angestrebt.

Bewerbungsfrist:

15. Juli 2022

Vergütung:

12,-€/Std.

Was wir erwarten:

Grundkenntnisse sozialwissenschaftlichen Arbeitens, sehr gute Englischkenntnisse (weitere Sprachkenntnisse wären von Vorteil), generelles Interesse an Internationalen Organisationen, Bildungs- und Sozialpolitik und an qualitativ ausgerichteten Forschungsmethoden 

Was wir bieten:

Mitarbeit in einem aktuellen Forschungsprojekt, Einblicke in sozialwissenschaftliche Forschungsprozesse, flexible Arbeitszeiten, guter Teamgeist

Bitte schicken Sie Ihre Bewerbung, die ein kurzes Anschreiben und Ihren Lebenslauf enthalten sollte, an: Dr. Dennis Niemann (dniemann@uni-bremen.de).


Kontakt:
Dr. Dennis Niemann
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Interkulturelle und Internationale Studien
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-67473
E-Mail: dniemann@uni-bremen.de

Das Team des Teilprojekts B12
Das Team des Teilprojekts B12
Das Team untersucht an den Standorten Bremen und Bielefeld das Wirken Internationaler Organisationen während der Covid-19-Pandemie. In Bremen berichteten die Mitglieder von ersten Rechercheergebnissen und diskutierten Analysemethodiken.

Das Teilprojekt B12 Krisenmanagement in der Covid-19-Pandemie durch Internationale Organisationen wird von Alexandra Kaasch (Universität Bielefeld), Monika Ewa Kaminska und Kerstin Martens (beide Universität Bremen) geleitet. Seit dem 1. Juni sind alle Stellen (zwei halbe Postdoc- und zwei PhD-Stellen) besetzt, so dass das Team nun erstmals komplett zu einem persönlichen Arbeitstreffen zusammenkommen konnte. Dabei ging es zunächst um eine Bestandsaufnahme bisheriger Recherchen zu der Frage: Welchen Fokus setzen die relevanten IOs in den Bereichen Gesundheit, Arbeitsmarkt und soziale Sicherung? Außerdem hat das Team erste konzeptionelle Überlegungen angestellt, wie Leistungsumfang und Inklusivität im Zusammenhang mit dem Einfluss Internationaler Organisationen operationalisiert und messbar gemacht werden soll. 

Das Team von B12 trifft sich üblicherweise 14-tägig in Videokonferenzen. Das nächste persönliche Treffen ist für September in Bielefeld geplant.

Welche Sozialpolitiken verfolgten Ost- und Westeuropa im Kalten Krieg? Welchen Einfluss hatte die Systemkonkurrenz? Wie verlief die Transformationsphase ab 1989? Diesen Fragen widmete sich die 4. Hermann-Weber-Konferenz in Berlin.

Für den Westen stellte der kommunistische Sozialstaat eine zentrale Herausforderung im Wettbewerb der Systeme dar. Im Wettbewerb der Systeme sollte auch die sozialpolitische Überlegenheit demonstriert werden. Das Ende des Kalten Krieges und der Wegfall des Legitimationsdrucks gegenüber dem jeweils anderen System wiederum waren Gründe für die Sozialstaatsreformen in den 1990er- und 2000er-Jahren in Ost und West, die auf der Konferenz ebenfalls diskutiert wurden.

Vom SFB 1342 nahmen sechs Wissenschaftler:innen teil:

  • Herbert Obinger erläuterte die Grundlagen des Verhältnisses von Kaltem Krieg, Kommunismus und Sozialpolitik
  • Carina Schmitt und Maria Ignatova-Pfarr hielten einen Vortrag über die Rentenpolitik Bulgariens während des Kalten Krieges
  • Delia González des Reufels hielt einen Vortrag zu der Sozialpolitik der letzten chilenischen Militärdiktatur im Kalten Krieg
  • Cornalius Torp hielt einen  Vortrag zur Rentenpolitik in Ost- und Westdeutschland im Kalten Krieg
  • Lukas Grawe hielt einen Vortrag zur Legitimation pronatalistischer Familienpolitik in der DDR.


Die 4. Hermann-Weber-Konferenz fand vom 8. Bis 10. Juni 2022 in Berlin statt. Veranstalter waren die vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales geförderte Nachwuchsgruppe „Der ‚aktivierende Sozialstaat‘ – eine Politik- und Gesellschaftsgeschichte deutscher Sozialpolitik, 1979–2017“ am SOCIUM der Universität Bremen und das Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung. Gefördert wurde die Konferenz durch die Gerda-und-Hermann-Weber-Stiftung.


Kontakt:
Prof. Dr. Delia González de Reufels
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Geschichtswissenschaft / FB 08
Universitäts-Boulevard 13
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-67200
E-Mail: dgr@uni-bremen.de

Dr. Lukas Grawe
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 5
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58642
E-Mail: grawe@uni-bremen.de

Maria Ignatova-Pfarr
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 3
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-57057
E-Mail: ignatova@uni-bremen.de

Prof. Dr. Herbert Obinger
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 5
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58567
E-Mail: herbert.obinger@uni-bremen.de

Prof. Dr. Carina Schmitt
Feldkirchenstraße 21
96045 Bamberg
Tel.: 0951-863 2734
E-Mail: carina.schmitt@uni-bamberg.de

Prof. Dr. Cornelius Torp