Aktuelles

Hier finden Sie Neuigkeiten aus dem Sonderforschungsbereich "Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik": Zusammenfassungen aktueller Forschungsergebnisse, Hinweise auf Veröffentlichungen, Ergebnisse von Veranstaltungen und weiteres aus den Teilprojekten.


Dr. John Berten
Dr. John Berten
John ist Postdoc an der Uni Bielefeld und forscht u.a. zum Einfluss von Indikatoren und Zukunftsprognosen auf die Arbeit internationaler Organisatoren. In Teilprojekt B12 untersucht er die ILO als Akteur im Covid-19-Krisenmanagement.

Als erstes muss ich dich fragen, wie man deinen Vornamen ausspricht?

Da ich viel mit internationalen Kolleg:innen arbeite, lasse ich ihn inzwischen englisch aussprechen (also: dʒɒn), auch wenn meine Familie meinen Vornamen immer schwedisch (jᴐn) ausgesprochen hat – meine Mutter kommt nämlich aus Schweden.

Sehr schön, dann wäre das geklärt. Du bist Postdoc an der Uni Bielefeld und seit diesem Jahr Mitglied des SFB 1342. Beschreib doch bitte kurz deinen akademischen Werdegang.

Ich habe in Bielefeld studiert, im Bachelor Sozialwissenschaften und im Master Soziologie. Während dieser Zeit war ich Hilfskraft in einem Projekt von Lutz Leisering, in dem es um die Ausweitung sozialer Grundsicherungssysteme im Globalen Süden ging. Diese Arbeit hat mein Interesse für Sozialpolitik und Sozialpolitikforschung geweckt, und ich habe auch meine Masterarbeit im Rahmen dieses Projektes geschrieben. Im Anschluss bin ich nach Bremen gegangen und habe als Fellow an der BIGSSS meine Doktorarbeit geschrieben. Mein Erstbetreuer war Martin Nonhoff, und mein Zweitbetreuer Lutz Leisering. Den Abschluss meines Doktors habe ich mit einer Stelle in Bielefeld verbunden und bin anschließend als Postdoc nach Tübingen gegangen zu Martin Seeleib-Kaiser im Arbeitsbereich Comparative Public Policy. Und jetzt bin ich wieder in Bielefeld gelandet, bei Alexandra Kaasch.

Deine Doktorarbeit würde mich genauer interessieren? Wozu hast du geforscht?

Über den Einfluss von Indikatoren und Statistiken in der Globalen Sozialpolitik. Dieses Thema hat mich schon während meiner Arbeit als Student in dem Bielefelder Projekt sehr interessiert: Da wurde deutlich, welchen Einfluss auf die Ausweitung sozialer Grundsicherung die Tatsache hatte, dass man ein individuelles Armutsmaß zur Verfügung hatte: "One Dollar a Day". Das entstand erst um 1990. In meiner Masterarbeit habe ich aufgeschlüsselt, dass dieses Maß eine der epistemischen bzw. wissensbedingten Grundbedingungen dafür war, dass die Grundsicherungspolitiken so einen großen Anklang fanden. Und das habe ich im Rahmen meiner Doktorarbeit weiter ausgeführt und gefragt, welchen sonstigen Wissens-Voraussetzungen globale Sozialpolitik unterliegt: Ich habe eine historische Arbeit geschrieben über die Rolle internationaler Organisationen in diesem Zusammenhang, mit der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und der Weltbank als Fallbeispiele. Ich habe also untersucht, wie diese beiden IOs globale Sozialpolitik als Wissensobjekt mit Hilfe von Zahlen, Indikatoren und Statistiken konstituiert haben.

Kannst du ein Beispiel geben?

Ein Aspekt war die Frage, wie verschiedene Modelle sozialer Sicherung international vergleichbar gemacht werden. Das ist ja nicht selbstverständlich. Wir hatten überall in der Welt, aber auch in Europa verschiedene Modelle sozialer Sicherung, und die ILO hat in ihren ersten Statistiken diese Modelle miteinander vergleichbar gemacht. Dadurch hat die ILO neue Kategorien geschaffen und Dinge, die zuvor als unvergleichbar galten, in einen Zusammenhang gebracht. In meiner Dissertation habe ich mir angeschaut, wie sich diese Vergleiche im Laufe der Zeit gewandelt haben.

Wie stehst du denn der Tatsache gegenüber, dass man versucht, die gesamte Welt mit dem gleichen Maß zu messen? Das hat ja Vor- und Nachteile …

Ja, das hat Vor- und Nachteile und das ist auch ein wissenschaftliches Interesse, auch hier am SFB. Ich denke, es ist wichtig, dass man reflektiert an solche Untersuchungen bzw. Vergleiche und deren Ergebnisse herangeht und sich der Auswirkungen bewusst ist, die solche scheinbar unschuldigen epistemischen Instrumente haben. Wissenschaftliche Vermessungen und Vergleiche sind das eine, aber es hat noch einmal eine andere Tragweite, wenn wir uns die Arbeit internationaler Organisationen anschauen: Manche IOs bringen durch Vergleiche nicht nur Dinge in einen Zusammenhang, sondern sie erzeugen direkte politische Effekte beispielsweise über Performance-Vergleiche.

Da fallen mir sofort die PISA-Vergleichsstudien der OECD ein …

Das ist ein passendes Beispiel, ja.

In dem SFB-Teilprojekt B12 befasst ihr euch mit dem Krisenmanagement internationaler Organisationen während der Corona-Pandemie. Was ist dabei deine Rolle?

Es geht darum, welche Ideen und Vorschläge IOs im Rahmen dieses Krisenmanagements entwickelt haben. Das bezieht sich sowohl auf die Covid-Eindämmungsmaßnahmen direkt als auch auf politische Antworten auf sozio-ökonomische Auswirkungen der Pandemie. Ich beschäftige mich dabei schwerpunktmäßig mit der ILO, zu der ich ja schon in der Vergangenheit gearbeitet habe. Mein spezielles Interesse, das über den eigentlichen Projektkontext hinausgeht, gilt dabei der Bedeutung unterschiedlicher Formen, die Zukunft zu visualisieren. Ich schaue mir beispielsweise Krisennarrative an.

Mit dem Thema Krisen beschäftigst du dich schon länger: In deinem jüngsten Aufsatz analysierst du, wie internationale Organisationen auf den technologischen Wandel und den globalen Klimawandel reagieren.

Genau. Das Paper geht aus einem Projekt zu "anticipatory global governance" hervor, das ich mit Mathias Kranke von der Uni Kassel gestartet habe – es geht um die Frage, wie internationale Organisationen Zukünfte abbilden und welchen Effekt das auf ihre Politikgestaltung hat. Aus einer Reihe von Workshops ist bisher ein Special Issue in Global Society entstanden, in dem auch dieses Paper erschienen ist. Weitere Publikationen sind aber schon in Vorbereitung.

Mein Interesse war dadurch begründet, dass aktuelle sozialpolitische Diskurse häufig mit der Frage der Zukunft verbunden sind. Beim Klimawandel geht es darum, wie der Klimawandel begrenzt werden kann und wie man auf die Auswirkungen reagieren kann. Aber auch in Diskursen zu Digitalisierung und Automatisierung der Arbeit geht es um die Zukunft. Ich habe mir angeschaut, wie sich die verschiedenen Weisen, die Zukunft der Automatisierung der Arbeit und die Zukunft des Klimawandels zu beschreiben, auf sozialpolitische Vorschläge internationaler Organisationen niederschlagen. Dabei habe ich zwei Unterschiede festgestellt in der Weise, wie die Zukunft wirkt, was sich mit den Begriffen "Preparation" und "Precaution" zusammenfassen lässt. Entscheidend dabei ist: Wie sicher sind sich internationale Organisationen, dass eine bestimmte Prognose der Zukunft tatsächlich eintreten wird, und das hängt zusammen mit der Weise, wie die Zukunft "wissbar" gemacht wird. Im Falle des Klimawandels liegen, meist quantitative, Simulationen und Prognosen zugrunde, durch die internationale Organisationen mit großer Sicherheit davon ausgehen, dass die Welt sich in dieser und jener Weise verändern wird. Diese Sicherheit schlägt durch auf die Weise, wie IOs ihre sozialpolitischen Vorschläge diskursiv untermauern können: Demnach ist "Preparation" notwendig - wir müssen uns vorbereiten. In den Digitalisierungs- und Automatisierungsdiskursen liegen eher narrative Expertenurteile zugrunde,  die Prognosen der Zukunft sind daher umstrittener – aber wir sollten vorsorglich handeln: Stichwort "Precaution". Das hat natürlich beispielsweise Auswirkungen darauf, mit welcher Dringlichkeit Organisationen ihre Vorschläge bewerben können.

Sprechen wir noch kurz über deine persönliche Zukunft: Was sind deine Pläne für die Zeit nach der 2. Förderphase des SFB?

Ich möchte in der Wissenschaft bleiben, dementsprechend arbeite ich hier in Bielefeld an meiner Habilitation.

Dafür wünsche ich dir viel Erfolg. Vielen Dank für das Gespräch!


Kontakt:
Dr. John Berten
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Fakultät für Soziologie
Universitätsstraße 24
33615 Bielefeld
Tel.: +49 521 106-4457
E-Mail: john.berten@uni-bielefeld.de

Anh Tran
Anh Tran
Vor ihrem Wechsel zum SFB hat Anh in Entwicklungsprojekten zu sozialer Sicherung gearbeitet. Als Doktorandin in Teilprojekt A06 forscht sie nun zu Kindergeld und dessen Effekt auf soziale Inklusion.

Liebe Anh, was hast du vor dem SFB gemacht?

Ich bin von London hierher gezogen, wo ich für Development Pathways gearbeitet habe, eine wissenschaftliche Beratungsagentur. Ich habe mich hauptsächlich mit Fragen der Inklusion und Exklusion im Bereich sozialer Sicherung beschäftigt.

An wen war die Arbeit gerichtet?

Die Agentur ist international ausgerichtet, und die meisten Projekte wurden von den Vereinten Nationen und Nichtregierungsorganisationen in Auftrag gegeben: Ich habe mit Akteuren im Globalen Süden zusammengearbeitet, u. a. bei der Beratung von Regierungsbehörden und bei Forschungsarbeiten mit lokalen Communities. Ich habe an Projekten in mehreren Ländern in Ostafrika und Asien mitgewirkt.

War das dein erster Job nach der Universität?

Ja, ich habe etwa fünfeinhalb Jahre lang für Development Pathways gearbeitet. Davor habe ich in Maastricht meinen Master-Abschluss in Public Policy und Human Development gemacht. Ich hatte das Glück, eine forschungsbezogene Stelle im Bereich Sozialschutz zu finden, da dies der Schwerpunkt meines Masterstudiums war. Ich habe mich auf Sozialschutz, Politikdesign und Finanzplanung spezialisiert.

Worüber hast du deine Masterarbeit geschrieben?

Ich habe über die Ungleichheit der Bildungschancen in Vietnam geschrieben. Inspiriert wurde ich dadurch, dass meine Familie von dort stammt, und dass ich wusste, dass das Bildungssystem zunehmend privatisiert wird und der Zugang zu Bildung mehr von privaten Mitteln abhängt. Das hat mein Interesse geweckt, die Ursachen für diese Ungleichheiten genauer zu untersuchen.

Was ist deiner Ansicht nach die Ursache für diesen Privatisierungstrend und diese Ungleichheiten im Bildungsbereich?

Das Wirtschaftswachstum hat zu einem Rückgang des allgemeinen Armutsniveaus und einem Anstieg des Grundbildungsniveaus geführt, gleichzeitig hat die Marktwirtschaft bei der Bereitstellung von Bildung in Vietnam an Bedeutung gewonnen.  Interessanterweise konnte ich keinen signifikanten Unterschied zwischen den Bildungschancen - in Bezug auf die Qualität der Bildung und den Bildungserfolg - von Schüler:innen feststellen, die eine öffentliche oder private Schule besuchen. Allerdings spielte das Vorhandensein von Bildungs- und Kulturressourcen im Elternhaus eine Rolle. Das Wohlstandniveau der Familien und ihr Zugang zu Ressourcen, die das schulische Engagement ihrer Kinder fördern, wirkten sich also auf die schulischen Leistungen aus. Außerdem waren Schüler:innen aus ländlichen Hochlandgebieten, in denen mehr ethnische Minderheiten leben, stärker benachteiligt. In anderen Studien wurde auch festgestellt, dass immer mehr Kinder in städtischen Gebieten Privatunterricht oder Nachhilfe erhalten, was zu größeren Ungleichheiten zwischen den Bevölkerungsgruppen führt.

Du kommst aus den Bereichen Sozialschutz und Bildungspolitik. Wie groß ist die Umstellung für dich, jetzt für das SFB-Projekt A06 zu arbeiten, das Familienpolitik untersucht?

Die Umstellung ist eigentlich nicht allzu groß. In meiner Masterarbeit habe ich mich zwar mit Bildungspolitik beschäftigt, aber der Schwerpunkt lag eher auf Gerechtigkeit und sozialer Ausgrenzung. Bei Development Pathways habe ich mich auf ähnliche Probleme konzentriert, aber untersucht, wie diese durch soziale Sicherheit gelöst werden können. Ich habe mich mit den Möglichkeiten befasst, Einkommenssicherheit über den gesamten Lebenszyklus hinweg anzugehen - von der Kindheit bis ins hohe Alter, einschließlich der Herausforderungen für Menschen mit Behinderungen. Im Rahmen des Projekts A06 werde ich mich vor allem auf die Erhebung von Daten und die Bewertung der Reichweite und Generosität von Kindergeld konzentrieren.

Kindergeld ist in den OECD-Ländern/im Globalen Norden weit verbreitet - wie sieht es im Globalen Süden aus?

Im Globalen Süden gibt es eine beträchtliche Anzahl von Ländern, die irgendeine Art von Kindergeld zahlen, allerdings in sehr unterschiedlichen Ausprägungen und Größenordnungen. In einigen Ländern Afrikas und Asiens gibt es beispielsweise Sozialversicherungsregelungen für Familien, die jedoch nur für bestimmte Sektoren des formellen Arbeitsmarktes gelten. Eine wachsende Zahl von Ländern führt - auch unter dem Einfluss der globalen Agenda - Geldtransfers (Social Cash Transfers) zur Unterstützung von Familien ein, obwohl diese oft auf den gesamten Haushalt ausgerichtet sind und die Kriterien für die Berechtigung vom Armuts- oder Gefährdungsstatus abhängen. Sie waren in erster Linie als Armutsbekämpfung gedacht und nicht als individuelle Kinderbeihilfe, wie wir sie in den meisten Ländern des Globalen Nordens finden.

Würdest du diese Länder dann von deiner Untersuchung ausschließen? Ich vermute, man müsste sehr genau definieren, wie das Kindergeld aussehen muss, um die Daten vergleichbar zu halten ...

Nun, das ist in der Tat noch die Frage. Mein Vorgänger Simone Tonelli hat sich bereits mit den historischen Wurzeln des Kindergeldes und mit der Gesetzgebung befasst. Und er hat auch eine ganze Reihe von Geldtransferprogrammen mit einbezogen. In meiner Dissertation möchte ich untersuchen, wie diese Art von Programmen entstanden ist und welchen Einfluss transnationale Institutionen auf die nationale Politikgestaltung hatten. Und aus der Geschlechterperspektive möchte ich untersuchen, wie wirksam diese Programme in Bezug auf die Unterstützung von Familien und Frauen sind und die Kosten für die Kinderbetreuung berücksichtigen, und ob sie wirklich die soziale Inklusion fördern oder auf der traditionellen Rolle der Frauen als Mütter und Kinderbetreuerinnen beruhen, was ein Hindernis für ihre Teilnahme am Arbeitsmarkt darstellen kann.

Wie möchtest du die Daten erheben? Kannst du globale Datenbanken über das Internet nutzen oder musst du auch reisen, um dir konkrete Fälle ansehen?

Ich bin noch dabei, das zu klären. Es gibt eine ganze Reihe von Daten, die unser Team in WeSIS eingespeist hat, und es gibt Datensätze, die versuchen, die Teilhabe von Frauen sowie die Reichweite und Generosität von Kindergeld zu messen. Aber über die Makroebene hinaus möchte ich in meiner Dissertation Methoden-Mix anwenden, also quantitative Methoden mit qualitativen Fallstudien kombinieren. Das würde es mir ermöglichen, auch die Intersektionalität sozialer Inklusion und Exklusion zu erforschen, d. h. die Frage, ob Inklusion und Exklusion nicht nur mit dem Geschlecht, sondern auch mit der sozialen Stellung in der Gesellschaft, dem Einkommen, der ethnischen Zugehörigkeit, der Kaste oder einer Behinderung zu tun haben.

Das klingt ziemlich spannend!

Vielleicht ein bisschen ambitioniert, und ich werde es sicher eingrenzen müssen, aber ja, ich bin hochmotiviert!

Hast du schon irgendwelche Pläne für die Zeit nach deiner Promotion?

Bei meiner vorherigen Arbeit ging es um die Umsetzung von Forschungsprojekten, eine Mischung aus Beratung und Unterstützung von Regierungen und politischen Entscheidungen. Ich bin dann von der Beratung zum SFB gewechselt, weil ich die Forschungsaspekte meiner Arbeit schon immer spannend fand. Und genau darauf konzentriere ich mich jetzt. Generell interessiere ich mich aber sehr dafür, wie Forschung und politische Entscheidungsfindung ineinandergreifen. Ich bin mir noch nicht sicher, in welcher Eigenschaft ich weiterarbeiten möchte, aber ich bin sicher, dass ich im Laufe der Promotion eine Idee dazu bekommen werde.


Kontakt:
Anh Tran
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-57089
E-Mail: atran@uni-bremen.de

Fabienne Müller
Fabienne Müller
Nach einigen Jahren in der Diplomatie ist Fabienne an die Uni zurückgekehrt. Sie promoviert im Fach Geschichte und untersucht für den SFB die Handels- und Sozialpolitik der USA seit 1970.

Liebe Fabienne, du bist seit zwei Monaten Mitglied des SFB 1342 - was hast du davor gemacht?

Die letzten Jahre war ich in Warschau, wo ich in der Deutschen Botschaft gearbeitet habe, und zwar im Bereich Kultur und Presse. Ich habe Konzepte für Kulturveranstaltungen ausgearbeitet, Briefentwürfe erstellt und Delegationen betreut. Es war also von der Uni ein Sprung in die Praxis.

Was hattest du davor studiert?

Ich hatte Politikwissenschaft, Verwaltungswissenschaften und Spanische Philologie an der Uni Potsdam studiert, Bachelor und Master. Ich habe dann ein Stipendium für einen weiteren Masterstudiengang bekommen.

Wo und was hast du dann studiert?

Interdisziplinäre Europastudien am College of Europe in Warschau. Der Hauptcampus der Uni ist in Brügge, aber es gibt seit den 1990er-Jahren einen Campus in Natolin, einem Stadtteil Warschaus.

Auf welchen Sprachen waren die Kurse?

Englisch und Französisch. Aber ich wollte auch Polnisch lernen, da ich schon in Potsdam einen Sprachkurs angefangen hatte – das war ein weiterer Grund, nach Warschau zu gehen.

Wie lange hast du dort insgesamt gelebt?

Der Master dauerte ein Jahr, und danach war ich fünf Jahre lang an der Botschaft. Bis zum Juni dieses Jahres.

Wann hattest du den Entschluss gefasst, zurück an die Uni zu gehen und zu promovieren?

Das war immer schon mein Wunsch, weil mir mein Studium und das theoretische Arbeiten so gut gefallen haben. Direkt nach dem Studium ergab sich keine passende Gelegenheit dazu, weshalb ich mich um andere Stellen bewarb, auch um einen Einblick in die Diplomatie und die Arbeit und Strukturen des Auswärtigen Amtes zu bekommen. Mittelfristig wollte ich aber immer zurück in die Wissenschaft und inhaltlich eher in die Tiefe gehen. Die Arbeit in der Botschaft erfordert das zügige Einarbeiten in wechselnde Themen. Das war eine wichtige Erfahrung, aber ich wollte wieder tiefgründig an einem Thema arbeiten.

Du hast Politikwissenschaft studiert, aber nun promovierst du im Fach Geschichte. Wie kam es dazu?

Ich war schon immer an Nachbarfächern der Politikwissenschaft interessiert. Während meines Bachelor-Studiums habe ich u.a. Kurse im Fach Geschichte und politische Ideengeschichte als Spezialisierung belegt, genauso im Masterstudium in Potsdam. Und am College of Europe war europäische Geschichte meine Spezialisierung.

Wie bist du auf die Stelle im SFB aufmerksam geworden?

Ich habe eine Freundin, die selbst an der Uni Bremen promoviert und mich auf den SFB aufmerksam gemacht hat: Schau dir das mal an, der SFB bringt die Politikwissenschaft und Geschichte zusammen, das würde gut für dich passen. Ich habe mich dann durch die Website geklickt und über die erste Phase gelesen, um zu schauen, wo ich anknüpfen könnte und bin dann auf die Stellenausschreibung für das Teilprojekt zu Sozialpolitik und Protektionismus gestoßen und habe mich beworben.

Du bist erst seit Juli in Bremen - habt ihr deinen Aufgabenbereich im Projekt schon genau definiert?

Wir haben uns im Team schon einige Male getroffen und festgelegt, wer von uns welches Land und welche Zeitabschnitte untersuchen wird. Ich werde die USA übernehmen, und zwar den Zeitabschnitt von 1970 bis heute. Aus der Perspektive von Historiker:innen ist das schon eine recht lange Periode. Daher bin ich derzeit damit beschäftigt, mich intensiv einzulesen. Ich lese auch noch über den Zeitabschnitt davor, den mein Kollege Fritz betreut, da die Ereignisse und Entscheidungen in den Jahrzehnten davor natürlich die Grundlage bilden für die Sozialpolitik in der Zeit ab 1970.

Du teilst dir dein Büro mit Fritz Kusch und Fernando Vinueza, die ebenfalls Doktoranden im SFB sind und an verwandten Themen arbeiten: Habt ihr so etwas wie einen Lesezirkel oder Buchclub eingerichtet?

Gemeinsam lesen tun wir nicht, aber wir haben uns eine stetig wachsende Bibliothek in unserem Büro aufgebaut, die wir derzeit durcharbeiten. Wenn uns etwas auffällt, das zu den Themen der jeweils anderen passt, machen wir uns darauf aufmerksam.

Hast du schon Pläne für deine Dissertation?

Ja, ich würde gern zur Ideengeschichte arbeiten, da das zu meinem Studium passt. Ich versuche gerade die großen Mechanismen in der der US-amerikanischen Sozialpolitik seit den 1970er-Jahren herauszuarbeiten. Wenn es die Literatur- und Quellenlage hergibt, würde ich gern genau untersuchen, wodurch die US-amerikanische Rentenpolitik seit den 1990er-Jahren – angesichts der ideengeschichtlichen Umbrüche - maßgeblich beeinflusst wurde.

Möchtest du kumulativ oder mit einer Monographie promovieren?

Ich denke, ich werde die Form der Monographie wählen. Im Team arbeiten wir alle so, und es ist in der Geschichtswissenschaft nach wie vor die die gängigste Form.

Wie sind deine Pläne für die weitere Zukunft: Möchtest du in der Wissenschaft bleiben oder zurück in die Praxis?

Die kommenden dreieinhalb Jahre sind ein sehr langer Zeitabschnitt, weshalb ich noch gar nicht überblicken kann, was dann kommen wird. Vom heutigen Zeitpunkt aus betrachtet, würde ich mich sehr freuen, wenn ich die Gelegenheit bekäme, weiterhin wissenschaftlich zu arbeiten.


Kontakt:
Fabienne Müller
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Geschichtswissenschaft / FB 08
Universitäts-Boulevard 13
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58628
E-Mail: famuelle@uni-bremen.de

Das Team forscht zu Arbeitsunfall-, Arbeitslosen- sowie Rentenpolitik und benötigt Unterstützung bei Recherche/Verarbeitung von Daten und Literatur. Die Arbeitszeit beträgt 8 bis 10 Stunden pro Woche.

The Project A02 Global Dynamics of Coverage and Generosity in Work-Injury Compensation, Unemployment and Old-Age Pensions at the CRC 1342 is looking for a

student assistant (f/m/d)

working 8 to 10 hours per week. Start date: As soon as possible. The position initially runs until the end of 2022, but can be prolonged incrementally by mutual agreement until the end of the year 2024. Breaks of up to three months for, e.g., internships are possible, but need to be communicated in advance.

Project A02 is part of the Collaborative Research Centre 1342 "Global Dynamics of Social Policy" which is funded by the German Science Foundation (DFG).

The project examines the development of social policy since 1880 across all countries of the globe. In particular, the research assistant’s work would focus on coverage and generosity of work-injury and unemployment policies. There are many different tasks, so the research assistant could have some choice over what they prefer to do.

Potential Tasks

  • Literature reviews and reference management in the area of welfare state research
  • Contributing to data collection, data processing and data analysis
    • Finding data sources using various internet-based research methods
    • Coding written laws and secondary sources into a comparative database
    • Developing a codebook and strategy for comparative analysis and data sharing publicly
    • Learning and supporting statistical analysis
  • Working in English primarily, with some German

Requirements

  • Ongoing studies in Political Science, Sociology or similar
  • Interest in at least one of the following areas: comparative welfare studies, social policy, legal history or work-injury and unemployment law
  • Basic knowledge of qualitative or quantitative methods (the latter preferably with R or Stata)
  • Very good English skills
  • Ability to use or willingness to learn Zotero reference management software
  • Advanced skills in MS Office (Word, PowerPoint, Excel)
  • Data coding skills are welcome, but not necessary


We offer

  • Insights into a fascinating field of work and research
  • The opportunity to work in a friendly, interdisciplinary team
  • An hourly wage in accordance with the usual rates at the University of Bremen
  • The possibility to write a BA/MA thesis on a topic related to the project


Please send your short application (including letter of motivation, curriculum vitae, transcripts of records and, if applicable, degree certificates) as one PDF file to Nate Breznau (
nbreznau@uni-bremen.de). Feel free to email with any questions. We will fill the position as soon as we find a good candidate.


Kontakt:
Dr. Nate Breznau
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 5
28359 Bremen
E-Mail: nbreznau@uni-bremen.de

Hannes Salzmann
Hannes Salzmann
Hannes forscht im Informationsinfrastrukturprojekt zu Parteipositionen und deren Implikation für Sozialpolitik. In seiner Doktorarbeit möchte er hierfür einen neuen Ansatz entwickeln, der auf quantitativer Textanalyse und Natural Language Processing fußt.

Lieber Hannes, was hast du vor dem SFB gemacht, über dich findet man nicht allzu viel im Internet.

Wenn man mich googlet, findet man "Hannes Salzmann, Sand im Getriebe des Kapitals": Ich als Musiker auf der 1. Mai-Demo in Braunschweig. Mit Musik – Gitarre und Gesang – habe ich mir im Nebenjob Geld verdient. Fachlich habe ich in Göttingen studiert. Wobei: Angefangen zu studieren habe ich mit Informationssystemtechnik in Braunschweig. Aber schon im ersten Semester habe ich gemerkt, dass Ingenieursmathe nichts für mich ist, und bin nach Göttingen gezogen, um Politikwissenschaft und VWL zu studieren, Anschließend habe ich einen Master in Politikwissenschaft gemacht, wobei ich mich dabei auf Demokratie- und Parteienforschung konzentriert habe und auf quantitativen Methoden: das ging bis hin zu supervised und unsupervised Machine Learning, Text as Data und quantitative Textanalyse.

Das passt ja sehr gut zu dem, was hier am SFB gefordert wird.

Ja, als ich die Stellenausschreibung gesehen habe, dachte ich: Wow, das passt ja wie die Faust aufs Auge! Ich hatte dann das Glück, die Stelle tatsächlich zu bekommen. Zumal ich mit meiner Partnerin erst vor einem Jahr nach Bremen gezogen war.

Was hat euch den dazu gebracht, ohne Stelle nach Bremen zu ziehen?

Meine Partnerin und ich hatten in verschiedenen Städten studiert. Während der Pandemie haben wir uns gedacht, wird können von überall aus studieren. Wir wollten in den Norden, Hamburg war uns zu groß ­­– also: Bremen. Ich habe dann hier meine Masterarbeit geschrieben und bin im Januar fertig geworden.

Januar 2022? Das war ja optimales Timing mit Blick auf die Stelle im SFB.

Das war unverschämtes Glück. Zumal ich durch die Masterarbeit gemerkt habe, dass mir Forschung unheimlich viel Spaß macht.

Was hast du in deiner Masterarbeit untersucht?

Lobbyismus. Sehr spannend, aber in Deutschland noch untererforscht, weil die Datenlage im Vergleich z.B. zu den USA sehr schlecht ist. 2013 gab es eine Studie auf Europaebene von Heike Klüver. Sie hat sich angesehen, welche Faktoren ausschlaggebend sind für den Erfolg von Lobbyismus: Wie viel Geld hat ein Verband, wie viele Personen kann er mobilisieren und wie viel Information gibt er der Politik? Klüver hat Gesetzesentwürfe und fertige Gesetzestexte verglichen und dazu sämtliche Stellungnahmen von Lobbyverbänden analysiert. Dazu hat sie den Wordfish-Algorithmus benutzt. Der Algorithmus ordnet die Texte auf einer Skala ein – wenn es beispielsweise um den Ausbau von Windkraft geht, zwischen den Extrempositionen a) "So viel Windkraft wie technisch möglich" und b) "Überhaupt keine Windkraft mehr".  Dadurch erhält man, anhand der Textdokumente, eine räumliche Distanz zwischen Akteuren.

Klüver hat dann angenommen, dass Akteure, die auf der gleichen Seite der Skala sind, eine Lobbyismuskoalition abgeschlossen haben. Dann hat sie geschaut: Welche Koalition gewinnt? In welche Richtung bewegt sich der Gesetzestext, bezogen auf den ursprünglichen Entwurf? Anschließend hat sie eine multiple Regression gerechnet mit den Faktoren finanzielle Mittel der Lobbygruppen, Wähler:innenunterstützung und Informationsfluss. Das hat Klüver für 56 Gesetzgebungsverfahren gemacht. Durch die Untersuchung konnte sie einen statistisch signifikanten positiven Zusammenhang zwischen allen drei Variablen und dem Erfolg der Lobbybemühungen nachweisen. Geld besitzt dabei zwar den höchsten Einfluss und Wähler:innenunterstützung den geringsten, die Unterschiede sind jedoch minimal.

In meiner Masterarbeit wollte ich Klüvers Ansatz auf Deutschland übertragen. Ich habe mir einen eigenen Datensatz zur Energiepolitik zusammengesammelt mit rund 1500 Dokumenten. Das war extrem aufwändig, weil es in Deutschland keine zentrale Sammelstelle für Stellungnahmen zu Gesetzesentwürfen und auch keine Veröffentlichungspflicht gibt.

Als ich dann meine Regression gerechnet habe, kam heraus, dass ich 5 Prozent der Varianz zwischen Gesetzentwurf und finalem Gesetzestext erklären kann – es hat sich also im Sinne meines Erkenntnisinteresses überhaupt nicht gelohnt! Ich konnte lediglich zeigen, dass offensichtlich die Datengrundlage in Deutschland unzureichend ist, um so eine Lobbyismus-Analyse durchzuführen.

Hättest du im Rückblick etwas anders gemacht?

Ja, ich würde mein Analysesystem um den „Grad der Nähe“ als Variable erweitern: Wer lediglich eine schriftliche Stellungnahme abgibt, ist recht weit weg von den Entscheidungsgremien, wer aber den Bundesminister persönlich trifft, wird wahrscheinlich weitreichenden Einfluss haben. Ich habe Fälle recherchiert, in denen Lobbyisten sogar in Ausschüssen saßen – auch da kann man von einem großen Einfluss ausgehen.

Außerdem würde ich das Thema stärker eingrenzen: Energiepolitik als Ganzes war zu breit, und der Gesetzestext mit über 300 Seiten zu umfangreich. Die Stellungnahmen haben sich dadurch z.T. auf Abschnitte des Gesetzes bezogen, die relativ wenig miteinander zu tun hatten. Ich hätte besser vorher ein Topic Modelling machen sollen, um einen stärkeren Fokus zu erreichen.

Schön war aber, dass ich durch die automatisierte Analysemethode Textdaten in einer Menge verarbeiten konnte, die händisch nie möglich gewesen wäre.

In deiner jetzigen Arbeit im SFB knüpfst du an diese Erfahrungen und Methoden an: Was hast du genau vor?

Ich bin arbeite jetzt im Informationsinfrastrukturprojekt: Meine Aufgabe wird zunächst sein, Parteiprogramme zu sammeln und zu analysieren. Wir versuchen ja, weltweit Parteipositionen zu bestimmen und ihre Auswirkungen auf Sozialpolitik zu messen. Klassische Wege, Parteipositionen zu bestimmen, sind die Befragung von Expert:innen und die Analyse von Parteiprogrammen. Das hat aber Nachteile: Expert:innen sind nicht immer verfügbar für alle Parteien. Und Parteiprogramme sind keine objektiven Daten, sondern strategische Dokumente: Sie haben den Zweck, die Partei in einer gewünschten Art öffentlich darzustellen, und dienen nicht immer dazu, die Ziele einer Partei realistisch darzustellen. Außerdem kann sich die Position einer Partei im Laufe einer Legislaturperiode ändern.

Daher würde ich gern einen neuen Ansatz entwickeln, Parteipositionen zu messen. Meine erste Idee war über den policy output. Das hat den Schwachpunkt, dass man das nur auf Regierungsparteien anwenden kann …

… im Grunde sogar nur auf alleinregierende Parteien …

Richtig! Man müsste alle Nebenfaktoren, Koalitionspartner, Vetospieler, den Bundesrat usw. herausfiltern. Das ist schwierig.

Es gibt in Deutschland aber ein Archiv mit allen Parlamentsdiskussionen samt Namen und Parteizugehörigkeit der Redner:innen. Ich möchte versuchen, automatisiert ideologischen Positionen aus Parlamentsredebeiträgen zu entnehmen und daraus Parteipositionen herzuleiten. Dazu möchte ich noch mal etwas tiefer einsteigen in die Bereiche Quantitative Textanalyse und Natural Language Processing.

Welchen Zeitraum nimmst du dir vor?

Welchen Zeitraum ich mir anschaue, hängt aber auch von der Art des Algorithmus ab, den ich verwenden werde. Da gibt es mehrere zur Auswahl. Ich bin froh, dass wir im INF-Projekt zwei Informatikerinnen haben, mit denen ich mich über solche Dinge unterhalten kann. Sobald ich weiß, was technisch möglich ist, kann ich besser einschätzen, wie viele Dokumente ich analysieren kann und wieviel Vor- und Nacharbeit nötig sein werden.

Wirst du deine Analyse auf einen Bereich der Sozialpolitik beschränken?

Ich denke, ich werde mir nicht nur sozialpolitische Redebeiträge ansehen, sondern auch andere Bereich berücksichtigen. Bei der Bestimmung der Parteiposition möchte ich von der klassischen Einteilung in links und rechts wegkommen – mir schwebt eine doppelte Skala vor, die eine Libertäre vs. Autoritäre und eine querliegende Marktfreiheitliche vs. soziale Gerechtigkeits Dimension besitzt. Aus einer solchen Einteilung könnte eventuell auch meine Arbeit im SFB profitieren, da eine genauere Bestimmung der sozialpolitischen Position von Parteien auch besseren Aufschluss über den dementsprechenden Einfluss auf Sozialpolitik ermöglichen könnte. Dadurch hoffe ich, zwischen meiner Dissertation und meiner Projektarbeit weitere positive Synergieeffekte schaffen zu können.


Kontakt:
Hannes Salzmann
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-57061
E-Mail: h.salzmann@uni-bremen.de

Mai Mahmoud
Mai Mahmoud
Vor ihrem Master in Internaional Relations hat Mai für humanitäre NGOs in Ägypten gearbeitet. In ihrer Doktorarbeit möchte sie nun den Einfluss Internationaler Organisationen auf die Gesundheitspolitik in Ländern Nordafrikas untersuchen.

Du hast deinen Bachelor-Abschluss an der British University of Egypt gemacht. Warum hattest du dich damals für diese Universität entschieden?

Ich hatte mehrere Möglichkeiten, aber die britische Universität war am forschungsorientiertesten und die Zahl der Studierenden war kleiner. Außerdem konnte ich dort ein Abschlusszertifikat der Universität Loughborough erwerben. Das Programm sollte sowohl das ägyptische als auch das britische System abdecken. Es umfasste ein Vorbereitungsjahr und drei weitere Studienjahre. Es war sehr vielfältig und deckte die Politik aller wichtigen Regionen der Welt ab.

Hast du den Masterstudiengang direkt nach deinem Bachelorabschluss begonnen?

Nein, ich wollte erst einmal Berufserfahrung sammeln, und ich hatte den Wunsch, etwas im Bereich Entwicklung zu machen. Deshalb habe ich für NGOs gearbeitet, die sich mit humanitären und entwicklungspolitischen Themen in Ägypten beschäftigen. Ich arbeitete mit Flüchtlingen in verschiedenen Bereichen, gab Rechtsberatung, war für die Beratung von Überlebenden sexueller Gewalt zuständig und kümmerte mich um die Betreuung von Kindern mit sozialen oder Sicherheitsproblemen. Nach diesen zwei Jahren war ich bereit, wieder an die Universität zu gehen, und habe meinen Masterstudiengang in Bremen begonnen.

Warum hast du Bremen für deinen Master gewählt?

Nun, ich wurde an verschiedenen Universitäten für verschiedene Studiengänge angenommen - ein Studium im Vereinigten Königreich war eine Option, aber zu dieser Zeit hat das Ägyptische Pfund viel von seinem Wert verloren, so dass die Studiengebühren im Vereinigten Königreich praktisch unbezahlbar wurden. Letztendlich habe ich mich für Internationale Beziehungen in Bremen entschieden, weil ich viel Gutes über die Stadt und die Universität gehört habe und das IR-Programm sehr forschungsorientiert und interdisziplinär war und zu meinen Interessen an NGOs, IOs und Entwicklung passte. Außerdem war der Studiengang auf Personen zugeschnitten, die im akademischen Bereich weiterarbeiten wollen, was ich von Anfang an im Hinterkopf hatte.

Worüber hast du deine Masterarbeit geschrieben?

Es ging um die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt und die Rolle des Crony-Kapitalismus und des Neoliberalismus in Tunesien nach dem Arabischen Frühling. Der Begriff Crony-Kapitalismus ist nicht sehr bekannt, aber ein anderer Begriff ist Patrimonialkapitalismus, bei dem der Staat und der Wirtschaftssektor durch persönliche Beziehungen miteinander verflochten sind. Vor der Revolution hat das Regime diesen Crony-Kapitalismus genutzt, um große Teile der Wirtschaft zu steuern. Es gab viele Untersuchungen über die Auswirkungen auf die Wirtschaft, aber nicht viel über seine Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und die Arbeitslosigkeit. Damit habe ich mich befasst. Aufgrund der Pandemie und der Reisebeschränkungen war es schwierig - ich konnte nicht so viel Feldforschung betreiben, wie ich geplant hatte.

Was waren deine wichtigsten Erkenntnisse?

Der Crony-Kapitalismus hatte einen negativen Einfluss auf den Arbeitsmarkt in Tunesien. Dies ist darauf zurückzuführen, dass er sich auf unproduktive Sektoren (die für das System der Vetternwirtschaft von Interesse waren) und informelle Arbeitnehmer konzentriert. Dies hatte zur Folge, dass junge Menschen mit Hochschulabschluss keine ihren Qualifikationen entsprechenden formellen Arbeitsplätze finden konnten und die Schaffung von Arbeitsplätzen beeinträchtigt wurde. Außerdem konnten sich kleine Unternehmen aufgrund des Wettbewerbs mit Monopolen nicht entfalten. All dies trug zum Anstieg der Arbeitslosigkeit bei. Diese Auswirkungen waren auch nach der Revolution noch erheblich (trotz des demokratischen Übergangs und des Regimewechsels). Bis heute spielt der Crony-Kapitalismus eine Rolle bei der Beschäftigung; von Cronies gegründete Monopole beschäftigen Familienmitglieder, ähnlich wie in der Zeit vor der Revolution. Ähnliche Praktiken setzen sich fort und beeinträchtigen die fairen Chancen auf formale Arbeitsmöglichkeiten.

Jetzt forschst du zu einem anderen Thema: Gesundheitssystemen. Hattest du schon vorher ein Interesse an Gesundheitssystemen?

Ja, ich habe bereits ein Jahr lang als studentische Hilfskraft in diesem Projekt gearbeitet. In dieser Zeit konnte ich als Co-Autorin an einem Arbeitspapier über die Einführung von Gesundheitssystemen mitarbeiten. Ich habe als studentische Hilfskraft auch in anderen Projekten des SFB gearbeitet, was mein Interesse für verschiedene sozialpolitische Bereiche während meines Masterstudiums geweckt hat. Außerdem hatte ich die Idee, zu promovieren, und wollte in dieser Richtung weiterarbeiten. Die Tatsache, dass das Projekt einen quantitativen Schwerpunkt hat, ist für mich sehr interessant - ich habe bereits etwas in diesem Bereich gearbeitet, möchte aber noch viel mehr Wissen über quantitative Methoden erwerben.

Was ist deine Rolle in dem Projekt?

Ich werde mich auf die Datenerhebung und -analyse konzentrieren, außerdem betreue ich die Länderberichts-Reihe. Was die Datenerhebung betrifft: Wir sammeln jetzt Daten über die Gesetzgebung und ihre Änderungen im Laufe der Jahre. In der ersten Phase des CRC wurden die Gesundheitssysteme zum Zeitpunkt ihrer Einführung untersucht. Jetzt wollen wir analysieren, wie sich diese Systeme im Laufe der Zeit entwickelt haben - welche sozialen Gruppen abgedeckt sind und welchen Leistungsumfang sie haben. Dazu müssen wir die Gesetzestexte zur Gesundheitsversorgung sammeln. Anschließend wollen wir künstliche Intelligenz einsetzen, um den gesamten Gesetzestext weiter zu erfassen, da dies manuell zu viel Zeit in Anspruch nehmen würde. Die Daten werden mit Hilfe von Regressions- und Netzwerkanalysen quantitativ ausgewertet.

Hast du schon einen Plan für deine Doktorarbeit?

Ja, allerdings ist er noch nicht ganz fertig. Ich möchte mich mit der Rolle internationaler Organisationen bei der Entwicklung von Gesundheitssystemen befassen, insbesondere im Nahen Osten und in Afrika. Es wird schwierig sein, an Daten heranzukommen, aber ich denke, es ist die Mühe wert: Es gibt nicht viel Literatur über diese Region, und es wäre großartig, dazu beizutragen, diese Lücke zu schließen. Ich würde mich gerne auf die Weltbank, die Weltgesundheitsorganisation und den Internationalen Währungsfonds konzentrieren und ihren Einfluss auf die Länder Nordafrikas untersuchen.

Wie sehen deine Pläne für die Zukunft nach deiner Promotion aus? Möchtest du im akademischen Bereich bleiben oder würdest du gerne wieder für NROs arbeiten?

Ich würde gerne beides miteinander verbinden - Forschung und Politikberatung. Ich möchte in Zukunft unterrichten und das während meiner Promotion erworbene Wissen nutzen, um als Politikberaterin mit dem Schwerpunkt soziale Entwicklung zu arbeiten.


Kontakt:
Mai Mahmoud
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 5
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-57079
E-Mail: abdoumai@uni-bremen.de

Dr. Jakob Frizell
Dr. Jakob Frizell
Jakob ist Experte für Friedens- und Konfliktforschung. In seiner Doktorarbeit hat er untersucht, ob und wie Regierungen wohlhabende Bevölkerungsgruppen an Kriegskosten beteiligt haben.

Jakob, du hast dich auf den Bereich der politischen Ökonomie bewaffneter Konflikte spezialisiert. Was hat dein Interesse an diesem Thema geweckt?

Ich habe mich schon immer für dieses Thema interessiert, gepaart mit einem Interesse an Armut und Entwicklung. Schon in jungen Jahren wurde mir klar, dass es einen Zusammenhang zwischen Konflikten und Unterentwicklung geben könnte. Das hat mein akademisches Interesse geweckt. Als ich beschloss, in Lund zu studieren, dachte ich: Ich fange mit dem Studiengang an, den ich am interessantesten fand, um zu sehen, ob er mir Spaß macht, und mache dann in dieser Richtung weiter. Also begann ich mit einem Kurs über Friedens- und Konfliktforschung.

War das während deines Bachelor- oder Masterstudiums?

Während meines Bachelor-Studiums. In Schweden kann man sich die Kurse aussuchen, wie man will, und so habe ich mich für Friedens- und Konfliktforschung entschieden. Und es war sogar noch interessanter, als ich gedacht hatte. Es war kein besonderer Plan, aber am Ende hat es mich auf den Weg gebracht, Friedens- und Konfliktforschung zu studieren.

Hast du dich dann während deines Masters in diesem Bereich spezialisiert?

Ich habe in einer - manche würden vielleicht sagen: seltsamen - umgekehrten Reihenfolge studiert. Während meines Bachelorstudiums habe ich mich sehr auf Friedens- und Konfliktforschung spezialisiert und auch etwas Wirtschaftsgeschichte studiert, da ich mich sehr für die großen Fragen der politischen Ökonomie und die säkularen Entwicklungen von Staaten interessiere. Aber dann habe ich mich für einen eher breit angelegten Masterstudiengang in Politikwissenschaft entschieden, was sehr gut war, weil ich dann wirklich das gesamte theoretische Instrumentarium der Politikwissenschaft kennen gelernt habe. Aber meine Leidenschaft war immer die Friedens- und Konfliktforschung, die politische Ökonomie und die Wirtschaftsgeschichte.

Danach hast du promoviert, deine Dissertation hat einen griffigen Titel: "Die Reichen für den Krieg zahlen lassen". Haben die Reichen wirklich für den Krieg bezahlt bzw. bezahlen sie ihn?

Nun, die kurze Antwort ist, dass sie es früher getan haben, aber jetzt nicht mehr.

Ich habe ein Semester im Libanon studiert und dabei festgestellt, dass es in der Post-Konflikt-Gesellschaft nicht nur um ethnische Feindseligkeiten geht, sondern auch um die sozialen und wirtschaftlichen Probleme, die nach einem Konflikt auftreten. Gleichzeitig begann ich, mich intensiv mit der politischen Ökonomie und der geschichtlichen Literatur zu befassen, die auf den Erfahrungen des totalen Krieges in Europa und Nordamerika beruht. Es hat mich wirklich fasziniert zu sehen, dass dieser Krieg eine Ausweitung der progressiven Besteuerung und eine enorme Umverteilung von den Reichen zu den Armen auslöste. Es gab sehr starke Gerechtigkeitsargumente, die in diese Richtung gingen. Was ich im Libanon gelernt habe, war, dass die Forderungen nach Fairness oder die Vorstellungen von Ungerechtigkeit so stark waren wie zum Beispiel in Frankreich während des Zweiten Weltkriegs. Das hat mein Interesse geweckt. Ich wollte sehen, ob ich diese Theorien, die auf den europäischen und nordamerikanischen Entwicklungen des Ersten und Zweiten Weltkriegs basieren, auf die heutige Welt und auch auf zivile Konflikte anwenden kann.

Um auf deine Frage zurückzukommen: Was ich herausgefunden habe, ist, dass man während des Kalten Krieges in den Entwicklungsländern überall auf der Welt sehr ähnliche Muster beobachten konnte. Nämlich, dass Kriege - ob Bürgerkriege oder zwischenstaatliche Kriege - Forderungen nach Umverteilung auslösen. Und diesen Forderungen folgten die Regierungen mit der Einführung von manchmal erstaunlich progressiven Steuern. In diesem Sinne mussten auch die Reichen für den Krieg zahlen - nicht nur in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, sondern auch während der Bürgerkriege in Mosambik oder El Salvador in den 1970er und 1980er Jahren.

Aber hast du festgestellt, dass diese progressive Besteuerung wirklich einen Umverteilungseffekt hatte, oder ist es den Reichen mehr oder weniger gelungen, sich ihr zu entziehen?

Damit hast du die größte Schwäche meiner Dissertation auf den Punkt gebracht! Ich bin kein Wirtschaftswissenschaftler, ich habe mich ausschließlich mit der Politik beschäftigt und nicht mit deren wirtschaftlichen Auswirkungen. Das ist etwas, was ich in Zukunft gerne machen würde: zu sehen, ob dies tatsächlich eine Auswirkung auf z.B. den Gini-Index hat. Aber was ich mit den wenigen Daten, die ich sammeln konnte, festgestellt habe, war: Oft waren diese Steuern tatsächlich effektiv. Ob die reichsten Leute zahlen mussten, ist eine etwas schwierigere Frage. Aber in den meisten Fällen waren diese Steuern tatsächlich sehr effizient, und das finde ich interessant, wenn man bedenkt, dass diese Steuern vor allem in den Entwicklungsländern weithin als fast symbolisch angesehen werden.

Du hast ziemlich umfangreiche Datensätze über die Steuerpraktiken von etwa 60 oder sogar mehr Ländern zusammengestellt, die von Konflikten betroffen waren. Könntest du diese Datensätze ein wenig genauer beschreiben?

Um die Fragestellung meiner Dissertation zu untersuchen, wollte ich wirklich harte Daten haben. Man kann die Gültigkeit dieser Daten immer in Frage stellen, aber ich wollte eine Art Basis haben, von der ich ausgehen kann. Meine Idee war es also, Daten zu den Spitzensteuersätzen für alle Länder zu sammeln, die in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg größere bewaffnete Konflikte erlebt haben.

Hast du die Jahre nach dem Konflikt oder auch die Jahre während des Konflikts betrachtet?

Ich habe eigentlich alle Jahre betrachtet - vor dem Konflikt, während und nach dem Konflikt. Ich wählte eine Stichprobe aller Länder, die Konflikte erlebt hatten, aber vor 1960 ist es extrem schwierig, an Daten heranzukommen, weil der IWF erst in den frühen 1960er-Jahren begann, detaillierte Berichte zu erstellen, die oft, aber nicht immer, Informationen über Steuersätze enthielten. Mein Doktorvater Philipp Genschel hat mich von Anfang an davor gewarnt, ein so umfangreiches Datenerhebungsprojekt in Angriff zu nehmen, weil er wusste, wie schwierig dies für Länder außerhalb der OECD sein würde. Aber obwohl es viel Zeit in Anspruch nahm, war es sehr befriedigend. Und am Ende habe ich durch die Lektüre dieser alten IWF-Berichte viel mehr gelernt als durch die Lektüre von Literatur aus zweiter Hand. Letztendlich hat es sich wirklich gelohnt, in die Archive zu steigen - selbst wenn man eine Woche damit verbringt, einen bestimmten Datenpunkt vergeblich zu suchen, findet man doch einige andere Dinge, und das bereichert einen.

Auf diese Weise habe ich etwas über Kriegssteuern herausgefunden. Ursprünglich wollte ich nur Daten über die Spitzensteuersätze sammeln, aber dann fand ich in den Fußnoten dieser Berichte sehr interessante Steuern, die für den Wiederaufbau, für die Flüchtlingshilfe oder für die Kriegsführung bestimmt waren. Schließlich begann ich, auch über diese Art von Steuern Daten zu sammeln, und es entstand ein globaler Datensatz zu diesen Steuern. Ich habe ihn in meiner Dissertation verwendet und versuche jetzt auch, etwas darüber zu veröffentlichen. Der Ursprung dieses Datensatzes war eher eine zufällige Entdeckung. Aber mit ihm kann ich einige wichtige Fragen zur politischen Ökonomie von vom Krieg geprägten Ländern beantworten.

Das klingt nach einer perfekten Vorbereitung auf die Arbeit, die du hier am SFB machen wirst, denn eine solch gründliche Datenerhebung ist das Herzstück der meisten unserer Projekte. Das führt mich zu der nächsten Frage: Was hat dich dazu bewogen, nach Bremen zu kommen?

Ich habe ein wenig mit Laura Seelkopf zusammengearbeitet, die in den ersten vier Jahren zum SFB-Team gehörte, und so wurde ich auf die umfangreiche Datenerhebung aufmerksam, die hier stattfand. Ich habe dann mit Carina Schmitt gesprochen, die mir viel über ihr Projekt erzählt hat, und das klang sehr interessant: Nachdem ich mich vier Jahre lang nur mit Steuern beschäftigt hatte, hatte ich das Gefühl, damit abgeschlossen zu haben. Aber ich wollte die politische Ökonomie und die politischen Folgen von Konflikten nicht aufgeben. Als Carina mir diese fantastischen Daten über die Sozialpolitik und die Möglichkeit, den Zusammenhang zwischen Bürgerkriegen und Sozialpolitik zu untersuchen, quasi auf dem Präsentierteller anbot, dachte ich, dass dies eine ideale Fortsetzung meiner Doktorarbeit wäre. Akademisch gab es nicht viel zu überlegen, es war eine fantastische Gelegenheit.

Was ist jetzt deine Rolle im Teilprojekt B10?

Natürlich bin ich nicht der Experte für Sozialpolitik, die Federführung in diesem Bereich überlasse ich anderen. Mein Fachwissen bezieht sich auf Bürgerkriege und zeitgenössische Konflikte im Allgemeinen. Daher denke ich, dass ich die Verantwortung für die Konfliktseite der Dinge übernehmen werde, insbesondere wenn es um Bürgerkriege geht. Und ich werde eine Fallstudie über Angola erstellen, mit der ich mich schon ein wenig beschäftigt habe, was sehr spannend sein wird. Mir gefällt der Anspruch dieses Projekts, die Makroanalyse mit dem Ansatz einer Fallstudie zu verbinden. Ich versuche auch, einen Datensatz zusammenzustellen, der die Intensität zeitgenössischer Kriege etwas genauer misst, als es derzeit der Fall ist. Das ist unser Bestreben, und ich hoffe, dass wir einige "revolutionäre" Analysen zu den politischen Auswirkungen von Kriegen erstellen können.

Was sind deine Pläne für deine akademische Laufbahn?

In erster Linie hoffe ich, dass ich weiterhin viel Zeit mit empirischer Forschung verbringen kann und in der Lage bin, das besagte Interesse an den großen Fragen der politischen Ökonomie und der Staatsentwicklung mit den tatsächlichen Problemen vor Ort in den vom Krieg betroffenen Ländern zu verbinden - immer mit einer gewissen normativen Verankerung. Im Moment bin ich einfach super glücklich, dass ich die nächsten Jahre vor mir habe, in denen ich mich voll und ganz auf diese Themen konzentrieren kann.


Kontakt:
Dr. Jakob Frizell
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 3
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58602
E-Mail: jfrizell@uni-bremen.de

Die SFB-Teilprojektleitenden haben mit dem Dean und dem Geschäftsführer der BIGSSS das strukturierte Ausbildungsprogramm besprochen, dass im September beginnt.

Am Donnerstag haben sich die Teilprojektleiter:innen des SFB 1342 mit dem Dean der Bremen International Graduate School of Social Sciences (BIGSSS), Patrick Sachweh, und dem BIGSSS-Geschäftsführer Christian Peters getroffen, um den aktuellen Planungsstand der Ausbildung der SFB-Doktorand:innen zu besprechen.

Die an der Universität Bremen angestellten Doktorand:innen durchlaufen als Affiliated Fellows das strukturierte Ausbildungsprogramm der BIGSSS, das für diese Kohorte im September 2022 beginnt. Die Ausbildung an der BIGSSS ist zu Beginn sehr arbeitsintensiv: Der Zeitbedarf beträgt im ersten Semester etwa 1,5 bis 2 Tage pro Woche, geht in den darauffolgenden Semestern jedoch deutlich zurück.

Kern des Wintersemesters 22/23 sind a) das wöchentlich stattfindende „Core Theory Seminar“, das eine breite Einführung in Theorien, Theorieansätze und Forschungsrichtungen zur Dynamik der Sozialpolitik aus verschiedensten disziplinären und theoretischen Perspektiven bietet, und b) der ebenfalls wöchentliche Proposal Workshop, bei dem die Doktorand:innen die Themen ihrer Doktorarbeiten entwickeln und diskutieren.

Im Laufe des Sommersesters 2023 werden alle Doktorand:innen ihr Proposal im Rahmen des Doctoral Colloquiums verteidigen und auf dem BIGSSS Summer Retreat vorstellen. Neben einer Monographie ist auch eine kumulative Abschlussarbeit möglich, bestehend aus drei Aufsätzen und einem theoretischen Rahmen.

Ab dem zweiten Jahr wird das Ausbildungsprogramm an der BIGSSS flexibel an den Bedarf und die Wünsche der SFB-Doktorand:innen angepasst werden („demand oriented curriculum“). Die Seminare und Workshops werden durch Vernetzung mit anderen Einrichtungen der Universität Bremen und externe Referent:innen abgedeckt.

Die Doktorand:innen, die an den am SFB 1342 beteiligten Universitäten in Bamberg und Bielefeld beschäftigt sind, werden zwar nicht Fellows der BIGSSS, können aber nach eigenem Ermessen Teile des Kursprogramms belegen. Zudem werden sie zum BIGSSS-Retreat eingeladen, um dort die Pläne für ihre Abschlussarbeiten vorzustellen.

Prof. Lyle Scruggs, PhD
Prof. Lyle Scruggs, PhD
Lyle Scruggs von der University of Connecticut ist diese Woche zu Gast beim SFB 1342, um eine für unsere Teilprojekte zentrale Frage zu diskutieren: Wie lässt sich die Generosität von sozialpolitischen Programmen genauer messen und vergleichbar machen?

Diese Woche besucht Lyle Scruggs (University of Connecticut) den SFB 1342 - leider nur per Videokonferenz -, um methodische Fragen zu erörtern, die für die eigene Forschung des SFB von großer Bedeutung sind: Wie kann man die Generosität von wohlfahrtsstaatlichen Programmen messen, um einen aussagekräftigen internationalen Vergleich zu ermöglichen?

Am Mittwoch hielt Scruggs einen Vortrag zum Thema "Benefit inequality in social benefit rights", in dem er traditionelle Ansätze zur Erfassung der Großzügigkeit von Sozialleistungen (z.B. Messung der Ausgaben für Sozialprogramme pro Kopf oder relativ zum BIP; Ersatzraten für einen "typischen Verdiener") und deren Unzulänglichkeiten diskutierte: Solche weit gefassten Perspektiven vernachlässigen die Stratifikation vieler Sozialprogramme, die bestimmte Gruppen privilegieren oder den Durchschnittsverdiener als Bezugspunkt nehmen. Ein Beispiel: Die durchschnittliche Ersatzquote eines Sozialversicherungsprogramms ist alles andere als ein idealer Indikator für die Bewertung der Großzügigkeit des Programms, da die Aussagekraft der gezahlten Leistung je nach Haushaltstyp unterschiedlich ist: Eine Ersatzrate einer Arbeitslosenversicherung von, sagen wir: 60 % mag für einen Ein-Personen-Haushalt recht komfortabel sein - für einen Vier-Personen-Haushalt mit einem Alleinverdiener, geschweige denn für Alleinerziehende, stellt sie jedoch eine erhebliche Herausforderung dar.

Es wird wahrscheinlich nie möglich sein, die Großzügigkeit von Sozialschutzprogrammen anhand einer Handvoll Indikatoren perfekt abzubilden. Die Arbeit von Lyle Scruggs versucht jedoch zumindest, sich diesem Ideal anzunähern: Sein Comparative Welfare Entitlements Project (CWEP) erhebt die Lohnersatzraten von Sozialversicherungsprogrammen in 33 Ländern und setzt sie in Beziehung zu zehn Haushaltstypen (differenziert nach der Anzahl der Personen, Erwerbstätigen und Kinder pro Haushalt sowie nach Einkommensklassen). Durch den Vergleich der verschiedenen Haushaltstypen ermittelt Scruggs ein Maß für die Ungleichheit der Sozialversicherungsprogramme.

In seinem Vortrag beim SFB 1342 kombinierte Scruggs für eine Stichprobe westlicher Industrieländer das Maß der Ungleichheit ihrer Sozialversicherungssysteme mit ihrer Lohnersatzquote für den durchschnittlichen Arbeitnehmer: Es besteht ein offensichtlicher Zielkonflikt zwischen der innergesellschaftlichen Gleichheit der Leistungen und der allgemeinen Großzügigkeit der Programme.

Die Sozialversicherungssysteme liberaler Wohlfahrtsstaaten wie Australien und Neuseeland weisen ein hohes Maß an Gleichheit bei niedrigen Lohnersatzquoten auf. Die meisten anderen Länder haben wesentlich höhere Lohnersatzquoten, aber die Leistungen sind aufgrund der starken Abhängigkeit der Leistungshöhe von den Löhnen sehr ungleich. Dänemark bildet hier eine Ausnahme mit relativ hoher Gleichheit bei relativ hohen Lohnersatzquoten. Betrachtet man die Entwicklung der letzten fast 30 Jahre, so sticht Großbritannien hervor: Die Leistungen der Sozialversicherung sind ungleicher geworden und wurden gleichzeitig gekürzt.

In einem Workshop am Donnerstag wird Lyle Scruggs mit einigen der Projekte des SFB 1342 zusammenarbeiten: Gemeinsam werden sie erörtern, wie diese Projekte die Generosität und Abdeckung von Sozialschutzprogrammen in ihrem Forschungsbereich definieren, messen und kodieren können.

Felix Lanver
Felix Lanver
Felix ist Mitglied in Teilprojekt A02 und war bereits in der ersten Förderphase an der Forschung des SFB beteiligt: damals noch als studentischer Mitarbeiter. Schwerpunkt seiner Arbeit wird die Analyse von Arbeitslosenversicherungen weltweit sein.

Lieber Felix, du bist seit Mai 2022 Mitglied des SFB 1342 – wobei: so ganz stimmt das nicht. Denn schon in der ersten Förderphase warst du an der Arbeit des SFB beteiligt und hast sogar schon etwas publiziert. Erzähl doch mal: Was war deine Rolle damals?

Ich war damals studentischer Mitarbeiter in Teilprojekt A02. Eine Aufgabe des Projekts war die Recherche zu Arbeitsunfallprogrammen weltweit, woraus die Global Work-Injury Policy Database entstanden ist, die Nate Breznau und ich erstellt haben.

Ihr habt also für alle Länder der Welt die Gesetzestexte zu Arbeitsunfällen recherchiert?

Ja, wobei es um die jeweils erste Einführung der Programme ging. Das war in einigen Fällen nicht so einfach. Manchmal wurde ein Gesetzt veröffentlicht, aber in der Praxis gar nicht umgesetzt. Wir mussten also in einem zweiten Schritt überprüfen, ob das Gesetz tatsächlich in Kraft getreten oder nur ein Papiertiger war.

Aus der Arbeit ist auch ein Aufsatz in einem Sammelband der SFB-Reihe hervorgegangen.

Richtig, Nate Breznau und ich haben uns mit den Bestimmungsfaktoren der Ersteinführung von Arbeitsunfallgesetzen beschäftigt. Es zeigt sich, dass Staatsgründung (State Formation) die Einführung von Arbeitsunfallabsicherung beschleunigt, was insbesondere für Arbeitsunfallversicherungen gilt. Außerdem spielt Demokratie eine wichtige Rolle, genauso wie Nachbarschaftseffekte.

Es ist nicht selbstverständlich, dass studentische Mitarbeiter:innen so stark in den Forschungsprozess eingebunden sind.

Absolut, das fand ich wirklich toll vom gesamten Team und speziell auch von Nate, dass er mich unter seine Fittiche genommen und dann auch die Möglichkeit gegeben hat, mehr Verantwortung zu übernehmen. Dadurch habe ich Einblicke bekommen, wie der wissenschaftliche Publikationsprozess abläuft: von ersten Workshops, bei denen man sich auf die Methoden verständigt, bis zu den Druckfahnen, wenn der Aufsatz fertig ist.

Hat dich das bestärkt, weiter in der Wissenschaft zu arbeiten?

Sehr sogar. Ich habe gemerkt, wie sehr mir die Wissenschaft gefällt und dass ich daran anknüpfen möchte.

Der Beginn der zweiten Förderphase kam in der Hinsicht zu einem perfekten Zeitpunkt.

Ja, manchmal muss man zum richtigen Zeitpunkt an der richtigen Stelle sein: Ich habe Ende März 2022 mein Masterstudium abgeschlossen, der Übergang zur Stelle im SFB 1342 war also fast nahtlos.

Was hattest du studiert?

Ich war im Double-Degree-Programm “European Labour Studies and Social Policy” – das ist eine Kooperation zwischen der Uni Bremen und der Uni Mailand. Ich war je ein Jahr in Bremen und Mailand. Davor hatte ich in Bremen Integrierte Europastudien studiert. Gegen Ende des Bachelorstudiums hatte ich ein Seminar zu internationaler Sozialpolitik bei Carina Schmitt belegt. Und über Carina kam ich dann an meine Stelle als studentischer Mitarbeiter in A02.

Wie ist denn deine Rolle im aktuellen Teilprojekt A02? Arbeitest du weiter zu Arbeitsunfallprogrammen?

Nein, ich kümmere mich jetzt vor allem um Arbeitslosenversicherung. Meine Aufgabe ist zunächst, Daten zu sammeln und zu kodieren, wobei wir einen größeren Fokus auf Generosität und Abdeckung legen werden. Das Untersuchungsfeld wird bei Weitem nicht so groß sein wie bei den Arbeitsunfallprogrammen, da es wesentlich weniger Länder mit einer Arbeitslosenversicherung gibt. Dafür werden sich sicher ganz eigene Herausforderungen ergeben, z. B. wie man die Daten schließlich kodieren und mit der WeSIS-Datenbank in Einklang bringen wird.

Aber es ist sicher reizvoll, dass ihr in der Phase 2 über die Einführungszeitpunkte hinaus genauer schaut, wie die Systeme ausgestaltet sind.

Absolut! Das muss im zweiten Schritt auch passieren und bringt ganz andere, interessante Aspekte hervor. In der Sozialpolitikforschung arbeitet man oft mit klassischen Kategorisierungen, z.B. den Three Worlds of Welfare, aber was häufig fehlt, sind Fragen und Antworten zu Abdeckung und Generosität der Systeme. Wenn man Sozialpolitik analysieren möchte, aber diese Daten gar nicht hat - was gerade im Globalen Süden der Fall ist, noch viel mehr bei historischen Daten – dann steht man vor einer Research Gap. Und unter dem Gesichtspunkt ist es besonders spannend, jetzt in vorderster Linie daran mitzuarbeiten, diese Lücke zu füllen.

Hast du für deine persönliche Doktorarbeit schon ein Thema?

Ich habe einen groben Plan. Ich möchte mich mit der Pfadabhängigkeit von Sozialversicherungen auseinandersetzen und recherchiere gerade dazu, wie die frühe Einführung von Sozialpolitik Langzeitwirkung hatte auf z.B. Ungleichheit oder political trust. Die andere Frage ist etwas spezifischer: Wie sich Sozialversicherungen von anderen Programmtypen wie z.B. social assistance unterscheiden im Hinblick auf State Building und Politischer Legitimität. Methodisch werde ich wahrscheinlich Makroanalysen betreiben. Abgesehen von den sozialpolitischen Inhalten habe ich großes Interesse, mich vertieft mit Statistik und quantitativen Methoden auseinanderzusetzen.


Kontakt:
Felix Lanver
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 5
28359 Bremen
E-Mail: lanver@uni-bremen.de