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Lehren ziehen im Autoritarismus

Dr. Armin Müller und Prof. Dr. Tobias ten Brink aus dem Teilprojekt B05 "Inklusions- und Leistungsdynamiken im chinesischen Wohlfahrtsregime" verfassten einen Beitrag, der in "Asian Politics & Policy" erschienen ist.

In dem Artikel "Lesson‐drawing under authoritarianism: Generosity and cost control in China's hospital payment reforms" (Asian Politics & Policy 2023) untersuchen Armin Müller und Tobias ten Brink (TP B05) jüngere Reformen der Krankenhausfinanzierung in chinesischen Städten vor ihrem historischen Hintergrund. Mittels Process Tracing rekonstruieren die Autoren zwei Reformwellen aus einer Lesson-Drawing Perspektive, wobei unterschiedliche Datenquellen (Expert*inneninterviews, Verwaltungsdokumente, akademische Studien und Zeitungsartikel) trianguliert werden.

Lokalregierungen waren die treibende Kraft hinter einer ersten Reformwelle in den 1990er Jahren. Sie wurde von vereinfachten Versionen internationaler Modelle dominiert, die keine starken prospektiven Vergütungskomponenten enthielten und somit die Interessen der Lokalregierungen und Krankenhäuser schützten. In einer zweiten Welle ab den 2000er Jahren ging der Impuls von der Zentralregierung aus, was zu einer verstärkten Übernahme von Synthesen internationaler Modelle und Anpassungen mit stärker prospektiven Vergütungskomponenten – und einer stärkeren Orientierung an den Interessen der Patienten – führte. Es wird festgestellt, dass ein erheblicher Druck von Seiten der Zentralregierung notwendig war, um die bürokratischen Eigeninteressen der Lokalregierungen an einer kostengünstigeren Reform zu minimieren.


Kontakt:
Dr. Armin Müller
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Research IV und China Global Center
Campus Ring 1
28759 Bremen
Tel.: +49 421 200-3473
E-Mail: armmueller@constructor.university

Prof. Dr. Tobias ten Brink
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Research IV und China Global Center
Campus Ring 1
28759 Bremen
Tel.: +49 421 200-3382
E-Mail: ttenbrink@constructor.university

Staatsbürgerschaft, Migration und soziale Rechte. Historische Erfahrungen von den 1870er bis zu den 1970er Jahren

Dr. Simon Gerards Iglesias, ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter am SFB 1342, verfasste einen Beitrag in Beate Althammers Band „Citizenship, Migration and Social Rights. Historical Experiences from the 1870s to the 1970s”. Dieses wurde im Rahmen der Buchreihe "Routledge Studies in Modern History" veröffentlicht.

Die argentinische Sozialpolitik für Immigrant:innen in der Zwischenkriegszeit

Schon seit einiger Zeit haben die Spannungen zwischen Migration und Wohlfahrtsstaat heftige öffentliche und wissenschaftliche Debatten ausgelöst. Wenig wissen wir bislang über die historischen Zusammenhänge zwischen Zu- und Abwanderungen und der Auswirkungen und Bedeutungen in der Entstehungsphase moderner Wohlfahrtsstaaten. In einem neuen Sammelband erschienen bei Routledge soll dieser Frage aus transnationaler Perspektive über verschiedene Länder nachgegangen werden.

Simon Gerards Iglesias erörtert in seinem Kapitel die argentinische Einwanderungs- und Wohlfahrtspolitik der Zwischenkriegszeit, wobei er sich auf die für Europäer konzipierte Politik konzentriert. Er erinnert daran, dass Europa im 19. und frühen 20. Jahrhundert ein Kontinent der Massenauswanderung war, und zeigt auf, wie ein wichtiges Zielland - Argentinien - zur Globalisierung von Wohlfahrtsdiskursen beitrug, die ursprünglich eine ausschließlich europäische Angelegenheit waren. Neben den USA gehörte Argentinien zu den wenigen außereuropäischen Nationen, die bereits vor dem Ersten Weltkrieg an internationalen sozialpolitischen Foren teilnahmen, und dieses Engagement verstärkte sich in der Zwischenkriegszeit. Gerards Iglesias argumentiert, dass Argentiniens Bemühungen in der internationalen sozialpolitischen Arena vor allem in dem Bestreben begründet waren, das Land nach dem Ersten Weltkrieg wieder für europäische Einwanderer attraktiv zu machen. Er veranschaulicht dies konkret am Beispiel der Arbeitsunfallentschädigung - jenem Zweig der sozialen Sicherheit, dessen Internationalisierung generell am schnellsten voranschritt. Gerards Iglesias weist aber auch auf die Ungereimtheiten in der argentinischen Migrationspolitik hin. So schloss die Regierung zwar mehrere bilaterale Abkommen mit europäischen Staaten über die Leistungen bei Arbeitsunfällen, ratifizierte aber das entsprechende ILO-Übereinkommen erst 1950. Und während sie einerseits auf der internationalen Bühne eine einwanderungsfreundliche Rhetorik an den Tag legte, erhöhte sie andererseits auf nationaler Ebene sukzessive die Hürden für potenzielle Einwanderer. Die politischen Eliten Argentiniens, so zeigt das Kapitel, waren hin- und hergerissen zwischen dem Für und Wider der Einwanderung, die in jedem Fall immer europäische Einwanderer bedeutete, während Migranten anderer als "weißer" europäischer Abstammung stets unerwünscht waren.

Veröffentlichung:

Hüther, Michael / Gerards Iglesias, Simon (2022): Wirtschaftliche Entwicklung durch Rückschritt – zu den Perspektiven der russischen Volkswirtschaft, in: Russland-Analysen, Nr. 426, S. 2-6.

Gerards Iglesias, Simon (2022): Inmigración y empresariado transnacional en Argentina a finales del siglo XIX. Los Weil y los Staudt, entre Alemania y Argentina". Cuadernos del Archivo VI/1, Nr. 10 (2022): 26-45.

Gerards Iglesias, Simon (2022): Argentinische Sozialpolitik und die Internationale Arbeitsorganisation (ILO), 1919-1943. Debatten, Konflikte und Kooperationen. Dissertation, Universität Bremen.

Simon Gerards Iglesias studierte Politische Ökonomie und Wirtschaftsgeschichte in Heidelberg, Göttingen und Buenos Aires. Von 2019 bis 2022 arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter im SFB 1342 und promovierte zur historischen Entwicklung des Sozialstaates in Argentinien bei Prof. Dr. Delia González de Reufels. Aktuell arbeitet er am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln.

 

Dr. Keonhi Son, wissenschaftliche Mitarbeiterin (Post Doc), SFB 1342
Dr. Keonhi Son, wissenschaftliche Mitarbeiterin (Post Doc), SFB 1342
Forschungsaufenthalt vom 15. Oktober bis 15. Dezember 2023 in Köln

Eine wissenschaftliche Mitarbeiterin aus dem A06-Projekt "Wege zum familienpolitischen Universalismus: Inklusivität und Leistungsumfang von Familienpolitiken in globaler Perspektive" wird für zwei Monate am Programm für Gastwissenschaftler:innen der Max-Planck-Gesellschaft teilnehmen.

Während ihres Forschungsaufenthaltes von Mitte Oktober bis Mitte Dezember am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln will sie das komplexe Zusammenspiel zwischen Wachstumsregimen, Geschlechterungleichheit und Wohlfahrtspolitik während der Ära des Fordismus untersuchen, als die kapitalistischen Volkswirtschaften begannen, sich einerseits in "geschlechtergerechte" und andererseits in "konservativen" Wohlfahrtsstaaten zu unterscheiden.

Keonhi Sons Argument ist zweigeteilt: Erstens haben Wachstumsregime die Ungleichheit der Geschlechter auf dem Arbeitsmarkt seit der Ära des Fordismus geprägt. Nationale Wachstumsstrategien, die sich auf bestimmte Sektoren konzentrieren, benachteiligten Frauen durch Lohnzurückhaltung und geschlechtsspezifische Hierarchien auf dem Arbeitsmarkt. Zweitens beeinflusste die Nachfrage nach "Frauenarbeit" die Präferenzen der politischen Entscheidungsträger hinsichtlich der Wohlfahrtspolitik für Arbeitnehmerinnen. Wenn die weibliche Arbeitskraft in der Wachstumsstrategie eines Staates nur eine minimale Rolle spielte, sahen die politischen Entscheidungsträger Frauen eher als abhängig von männlichen Arbeitnehmern im Industriesektor an, nicht als selbstständige Arbeitnehmerinnen und zögerten daher, die Wohlfahrtspolitik für arbeitende Frauen auszuweiten. Um ihre Argumente zu überprüfen, wird Keonhi Son eine vergleichende Fallstudie durchführen, welche die Muster der Ungleichheit zwischen den Geschlechtern auf den Arbeitsmärkten sowie den politischen Diskurs über die frühe Entwicklung des bezahlten Mutterschaftsurlaubs in Deutschland und Schweden in den 1950er und 1960er Jahren untersucht.

Ihr Forschungsinteresse gilt der Entwicklung der Familienpolitik im Globalen Süden, dem Ursprung der Arbeits- und Familienpolitik und der Rolle der weiblichen Akteure bei der Entwicklung der Sozialpolitik. Sie erstellt drei historische Datenbanken, welche die Inklusivität und Großzügigkeit von Mutterschafts-, Vaterschafts- und Elternurlaub im Globalen Süden messen und 165 Länder von 1883 bis 2018 abdecken.

Veröffentlichung:

Son, Keonhi. (2023). The Origin of Social Policy for Women Workers: The Emergence of Paid Maternity Leave in Western Countries, Comparative Political Studies (online first). https://doi.org/10.1177/00104140231169024.

Son, Keonhi. (2022). Colonialism and Paid Maternity Leave Policies in Sub-Saharan Africa, In Dobrotić, Ivana, Blum, Sonja, & Koslowski, Alison. (Eds.), Research Handbook on Leave Policy, 310-323. Cheltenham: Edward Elgar Publishing. https://doi.org/10.4337/9781800372214.00033.

Son, Keonhi. (2022). Ship of Theseus: from ILO Standards to Outcome of Maternity Protection Policy. Journal of Social Policyhttps://doi.org/10.1017/S0047279422000010.

Son, Keonhi. (2022). Do International Treaties Only Have an Impact on Ratifying States?: the Influence of the ILO Maternity Protection Conventions in 160 States, 1883 until 2018. International Labour Reviewhttps://doi.org/10.1111/ilr.12371.


Kontakt:
Dr. Keonhi Son
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 9
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-99858
E-Mail: son@uni-bremen.de

EPSA XIII 2023, Glasgow

Auf der 13. Jahreskonferenz der European Political Science Association (EPSA) Ende Juni 2023 in Glasgow stellten Dr. Nils Düpont und Hannes Salzmann ihr aktuelles Paper „The Unforced Force of the Better Argument? Computationally Assessing Arguments in Parliamentary Debates” vor. Gemeinsam mit Gabriella Skitalinska und Prof. Dr. Henning Wachsmuth vom Institut für Künstliche Intelligenz der Leibniz Universität Hannover arbeiten die beiden SFB-Kollegen aus dem INF-Projekt aktuell an der Fertigstellung der Arbeit.

Ihr Artikel befasst sich mit der Analyse von Parlamentsreden hinsichtlich der Menge und der Qualität von Argumenten. Durch die Verwendung einer Kombination von manuellen Annotationen, maschinellem Lernen und vortrainierten Modellen erhoffen sie sich Aufschluss über die Entwicklung von Argumentsqualität über Zeit und die Verbindung zu weiteren Parteifaktoren wie Regierungs- oder Oppositionszugehörigkeit, inhaltliche Positionen oder Status des/der Sprechenden.

Die EPSA zählt mit etwa 1.900 Teilnehmenden im Jahr 2023 zu den größten politikwissenschaftlichen Konferenzen in Europa. Im Panel „Qualities of Parliamentary Speech“ diskutierten die Anwesenden das Paper, das von Prof. Dr. Kenneth Benoit von der London School of Economics kommentiert wurde. Darüber hinaus übernahm Dr. Nils Düpont den Vorsitz und die Diskussionsleitung des Panels „Intra-Party Politics and Position-taking“.

Zuvor hatte Hannes Salzmann die Möglichkeit, ihre Arbeit auf der diesjährigen COMPTEXT-Konferenz im Mai 2023 – ebenfalls in Glasow – vorzustellen und dort Feedback aus dem fachspezifischen 80-köpfigen Kolleg:innen-Kreis zu erhalten.

Die Beschäftigung und der Austausch mit Kolleg:innen über die neuesten Methoden und Ansätze der quantitativen Textanalyse kommt nicht nur den Forschenden, sondern auch dem INF-Projekt zugute. Nach der Fertigstellung und Veröffentlichung des Papers könnten Daten zur durchschnittlichen Argumentsqualität von Regierung und Opposition beispielsweise auch in WeSIS eingefügt werden, um weiteren Aufschluss über die Entstehung von Sozialpolitik zu ermöglichen.


Kontakt:
Dr. Nils Düpont
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-57060
E-Mail: duepont@uni-bremen.de

Hannes Salzmann
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-57061
E-Mail: h.salzmann@uni-bremen.de

Dr. Dasten Julián Vejar, Universidad Austral de Chile
Dr. Dasten Julián Vejar, Universidad Austral de Chile
Blickwinkel aus Lateinamerika

In der vergangenen Woche bekam der SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik Besuch von Dr. Dasten Julián Vejar von der Universidad Austral de Chile. Zum einen hielt er einen Vortrag über „Intersectionality, Precarity and Labour in the Global South: Perspectives from Latin America“, zum anderen führte einen Workshop zur internationalen Netzwerkbildung sowie zu Forschungs- und Lehrkooperationen mit Universitäten im Globalen Süden durch.

Zu Beginn seines Aufenthalts in Bremen erläuterte Dasten Julián Vejar den intersektionalen Ansatz, der für die Forschung in verschiedenen Bereichen der Sozialwissenschaften (Anthropologie, Ökonomie, Soziologie usw.) relevant geworden ist. Die Bedeutung dieses intersektionalen Ansatzes in der Arbeitsforschung wurde vor allem durch Studien zu prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen deutlich. Diese Untersuchungen haben ein soziohistorisches und politisches Verständnis von Arbeit sowie von den Gesellschaften des Globalen Südens ermöglicht. In seinem Vortrag analysierte er einige dieser Forschungserfahrungen anhand der Ergebnisse einer in Chile durchgeführten Untersuchung (2016 - 2022) und einer weiteren, die auf einen UN-Bericht über „poor work“ in Lateinamerika abzielte.

Darüber hinaus ermöglichte der Workshop „Building networks and planning future research and teaching cooperation in universities of the Global South in South-North/North-South/South-South directions” SFB- und anderen interessierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Universität Bremen, in einem frühen Stadium ihrer Karriere, Kooperationen in den Bereichen Forschung und Lehre zu planen, um ihren Forschungsschwerpunkt zu verstetigen. Dasten Julián Vejar brachte seine eigenen Erfahrungen mit dem Wissenstransfer aus Deutschland sowie die darauf aufbauenden umfangreichen Süd-Nord/Nord-Süd/Süd-Süd-Kooperationen ein. Die Teilnehmenden erörterten eine Reihe von Herausforderungen, die internationale Kooperationen in ihrer institutionellen und akademischen Dimension für die Entwicklung von Strategien für Zusammenarbeit, Forschung und wissenschaftlichen Austausch mit sich bringen.

Dasten Julián Vejar ist Soziologe an der Universidad Austral de Chile. Seine Forschungsinteressen konzentrieren sich auf Fragen hinsichtlich prekärer Arbeits- und Lebensverhältnisse, Intersektionalität und emanzipatorische Ansätze aus der Perspektive des Globalen Südens. Dabei ist er unter anderem spezialisiert auf indigene Fragestellungen, die Bedingungen in der Land- und Forstwirtschaft in Chile und die Auswirkungen transnationaler Investitionen.

Veröffentlichungen:

Challenging the three faces of extractivism: the Mapuche struggleand the forestry industry in Chile (2023, mit S. Schmalz et al, Globalizations 20(3): 365-383).

Sociedad precaria. Rumores, latidos, manifestaciones y lugares (2022, als Mit-Herausgeber); Sociedades precarias: estudios contemporáneos de la precariedad del trabajo (ibid.: 13-37).

Unions Opposing Labor Precarity in Chile. Union Leaders’ Perceptions and Representations of Collective Action, (2018, Latin American Perspectives 45(1): 63-76).

Precariedad laboral en América Latina: contribuciones a un modela para armar (Revista Colombiana de Sociología 2017 Vol 40 (2): 27-46).

Labor precarity and unionism in Chile: new directions and strategies of workers in a context of labor precarity (1975-2010) (Jena, 2015).


Kontakt:
Dr. Heiner Fechner
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-57070
E-Mail: hfechner@uni-bremen.de

Prof. Natalia Sobrevilla Perea, Universität Kent
Prof. Natalia Sobrevilla Perea, Universität Kent
Prof. Natalia Sobrevilla Perea, Universität Kent

Im Rahmen des Jour Fixes des SFB 1342 am 12. Juli 2023 präsentierte Prof. Natalia Sobrevilla Perea von der Universität Kent ihre aktuellen Forschungsergebnisse zur Entstehung der Sozialfürsorge in der Peruanischen Armee im 19. Jahrhundert. In ihrem Vortrag gab sie Einblicke in ihr kurz vor Veröffentlichung stehenden Buch "Armed citizens and citizens in arms, the military and the creation of Peru (1800-1870)", das bei Cambridge University Press erscheinen wird.

Sie erläuterte ihre historische Forschungsarbeit zur Geschichte des peruanischen Militärs und erörterte ihre Erkenntnisse, inwiefern das Militär als Institution die erste Organisation innerhalb des Staates war, die ihren Mitgliedern spezifische soziale Sicherungssysteme in Hinblick auf Gesundheitsvorsorge, Alterssicherung und Hinterbliebenenleistung sowie Invalidenversorgung bereitstellte. Mit den zahlreichen Teilnehmenden diskutierte Natalia Sobrevilla Perea im Anschluss an ihren Vortrag über die Ursprünge, Strukturen und Prozesse dieser Entwicklungsgeschichte.

Natalia Sobrevilla Perea ist Professorin für Lateinamerikanische Geschichte an der School of Cultures and Languages der Universität Kent. Zu ihren Forschungsinteressen zählen Staatsbildung und politische Kultur in den Anden vom Ende der Kolonialzeit bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Darüber hinaus beschäftigt sie sich mit Fragen der Identität und ethnischen Zugehörigkeit in Peru sowie mit militärischer Kultur im 19. und 20. Jahrhundert in Südamerika.

Veröffentlichungen:

Sobrevilla Perea, N. (2023) ‘The Abolition of Slavery in the South American Republics’, Slavery and Abolition. Taylor & Francis, S. 90-108. doi: 10.1080/0144039X.2022.2122814.

Eastman, S. und Sobrevilla Perea, N. (2022) Independence and Nation-Building in Latin America. Race and Identity in the Crucible of War. New York, United States: Routledge. Abrufbar unter: https://www.routledge.com/Independence-and-Nation-Building-in-Latin-America-Race-and-Identity-in/Eastman-Perea/p/book/9780367820718.

Sobrevilla Perea, N. (2023) ‘Emerging States’, in Posada-Carbo, E., Innes, J., and Philp, M. (eds) Re-imagining Democracy in Latin America and the Caribbean, S. 1780-1870. Oxford, UK: Oxford University Press. Abrufbar unter: https://global.oup.com/academic/product/re-imagining-democracy-in-latin-america-and-the-caribbean-1780-1870-9780197631577?cc=fi&lang=en&#.


Kontakt:
Prof. Dr. Delia González de Reufels
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Geschichtswissenschaft / FB 08
Universitäts-Boulevard 13
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-67200
E-Mail: dgr@uni-bremen.de

Fälle aus Indien, Nepal und Sierra Leone

Frau Dr. Elena Samonova vom Institut für Geographie der Universität Bremen präsentierte am 28.06.2023 ihre Forschungen zu menschenrechtsbasierten Ansätzen in der Bildungs- und Sozialpolitik.

Anhand ihrer empirischen Feldarbeiten in Indien, Nepal und Sierra Leone zeigte Elena Samonova die Möglichkeiten und Grenzen des Menschenrechtsdiskurses in den Bereich der Sozialpolitik auf. Durch die Festlegung international vereinbarter Normen bieten menschenrechtsbezogene Ansätze eine tragfähigere Grundlage für die Bürgerinnen und Bürger, Ansprüche an ihre Staaten zu stellen und die Staaten in die Pflicht zu nehmen, den Zugang zur Wahrnehmung ihrer sozialen, wirtschaftlichen und politischen Rechte zur Verantwortung zu verbessern.

In ihrem Vortrag argumentierte Elena Samonova, dass die Menschenrechte ein vielstimmiger Diskurs sind, der als polyphones Gebilde verstanden werden sollte, das aus verschiedenen Bedeutungen und Interpretationen besteht. Anhand einer Fallstudie über landwirtschaftliche Zwangsarbeit in Indien und Nepal zeigte sie das Potenzial des Menschenrechtsdiskurses auf, das den Zwangsarbeitern hilft, ihre Handlungsfähigkeit wiederzuerlangen und den Glauben an ihre eigene Menschenwürde wiederherzustellen. Im Kontext struktureller Unterdrückung und systematischer Benachteiligung können sich solche Prozesse positiv auf das Selbstbild auswirken, die Angst, sich der Unterdrückung zu widersetzen, verringern und die in Schuldknechtschaft stehenden Zwangsarbeiter motivieren, ihre Stimme gegen Ungerechtigkeiten zu erheben und nach geeigneten Methoden des Widerstands zu suchen. Es bleibt zwar unklar, ob diese Veränderungen in der Wahrnehmung zur vollständigen Abschaffung der Praxis führen werden, aber dieser Fall hat deutlich gezeigt, dass der Menschenrechtsdiskurs als Instrument zur Stärkung des Widerstands gegen Ungerechtigkeiten an der Basis beitragen kann.

Andererseits zeigte die zweite Fallstudie aus Sierra Leone, dass lokale Interpretationen der Menschenrechte nicht immer ein befreiendes Potenzial haben. Am Beispiel des Rechts auf Bildung argumentierte Elena Samonova, dass der Menschenrechtsdiskurs in Sierra Leone dazu benutzt wird, neoliberale Ansätze in den Bereichen Bildung und Sozialschutz zu rechtfertigen. Darüber hinaus hat ihre Studie die kulturellen und sozialen Spannungen aufgezeigt, die mit einer Berufung auf die Menschenrechte an der Basis verbunden sind. Diese Spannungen hängen mit traditionellen sozialen Hierarchien und einer individualistischen Auslegung der Rechte zusammen, die unter den Menschen in ländlichen Gebieten Sierra Leones weit verbreitet ist und häufig von der Rhetorik der Regierung und großer Geberorganisationen wie der Weltbank unterstützt wird.

Somit wurden das bedeutende Potenzial der Menschenrechte als wirksame Instrumente gegen Armut und Diskriminierung aufgezeigt, aber auch die Herausforderungen herausgearbeitet, die mit der Einführung des Menschenrechtsdiskurses innerhalb der Sozialpolitik verbunden sind.

 

Publikationen

Samonova, Elena. (2022). Human Rights Through the Eyes of Bonded Labourers in India. Journal of Modern Slavery: A Multidisciplinary Exploration of Human Trafficking Solutions, 7(2): 82-96.

Samonova, Elena et al. (2021). “An Empty Bag Cannot Stay Upright: The costs of “free” primary education in Sierra Leone”. International Journal of Educational Development 87: 102500.

Samonova, Elena et al. (2022). Picturing Dangers: Children’s Concepts of Safety and Risks in Rural Sierra Leone. Children and Society 37: 906–924.


Kontakt:
Prof. Dr. Ivo Mossig
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49-421-218 67410
E-Mail: mossig@uni-bremen.de

Konferzenzbericht

Nach dem Zweiten Weltkrieg mahnte Winston Churchill: "Never let a good crisis go to waste" und wies damit auf das Potenzial hin, dass jede Krise mit sich bringt. Diese Äußerung Churchills war auch den internationalen Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Konferenz "Die Wirtschaftskrise und die Sozialpolitik im 20. Jahrhundert" am 1. und 2. Dezember 2022 bekannt, die von der Projektleitung des Teilprojekts B11, Prof. Delia González de Reufels und Prof. Cornelius Torp, organisiert wurde.

Im Mittelpunkt der Konferenz standen die beiden wichtigsten weltweiten Rezessionsphasen des 20. Jahrhunderts: die Weltwirtschaftskrise der späten 1920er und 1930er Jahre und die krisengeprägte Zeit vom Ölpreisschock Anfang der 1970er Jahre bis zur asiatischen Finanzkrise und den wirtschaftlichen Turbulenzen in Lateinamerika am Ende des Jahrtausends. Von diesen Krisen gingen wichtige Impulse für den sozialen Bereich aus und die Konferenz versuchte, diese Entwicklungen zu beleuchten. Waren wirtschaftliche Schocks jemals wirklich globaler Natur? Inwieweit prägt die Erinnerung an frühere Krisen die Reaktionen auf erneuten wirtschaftlichen Abschwung? Und in welchem Verhältnis stehen diese Krisen zur Sozialpolitik? Diese übergeordneten Fragen prägten die Vorträge und Diskussionen.

In der ersten Vortragsrunde ging es um das Zusammenspiel von Krisen, Ungleichheit und Sozialreformen. Phillip Rehm erläuterte zunächst, wie sich Krisen auf die gesellschaftliche Risikowahrnehmung und die Schaffung des Wohlfahrtsstaates auswirken. Sein Modell verknüpft "Risk flips" während einer Krise mit einer erhöhten Präferenz für Sozialprogramme. Paul Dutton zeigte dann auf, wie Historiker*innen eine neue Perspektive für die Analyse ungleicher Gesundheitsverhältnisse in der Bevölkerung einbringen können, indem sie über die medizinische Versorgung als alleinige Determinante der Gesundheit einer Gesellschaft hinausblicken.

Martin Daunton, Jason Scott Smith und Daniel Béland stellten im zweiten Diskussionspanel ihre Forschungsarbeiten über die Wirtschaftskrise der 1930er Jahre und ihre Folgen in Großbritannien, den Vereinigten Staaten und Kanada vor. Sie konzentrierten sich auf die Straffung des Steuersystems, die Ausgaben für öffentliche Arbeitsprogramme und die unterschiedlichen Auswirkungen der Zentralisierung im Vergleich zum Föderalismus auf die Umsetzung der Sozialpolitik. So gelang es ihnen, die Reaktionen der anglophonen Länder auf die Krise und die von ihnen eingesetzten Instrumente aufzuzeigen.

In der dritten Vortragsrunde erläuterten Klaus Petersen und Ángela Vergara die Entwicklung Dänemarks und Lateinamerikas von der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren bis zu den Ölschocks in den 1970er Jahren und der daraus resultierenden Schuldenkrise in Lateinamerika in den 1980er Jahren. Indem sie sowohl interne als auch externe Einflüsse untersuchten, beleuchteten sie die Diskurse, die es den untersuchten Ländern ermöglichten, verschiedene Formen der Sozialpolitik zu etablieren.

Die Referierenden des vierten Panel der Konferenz beleuchteten die Rolle der beschäftigungspolitischen Reformen in Südkorea und Japan im Vergleich und untersuchten Arbeits- und Sozialpolitik als Reaktion auf die Krise in Australien. Juyoung An forderte dazu auf, der Gewerkschaftsstrategie größere Aufmerksamkeit zu schenken, um die unterschiedlichen sozialpolitischen Ergebnisse zu verstehen, während Gaby Ramia die Besonderheit des australischen "Wohlfahrtsstaates der Lohnempfänger*innen" hervorhob.

Zum Abschluss des ersten Tages der Konferenz stellte Carmelo Mesa-Lago in einem Vortrag seine Erkenntnisse über die Rentenprivatisierung in elf lateinamerikanischen Ländern in den Jahren zwischen 1980 und 2020 vor. Er zeigte auf, dass mit Ausnahme einer erhöhten Kapitalisierung der Pensionsfonds keines der Privatisierungsversprechen - von der Angemessenheit der Maßnahmen und der Einbeziehung vieler Beitragszahlenden bis hin zur Vereinfachung des Systems - erfüllt wurde.

Am zweiten Konferenztag beleuchteten Paolo Mattera, Raquel Varela und Paul Stubbs die Auswirkungen von Wirtschaftskrisen auf die Entwicklung des Wohlfahrtsstaates in den beiden Regionen Südeuropa und Südosteuropa. Die Absicht italienischer politischer Akteure, die heimische Steuerpolitik an den Entscheidungen anderer europäischer Länder auszurichten, das Streben Jugoslawiens nach einem ideologisch unabhängigen Narrativ der Blockfreiheit oder radikale interne Veränderungen wie die Nelkenrevolution in Portugal prägen Entscheidungen im Bereich der Sozialpolitik in den jeweiligen Ländern.

Cecilia Rossel und Andrés Solimano stellten ihre Arbeiten über zwei Länder der Südhalbkugel vor: Uruguay und Chile. Die Bankenkrise in Uruguay zu Beginn des 21. Jahrhunderts führte zu einem grundlegenden Wandel in der Sozialpolitik, um einer Verschiebung der Präferenzen für sozialpolitische Maßnahmen entgegenzuwirken. Die Daten deuten darauf hin, dass diese Finanzkrise dazu führte, die Grundsätze des "Washington Consensus" von 1989 zu überdenken. Andrés Solimanos Arbeit lenkt die Aufmerksamkeit in ähnlicher Weise auf die komplexe Beziehung zwischen der zunehmenden sozioökonomischen Ungleichheit in Lateinamerika in der Zeit der Liberalisierung sowie den Antworten im Bereich der Sozialpolitik andererseits.

Die Entwicklung der Sozialpolitik im Angesicht der Krise in Asien, so der Titel des siebten Panels, wurde am Beispiel Chinas erläutert. Laut Aiqun Hu waren die Reformen für soziale Sicherheit, die die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts prägten, eine Reaktion auf die Beschäftigungskrise im China der 1970er Jahre. Die Analyse zeigt, wie die Auswirkungen einer Wirtschaftskrise im Bereich der Sozialpolitik im besonderen Fall eines Systems der zentralen Planwirtschaft angegangen wurden.

Eine lebhafte Debatte rundete den zweiten Tag und damit die Konferenz ab. Insgesamt unterstrich die Konferenz die Notwendigkeit, das Phänomen "Krise" sowohl auf theoretischer als auch auf empirischer Ebene zu bewerten. Die detaillierte Untersuchung der Auswirkungen von Wirtschaftskrisen auf die Sozialpolitik aus trans- und länderübergreifender sowie historischer Perspektive ist ein wichtiges Unterfangen, das, wie die Teilnehmenden betonten, noch lange nicht abgeschlossen ist. Künftige Arbeiten könnten daher das Feld bereichern, indem beispielsweise afrikanische Länder einbezogen werden. Darüber hinaus sind verschiedene Aspekte wie das Geschlecht und die Kategorien von Arbeit, die beispielsweise zwischen formeller und informeller Arbeit unterscheiden, Faktoren, die mehr Aufmerksamkeit verdienen. Die Konferenz verdeutlichte, dass die Verbindung zwischen Wirtschaftskrisen und Sozialpolitik ein wesentlicher Forschungsbereich ist, der das Potenzial hat, das übergreifende SFB-Thema der globalen Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik zu erhellen.

 


Kontakt:
Prof. Dr. Delia González de Reufels
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Geschichtswissenschaft / FB 08
Universitäts-Boulevard 13
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-67200
E-Mail: dgr@uni-bremen.de

Prof. Dr. Cornelius Torp
Dr. Viola Asri (Universität Konstanz), Anna Hochleitner (Universität Nottingham)
Dr. Viola Asri (Universität Konstanz), Anna Hochleitner (Universität Nottingham)
Projekt A02 lud zwei Kolleginnen – Viola Asri and Anna Hochleitner – ein. Sie präsentierten ihre neuesten Forschungsergebnisse, die experimentelle Ansätze nutzen, um drängende Fragen zur Sozial-, Ungleichheits- und Entwicklungspolitik zu beantworten.

Der Teil des A02 Projekts unter Sebastian Fehrler bereitet momentan eine quasi-experimentelle Wirkungsuntersuchung der Sozialrente in Bangladesch vor. Um uns mit anderen Experten zu experimentellen Ansätzen in der Sozialpolitik- und Ungleichheitsforschung im Globalen Süden auszutauschen, luden wir Anna Hochleitner ein – die bald ihre neue Post-Doc Stelle an der Norwegian School of Economics antritt –um ihre neueste Forschung zu dem Effekt von Schocks und relativem Einkommen auf Umverteilungspräferenzen vorzustellen.

Danach präsentierte Viola Asri – kürzlich als Senior Researcher am Christian Michelsen Institut in Bergen berufen – erste Ergebnisse ihres neues Feldexperiment (in Zusammenarbeit mit Ankush Asri und Anke Hoeffler) zu den kausalen Effekten eines Karriere-Erkundungsprogramms für junge Frauen in Schulen in einer nordindischen Stadt.

Beide Präsentationen wurden begleitet von einer angeregten Debatte der Teilnehmer:innen und enthielten viele Denkanstöße für das A02 Projekt des SFB 1342. Wir freuen uns auch auf den zukünftigen Austausch und die Zusammenarbeit mit den beiden Forscherinnen.


Kontakt:
Prof. Dr. Sebastian Fehrler
Das EOC teilt die vielfältig geäußerten Bedenken und Kritik am zwischenzeitlich zurückgezogenen Reformentwurf des BMBF für das Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG)

Das Equal Opportunity Committee (EOC) des SFB 1342 teilt die von Seiten des akademischen Mittelbaus und den Arbeitnehmer:innenvertretungen vielfältig geäußerten Bedenken und Kritik am zwischenzeitlich zurückgezogen Reformentwurf des BMBF für das Wissenschaftszeitvertragsgesetz (WissZeitVG). Als Gremium eines großen Drittmittelverbunds hat das EOC satzungsgemäß die Aufgabe, sich mit Fragen der Gleichstellung und Anti-Diskriminierung zu befassen. Wir weisen mit dieser Stellungnahme nachdrücklich auf Probleme und Herausforderungen hin, die mit dem alten wie auch mit der geplanten neuen Fassung des WissZeitVG in Hinblick auf Gleichstellung und Anti-Diskriminierung gerade in drittmittelfinanzierten Forschungsverbünden verbunden sind:

  • Fehlende Gleichstellung von Early Career-Wissenschaftler:innen bei Care Verpflichtungen

Grundsätzlich ist zu begrüßen, dass mit der geplanten Reform auch für Drittmittelbeschäftigte ein Nachholen von Beschäftigungszeiten aufgrund von Elternzeit oder anderen Care-Tätigkeiten angedacht ist. Der Reformvorschlag sieht eine Ausweitung aber nur für die ersten drei Jahre der Post-Doc-Zeit vor. Die Vorschläge sind insgesamt bei weitem nicht ausreichend, um die bestehenden Missstände zu beheben. Erforderlich ist eine generelle Ausweitung auf Drittmittelbeschäftigte. Besonders zu kritisieren ist ferner die Tatsache, dass bei einer freiwilligen Reduktion aufgrund von Care-Verpflichtungen die Zeiten komplett und nicht anteilig angerechnet werden. Beispiel: Wer seine befristete Stelle aufgrund von Care-Verpflichtungen für ein Jahr auf 50% reduziert, bekommt für seine maximale Beschäftigungsdauer trotzdem das komplette Jahr angerechnet und nicht ein halbes Jahr, was fair gegenüber Personen ohne Care-Verpflichtungen wäre. Eine Reduktion aufgrund von Care-Verpflichtungen wird somit zum erheblichen Nachteil.

  • Intransparente und inkonsistente Auslegung

Das WissZeitVG ist sehr kompliziert. Mangelnde Transparenz sowie unterschiedliche Auslegungen an verschiedenen Hochschulstandorten aber auch innerhalb einer Universität stellen ein großes Problem dar. In der Regel ist nicht klar, welche Zeiträume als Qualifikationszeiten bereits angerechnet wurden. Die Karriereplanung ist dadurch hochgradig unsicher. Es kostet unnötig viel Zeit und Energie, für verschiedene Szenarien jeweils einen Plan B oder C zu entwickeln.

  • Intersektionale Benachteiligungen internationaler Wissenschaftler:innen

Internationale Early Career-Wissenschaftler:innen sehen sich zudem mit der Schwierigkeit konfrontiert, dass belastbare Informationen oftmals nicht in englischer Sprache vorliegen. Sich in einer fremden Sprache mit der komplexen Thematik zu befassen, bedeutet ein zusätzlicher Zeitverlust. Für Personen, die keinen EU-Pass haben, erhöht sich der ohnehin schon große bürokratische Zusatzaufwand nochmals. Zusammen mit den alltäglichen Diskriminierungen, denen sich ausländische Personen in Deutschland leider nach wie vor konfrontiert sehen, entstehen intersektionale Benachteiligungen verschiedenster Art. Nicht nur ein SFB sollte ein sehr großes Interesse daran haben, weltweit Wissenschaftler:innen zu gewinnen. Daher sollte ein WissZeitVG nicht dazu beitragen, dass sich die Herausforderungen internationaler Wissenschaftler:innen weiter multiplizieren.

  • Verbaute Zukunftsperspektiven innerhalb des Forschungsverbunds

Post-Docs, die aufgrund ihrer Leistungen einen SFB oder andere Forschungsverbünde in einer nachfolgenden Antragsphase als Projektleiter:innen (Principal Investigator (PI)) mitverantworten, brauchen dazu in der Regel eine Landesstelle, und zwar über die komplette Laufzeit der Förderphase. Dies sind in einem SFB vier Jahre. Ein solcher, auch für den Forschungsverbund oftmals ausgesprochen gewinnbringender Karriereweg, wird durch die geplante Neufassung des WissZeitVG nahezu unmöglich gemacht. Das Beispiel des SFB 1342 zeigt, dass es mehrheitlich Frauen sind, die als Post-Docs ein Teilprojekt als PI mitverantworten.

  • Benachteiligung von Personen, die in Deutschland wissenschaftlich gearbeitet haben

Es existiert eine Ungleichbehandlung bei der Anrechnung von Qualifikationsphasen, die in Deutschland stattfanden, gegenüber den absolvierten Zeiten im Ausland, da letztere in der Regel nicht angerechnet werden. Wer seine wissenschaftliche Karriere nur in Deutschland verfolgt hat, ist gegenüber Personen mit beruflichen Stationen im Ausland deutlich im Nachteil. Dies betrifft dann erneut insbesondere Personen mit Care-Verpflichtungen, die räumlich bei weitem nicht so flexibel sind wie Personen ohne Care-Verpflichtungen. 

Kontakt:
Gleichstellungsgremium: eoc-crc1342@uni-bremen.de

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