Greta-Marleen Strorath
Greta-Marleen Strorath
Greta-Marleen Storath forscht zu Langzeitpflege und Migration. Vor Kurzem ist sie nach Schweden gereist, um Expertinnen und Experten zu interviewen.

Greta-Marleen, du schreibst deine Doktorarbeit zu Pflege und Migration in Schweden und warst deshalb neulich auf einer Forschungsreise. Was hast du genau gemacht?

Ich war im März für zwei Wochen in Schweden für eine erste explorative Reise, auf der ich andere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler getroffen habe, um Interviews zu führen und Netzwerke zu knüpfen. Dafür war ich in Lund, Uppsala und Stockholm, wo ich insgesamt zehn Leute getroffen habe.

Was war das Ziel dieser Reise und Gespräche?

Ich wollte in den Interviews mit den Expertinnen und Experten deren Perspektive mit dem Bild von Schweden abgleichen, dass von außen gezeichnet wird. Es werden nämlich unterschiedliche Bilder von Schweden in der Wissenschaft präsentiert. In Deutschland herrscht ein fast neidvoller Blick vor: In Schweden gibt es ein sehr gut ausgebautes Pflegesystem, mit einem großen öffentlichen Sektor und einem breit angelegten Pflegebegriff. Lange gab es die Annahme, dass Migration kaum eine Rolle spielt in Schweden. Besonders in den letzten Jahren gibt es aber viele schwedische Studien und Forschungen, die mehr in die Tiefe gehen und zeigen, dass sich in Schweden sehr viel verändert hat, besonders in der Altenpflege. In den letzten zehn, zwanzig Jahren gab es einen sehr großen Anstieg von Migranten und Migrantinnen in der Pflege. Genau diese Veränderungen finde ich besonders spannend. Es war sehr interessant, Einschätzungen von Expertinnen und Experten zu hören, die dazu tagtäglich forschen.

Woher wusstest du, welche Forscherinnen und Forscher du ansprechen wolltest?

Einmal durch die Literatur, die ich gelesen hatte, außerdem hatte ich eine Wissenschaftlerin aus Schweden bei der NordWel Summer School in Helsinki kennengelernt: Ich habe sie besucht und sie hat mir weitere Leute genannt, die mir helfen könnten.

Wie hast du dich auf die Reise vorbereitet?Hattest du genau im Kopf, was du die Fragen wolltest?

Ich hatte einen Leitfaden vorbereitet, den ich immer auf die jeweiligen Leute und ihre Forschung abgestimmt habe. Die Fragen waren relativ offen, um auf den Verlauf des Interviews zu reagieren und Fragen abzuwandeln. Beispielsweise haben wir im ersten Interview viel über Geschlechtergerechtigkeit gesprochen, welches ja ein zentrales Merkmal des schwedischen Wohlfahrtsstaates ist und eine große Bedeutung für alle sozialpolitischen Bereiche hat. Im Gespräch kam dann aber heraus, dass Geschlechterfragen im Bereich Pflege gar nicht so stark diskutiert werden, im Gegensatz zur Kinderbetreuung und anderen Bereichen. Diesen spannenden Aspekt habe ich in die späteren Interviews einfließen lassen.

Heißt das, dass in Schweden auch viele Männer in der Pflege tätig sind oder dass Gender nicht so ein großes Thema ist?

Auch in Schweden sind die meisten Pflegenden Frauen. Im Bereich der Kinderbetreuung wird viel mehr diskutiert, dass in Familien die Pflegeaufgaben zwischen Männern und Frauen gleich verteilt werden müssen. Im Pflegebereich wird das nicht annähernd so stark verhandelt.

Liegt das auch daran, dass Pflege in Schweden viel vom Staat übernommen wird und weniger von der Familie?

Ja, der Staat übernimmt eine zentrale Rolle bei der Pflege. Der Großteil der Altenpflege wird von den Kommunen erbracht. Es ist ganz selbstverständlich, dass im Alter Leute ins Haus kommen und die Pflege übernehmen. Trotzdem ist in den Gesprächen auch herausgekommen, dass viele Teilbereiche der Pflege von den Familien übernommen werden. Oft wird dieser Aspekt vernachlässigt, da dieser Anteil viel geringer ist als in anderen europäischen Ländern. Trotzdem ist die Familie eine zentrale und wichtige Stütze.

Gab es besondere Glücksfälle während deiner Recherche?

Ich habe in Stockholm einen sehr spannenden Wissenschaftler getroffen, der zu einem ganz ähnlichen Bereich forscht wie ich. Den hatte ich vorher gar nicht eingeplant, sondern bin erst durch eine Empfehlung auf ihn gestoßen. Wir haben uns dann ziemlich spontan getroffen, und es ist ein sehr spannendes Gespräch geworden.

Hast du die Gespräche sofort transkribiert oder nochmal angehört? Oder hast du, um den Kopf frei zu bekommen, erstmal etwas Anderes gemacht?

Ich hatte immer ein kleines Heft dabei, in dem ich Notizen gemacht habe, auch während der Interviews, und habe mich damit anschließend irgendwo hingesetzt und ein Post-Script geschrieben: Was die wichtigsten Aspekte des Interviews waren, was gut und was nicht so gut geklappt hat. Das ausführliche Transkribieren folgt jetzt noch.

Hast du jetzt schon – vor der Auswertung der Interviews - eine Idee, in welche Richtung sich deine Arbeit konkretisieren wird?

Ich weiß auf jeden Fall, dass ich im September wieder nach Schweden fahre. Was sich herauskristallisiert hat: Es gibt nationale Politiken, die Leitlinien für die Pflege vorgeben. Für die Umsetzung dieser Leitlinien auf lokaler Ebene spielen dann die Kommunen eine zentrale Rolle. Sie organisieren die Pflege und übersetzen die nationalen Richtlinien auf unterschiedliche Weise. Deswegen habe ich nach dieser ersten Forschungsreise die Entscheidung getroffen, dass ich zuerst nach Stockholm fahre, um mit Expertinnen und Experten auf nationaler Ebene zu sprechen. Anschließend werde ich vier verschiedene Kommunen auswählen und genau untersuchen, wie die Verwaltungen dort arbeiten, welche Rolle sie bei der Umsetzung der nationalen Politiken spielen und wie sie die Pflege jeweils unterschiedlich organisieren und erbringen. Mit der ersten Kommune werde ich wahrscheinlich im September anfangen und dann im nächsten Jahr in die anderen Kommunen fahren.


Kontakt:
Greta-Marleen Storath
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-57068
E-Mail: gm.storath@uni-bremen.de