Archiv

News filtern
Suchergebnis:

Anna Wolkenhauer
Anna Wolkenhauer
Anna Wolkenhauer vom InIIS vertritt Alex Veit bis Ende März 2021 in Teilprojekt B09. Wir stellen sie in einem Interview kurz vor.

Du hattest Mitte September deine Verteidigung. Wie ist es gelaufen, kann man dir gratulieren?

Ja, ihr könnt mir gerne gratulieren! Den Titel (PhD) trage ich ja erst mit der Publikation meiner Monografie, aber die Verteidigung ist schonmal sehr gut gelaufen.

Es ist wahrscheinlich unmöglich, aber dennoch: Kannst du in wenigen Sätzen erklären, worum es in deiner Dissertation ging?

Ich bin in meiner Dissertation der Frage nachgegangen, wie Sozialpolitik und Staatswerdung (state formation) im Zeitalter des "Neoliberalismus 2.0" zusammenhängen. Während meiner, sich mittlerweile über viele Jahre erstreckenden, Arbeit und Forschung in Sambia wurde mit der Zeit deutlich, dass hier spannende Dynamiken am Werk sein könnten. So habe ich dort dann Angestellte des Staates, Empfänger*innen von Sozialpolitik, sowie auch Menschen aus der Zivilgesellschaft und aus internationalen Organisationen interviewt, um die vielschichtigen Auswirkungen der neuen sozialpolitischen Programme auf den Staat besser zu verstehen. In einem qualitativen Analyseprozess habe ich verschiedene Mechanismen herausgearbeitet, durch die Staatlichkeit sich vom Zentrum in die Peripherien des Landes ausbreitet, was sich bspw. in der diskursiven Einbeziehung und der Bürokratisierung und Standardisierung der Bevölkerung äußert sowie in politischen Verbindungen und Möglichkeiten der Einflussnahme. Es lässt sich hierbei jedoch eine gewisse Ambivalenz konstatieren: In diese Ausweitung von Staatlichkeit sind die ideologischen sowie praktischen und als natürlich wahrgenommenen Grenzen des Staates bereits eingebaut.

In den kommenden Monaten vertrittst du Alex Veit (Vertretungsprofessor in Marburg)  im SFB-Teilprojekt B09 "Transnationale Wohlfahrt. Aufstieg, Zerfall und Renaissance der Sozialpolitik in Afrika". Welche Aufgaben wirst du im Projekt übernehmen?

Ich werde meine Ergebnisse aus Sambia für vergleichende Diskussionen mit den anderen Länderstudien des Projekts einbringen und bin außerdem dabei, an Publikationen mitzuwirken.

Welche Lehrveranstaltungen übernimmst du im Wintersemester?

Ich biete ein BA-Seminar zu "Politik auf dem Land" sowie eine Übung zur Vorlesung "Internationale Beziehungen" an.

Welche fachlich-beruflichen Pläne hast du für die nächsten Jahre?

Ich fange gerade an, mich noch eingehender mit Politik im ländlichen Raum und ihrer Wechselwirkung mit staatlicher Sozialpolitik zu befassen. Mich interessiert die Frage, wie sich Veränderungen, die mit Globalisierung der Landwirtschaft und der neoliberalen Wende in der Sozialpolitik zusammenhängen, auf die Art und Weise der politischen Beteiligung und des politischen Selbstverständnisses auf dem Land auswirken.


Kontakt:
Anna Wolkenhauer
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Interkulturelle und Internationale Studien
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-67463
E-Mail: anna.wolkenhauer@uni-bremen.de

Der Datensatz, an dem Nils Düpont vom SFB 1342 mitgewirkt hat, versammelt Informationen zu politischen Positionen von Parteien seit 1970. Demnach werden demokratische Regierungsparteien weltweit illiberaler, ganz vorn dabei die Republikaner in den USA.

Gemessen am "V-Party Illiberation Index" hat sich die Republikanische Partei seit dem Jahr 2006 schrittweise davon verabschiedet, demokratische Normen hochzuhalten. Der illiberale Schwenk war 2016 so groß, dass die Wahlkampfrhetorik der Republikaner seither derjenigen der AKP in der Türkei und des Fidesz in Ungarn näher steht als der durchschnittlicher Regierungsparteien in demokratischen Ländern der Welt.

Wenngleich die Republikaner unter Trump ein extremes Beispiel sind, steht es doch stellvertretend für einen Trend: Laut dem V-Party Illiberation Index sind in den letzten Jahrzehnten die Regierungsparteien in Demokratien weltweit im Mittel illiberaler geworden. Das bedeutet, dass sie sich tendenziell dem Pluralismus weniger verpflichtet fühlen, politische Gegner eher dämonisieren, Minderheitenrechte ignorieren und sogar zu politischer Gewalt ermutigen.

Der Datensatz "Varieties of Party Identity and Organization Dataset (V-Party)" wurde vom V-Dem Institute an der Universität Göteborg zusammengestellt und umfasst Angaben zu 1560 Wahlen und 1955 politischen Parteien weltweit zwischen 1970 und 2019. 665 internationale Länderexperten haben die politischen Positionen der Parteien über die gesamten Zeitspanne anhand von 30 Indikatoren analysiert und codiert.

Die wichtigsten Ergebnisse aus der Analyse des V-Party-Datensatzes hat das V-Dem Institute in einem Kurz-Report zusammengefasst: V-Dem Institute Briefing Paper #9.

Der gesamte Datensatz kann kostenlos heruntergeladen werden.

Informationen zur Beteiligung von Nils Düpont und dem SFB 1342 an der Erstellung des V-Party-Datensatzes finden Sie hier.


Kontakt:
Dr. Nils Düpont
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 5
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-57060
E-Mail: duepont@uni-bremen.de

Gabriela Molina León, Michael Lischka
Gabriela Molina León, Michael Lischka
Gabriela Molina León und Michael Lischka haben 20 Sozialwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler befragt, wie thematische Karten für ihre Zwecke beschaffen sein sollten. Die Studie präsentierten sie auf der IEEE Visualization Conference.

Choroplethenkarten (auch Flächendichtekarten genannt - z.B. Bevölkerungsdichtekarten) sind ein gängiges Mittel, um Forschungsergebnisse grafisch darzustellen. Es gibt dabei eine Vielzahl von Variablen, die die Dastellung beeinflussen, darunter die Projektionsart, den Maßstab, das Zentrum der Karte und die Farbskala. Gabriela Molina León und Michael Lischka haben in Zusammenarbeit mit Andreas Breiter mit einer Befragung untersucht, welche Varianten thematischer Karten Sozialwissenschaftlerinnen und –wissenschaftler für ihre Arbeit bevorzugen. Dafür hatten die 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Möglichkeit, eine thematische Karte anhand der oben genannten Variablen nach ihren Bedürfnissen und Vorlieben anzupassen.

In einem kurzen Interview erläutern Gabriela Molina León und Michael Lischka ihre Ergebniss, die sie am 28. Oktober 2020 auf der IEEE Visualization Conference vorgestellt haben (eine Preprint-Version des Artikels, der in den Conference Proceedings veröffentlicht werden wird, gibt es hier).


Die beliebtesten Weltkarten - zumindest in Europa - basieren auf der genannten Mercator-Projektion. Sie wurde Mitte des 16. Jahrhunderts erfunden und ist auch heute noch weit verbreitet (mit einigen Variationen), z.B. in Nachrichtensendungen. Ist es Zeit für eine neue Art von Weltkarte, wenn es um die sozialpolitische Forschung geht?

Michael Lischka: Es ist nicht die Zeit für eine neue Art von Weltkarte, aber man sollte ein Gespür für die Eigenschaften einer Karte haben, wenn man sie als Informationsmedium versteht. Jede Karte ist der Versuch, ein dreidimensionales Objekt (Globus) zweidimensional abzubilden. Eine direkte Übertragung aller Eigenschaften ist schlichtweg unmöglich, daher ist jede Weltkartenprojektion ein Kompromiss. Dementsprechend können je nach Verwendungszweck der Karte bessere oder schlechtere Entscheidungen getroffen werden. Grundsätzlich kann man zwischen Karten unterscheiden, die jeweils eine von drei Eigenschaften korrekt darstellen: Flächen (flächengleiche Projektionen), Winkel (konform) oder Abstände (äquidistant). Da wir uns nicht mit Entfernungsmessungen an irgendeinem Punkt befassten, schlossen wir äquidistante Karten von vornherein aus.

Für die Navigation sind konforme Projektionen sinnvoll. Bei kleinen Kartenausschnitten sind Winkel- und Flächengenauigkeit nahezu identisch mit der Realität. Dies ist vor allem bei der Routenplanung (z.B. Google Maps), bei Straßenkarten, im Luft- und Seeverkehr ein großer Vorteil. Aber auf globaler Ebene sieht man starke Größenverzerrungen. Da du gerade Mercator erwähnt hast: Diese Projektion stellt räumliche Einheiten größer dar, je näher sie an den Polen liegen. So scheinen Russland, Kanada, die USA, China und Europa viel größer zu sein. Zumal Europa im Zentrum der Darstellung liegt und damit im Vergleich zu Afrika dominant erscheint. Dies kann auch in einer eurozentrischen Berichterstattung sinnvoll sein. Einige Nachrichtenformate haben sogar Rubriken wie "Europa und die Welt". Aber eine solche Projektion kann nicht für eine Forschung verwendet werden, die Länder des "Globalen Südens" gleichberechtigt einbezieht. Zumindest nicht, wenn Karten als Informationsmedium zur Wissensverbreitung genutzt werden. Projektionen eröffnen eine Perspektive auf die Welt.

Für Choroplethenkarten werden allgemein flächentreue Karten empfohlen. Kannst du kurz erläutern, warum das so ist?

Lischka: Flächengleiche Karten stellen die Größe von Landmassen und räumlichen Einheiten korrekt dar. Auf der negativen Seite wird die Form der Landmassen zwangsläufig verzerrt. Wenn man aber Länder auf der Grundlage bestimmter Daten einfärbt, ohne ihre korrekte Fläche darzustellen, verliert man die Möglichkeit, Länder hinsichtlich der Dichte der dargestellten Variablen zu vergleichen. Die Darstellung der richtigen relativen Flächen ist daher eine wesentliche Eigenschaft von Karten, um zuverlässige vergleichende Aussagen zwischen Weltregionen und Ländern treffen zu können. Die einfachsten Beispiele sind Bevölkerungsdichte, Waldbedeckung und landwirtschaftliche Nutzung. Derartige Informationen auf Karten, die nicht flächengetreu sind, können zu Fehlinterpretationen durch den Betrachter führen.

Da flächengleiche Karten Länder so stark verzerren können, dass sie nicht erkannt werden, werden oft Karten verwendet, die einen Kompromiss zwischen Flächengröße und Form eingehen. Zum Beispiel die Winkels-Projektion, die in deutschen Schulatlanten verwendet wird. Weltkarten dieser Art bieten sowohl Gebiets- als auch Formtreue und ermöglichen das Wiedererkennen von räumlichen Einheiten.

Ihr habt die Präferenzen von Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftlern untersucht. Wie sieht ihre Lieblings-Choroplethenkarte aus und warum?

Lischka: Für ihre eigenen Forschungsprojekte war die Equal-Earth-Projektion die dominierende Wahl unter den Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftlern, die an unserer Studie teilgenommen haben. Sie hatten ein ganzes Konglomerat von Gründen - von "ästhetisch ansprechend" bis "sieht richtig aus", "formgetreu" und "flächengetreu". Letztendlich zielte die erste Aufgabe unserer Studie auf die individuellen Bedürfnisse der Forscher ab. Einige von ihnen konzentrierten ihre Forschung auf bestimmte Regionen der Welt, so dass sie die Zoom-Funktion nutzten und genau auf die Wiedererkennbarkeit der jeweiligen Region achteten.

Abbildung 1: Thematische Weltkarte, dargestellt mittels Equal-Earth-Projektion

Abbildung 1: Thematische Weltkarte, dargestellt mittels Equal-Earth-Projektion

Für die beste Darstellung der Forschung über den Globalen Süden setzte sich in unserer Studie die Gall-Peters-Projektion durch, allerdings nur mit knappem Vorsprung. Tatsächlich war die Verteilung sehr ausgewogen. Diese kleine Abweichung ist wahrscheinlich auf die Aufgabe zwei, die wir den Teilnehmern gestellt haben, und den dort erwähnten Hinweis auf die Karte zurückzuführen. Gall-Peters verzerrt am offensichtlichsten die Länderformen und zeigt ein strenges Koordinatensystem, das demonstrativ die Treue zur Gebietsgröße suggeriert. Die Forscher wussten nicht, dass alle Projektionen, die wir ihnen anboten, flächengleich waren, und entschieden daher "im Sinne der Objektivität", teilweise gegen ästhetische Überzeugungen und den Wiedererkennungswert.

Abbildung 2: Thematische Weltkarte, dargestellt mittels Gall-Peters-Projektion

Abbildung 2: Thematische Weltkarte, dargestellt mittels Gall-Peters-Projektion

Es ist nicht nur die Art der Projektion, die eine "gute" Choroplethenkarte der Welt ausmacht - wie sieht es mit den Farben aus?

Gabriela Molina León: Es gibt bekannte Werkzeuge, die mehrere Farbschemata für Choroplethenkarten empfehlen und zum Testen anbieten, wie z.B. Color Brewer. Deshalb haben wir die fünf Farbschemata unserer Studie entsprechend ihren Empfehlungen ausgewählt.

Da die Choroplethenkarte unserer Studie Daten zur Lebenserwartung visualisierte, haben wir sequenzielle Skalen verwendet. Bei der Wahl eines Farbschemas bestimmen die Daten, welche Art von Skala am besten passt: Wenn die visualisierte Variable zwei entgegengesetzte Richtungen kodiert (z.B. negative und positive Temperaturwerte), dann ist eine Skala mit divergierenden Farben (z.B. von dunkelrot bis dunkelblau) am besten geeignet. Wenn die Daten kategorial sind, wird ein kategoriales Schema empfohlen.

Für den Fall von sequentiellen Skalen wurde kürzlich bestätigt, dass Leser dazu neigen, dunklere Farben mit höheren Werten zu assoziieren, daher haben wir Farbschemata bevorzugt, die dieser Assoziation folgen.

Welches waren die Farben der Wahl unter den Wissenschaftlern, mit denen Sie zusammengearbeitet haben?

Molina León: Das gelb-grün-blaue Farbschema (YlGnBu, verfügbar unter https://observablehq.com/@d3/color-schemes) war das am häufigsten gewählte Schema. Von den 40 Karten, die von den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erstellt wurden, verwendeten 23 dieses Schema.

Interessanterweise erwähnten sie in ihrer Argumentation etwas, das wir nicht erwartet hatten: Sie wünschten sich ein graues Farbschema (oder eines, das in Graustufen gut aussieht), weil sie oft nicht die Möglichkeit haben, in ihren Publikationen Farben zu verwenden.


Kontakt:
Michael Lischka
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 5
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-57061
E-Mail: lischka@uni-bremen.de

Gabriela Molina León
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 5
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-57067
E-Mail: molina@uni-bremen.de

In einem dreitägigen SFB/ERC-Workshop erörtern internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den Einfluss der Politik und Strukturen europäischer Kolonialmächte auf die Entwicklung sozialer Sicherung im Globalen Süden.

In ihrer Keynote zum Auftakt des Workshops "Colonialism and Social Protection" am 26. September sprach Gurminder Bhambra von der University of Sussex über die Varianten des europäischen Kolonialismus, der zu Beginn vor allem von Handelsinteressen geprägt gewesen sei. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts stand die Ausweitung des beherrschten Territoriums im Vordergrund. Der Wohlstand der europäischen Nationalstaaten – damals wie heute - basiere auf dem Kolonialismus, sagt Bhambra, der bis heute die Wurzel globaler Ungleichheiten sei. Bezogen auf die Kolonialmächte hält sie den Begriff Nationalstaat für unpassend, imperiale Staaten bzw. koloniale Empire seien treffender.

Bastian Becker vom SOCIUM erläuterte in einem Vortrag, warum ein akteurszentrierter Forschungsansatz wichtige Erkenntnisse liefern kann. Schließlich sei der Kolonialismus durch verschiedenste Akteure auf verschiedenen Ebenen beeinflusst worden (sowohl innerhalb der Kolonien als auch auf transnationaler Ebene).

Michele Mioni vom SOCIUM erläuterte den Einfluss Großbritanniens und Frankreichs sowie Internationaler Organisationen auf die Sozialpolitik in den (ehemaligen) Kolonien nach 1945. Mioni sagte, die Kolonialmächte und die IOs (ILO und UN) hätten zwar unterschiedliche sozialpolitische Auffassungen vertreten, es sei aber auch zu Kooperationen gekommen.

Jessica Lynne Pearson vom Macalester College skizzierte die koloniale Gesundheitspolitik. Die ersten Public-Health-Programme seien Massenimpfungen und Mutter-Kind-Programme gewesen. Generell habe der Schwerpunkt kolonialer Gesundheitspolitik auf der Prävention gelegen.

Marlous van Waijenburg von der Harvard Business School analysierte die Fiskalpolitk der Kolonialmächte. Ein Ziel sei gewesen, die Kosten sozialpolitischer Programme in den Kolonien durch lokal erhobene Steuern zu decken. Das Ergebnis sei eine große Bandbreite unterschiedlicher Besteuerungssysteme innerhalb der Kolonialstaaten gewesen, typisch aber sei eine Besteuerung der Arbeitskraft gewesen (bis hin zu Zwangsarbeit).

Der Workshop "Colonialism and Social Protection", organisiert von Carina Schmitt, geht am 2. Oktober in die zweite Runde und endet mit einer dritten Sitzung am 9. Oktober.


Kontakt:
Prof. Dr. Carina Schmitt
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 3
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58603
E-Mail: carina.schmitt@uni-bremen.de

Keonhi Son
Keonhi Son
Für ihren Journal-Artikel über die statistische Analyse von Privatisierung und die Rolle der dabei gewählten Indikatoren erhielten Son und ihr Co-Autor Reimut Zohlnhofer den JCPA Best Comparative Article Award.

In ihrem Paper "Measuring Privatization: Comparing Five Indicators of the Disposition of State-Owned Enterprises in Advanced Democracies", erschienen in Volume 21:4 des Journal of Comparative Policy Analysis, untersuchen Son und Zohlnhofer die Anwendung von Indikatoren zur Bestimmung von Privatisierung.

In der wissenschaftlichen Literatur kursieren zahlreiche solcher Indikatoren, die meist als Äquivalente behandelt würden. Dabei werde kaum darauf geachtet, ob sie tatsächlich eng miteinander übereinstimmen. In ihrem Paper stellen Son und Zohlnhofer fest, dass die Korrelationen zwischen diesen Indikatoren erschreckend gering sind. In der Folge habe sich gezeigt,dass die Ergebnisse statistischer Analysen deutlich voneinander abweichen könnten, abhängig davon, welcher Privatisierungsindikator verwendet werde. Son und Zohlnhofer schlagen daher vor, die verschiedenen Indikatoren nicht als Äquivalente, sondern als Messung verschiedener Aspekte von Privatisierung zu betrachten.

Die Jury begründete ihre Entscheidung für die Auszeichnung Sons und Zohlnhofers mit folgenden Worten:

"'Measuring Privatization' by Son and Zohlnhöfer takes comparative policy analysis seriously and advances the field by shedding light on the multiple dimensions of different dependent variables/indicators that often have been seen as substitutes for each other. The authors highlight the importance of choosing the right indicators to explain phenomena that analysts seek to understand. They illustrate why scholars using large-N data sometimes end up with inconclusive or mixed results when they ignore this fundamental issue. More importantly, this study of state-owned enterprises has implications for other sectors and comparative approaches to important policy issues. The focus on indicators is widely used in comparative policy analysis, and this article contributes to the policy literature on privatization and to the development of methods in the broader field of comparative policy studies."


Kontakt:
Keonhi Son
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 9
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58541
E-Mail: son@uni-bremen.de

Dr. Alex Veit (Foto: Caroline Wimmer)
Dr. Alex Veit (Foto: Caroline Wimmer)
Der Co-Leiter von Teilprojekt B09 wechselt für die kommenden sechs Monate ans Zentrum für Konfliktforschung. Seine Arbeit im SFB 1342 bleibt davon unberührt.

Lieber Alex, du gehst als Vertretungsprofessor an die Universität Marburg - herzlichen Glückwunsch! Wen vertrittst du dort?

Alex Veit: Danke! Ich vertrete den Kollegen Thorsten Bonacker am Zentrum für Konfliktforschung.

Für wie lange?

Von Oktober bis März kommenden Jahres, also für das Wintersemester.

Was sind deine Pläne für die Zeit am ZfK?

In der Lehre unterrichte ich die Einführung in die Friedens- und Konfliktforschung sowie Seminare zu humanitären militärischen Interventionen und zur politischen Ökonomie und sozialen Bewegungen im Globalen Süden.

In der Forschung befasse ich mich mit der Internationalisierung von Staatlichkeit in Afrika durch die Einbindung internationaler Akteure in staatliche Kernaufgaben. Leitfragen sind dabei: Wie kann die Rolle internationaler Organisationen, bilateraler Geldgeber und von Entwicklungsorganisationen in der Organisation von Sicherheit, Wohlfahrt und Entwicklung theoretisch verstanden werden? Welche Auswirkungen hat die Machtposition internationaler Akteure auf das Verhältnis von Staaten zu ihren Bürgern? Und welche Konflikte entstehen durch die Internationalisierung von Staatlichkeit, welche Muster von Konfliktaustragung sind zu beobachten?

Was bedeutet all das für deine Arbeit bei uns im SFB?

Die Forschung im Teilprojekt B09 geht natürlich weiter, in der gegenwärtigen Phase vor allem durch die Vorbereitung von Publikationen.


Kontakt:
Dr. Alex Veit
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Interkulturelle und Internationale Studien
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-67471
E-Mail: veit@uni-bremen.de

Kristin Noack, Dr. Anna Safuta
Kristin Noack, Dr. Anna Safuta
Anna Safuta und Kristin Noack analysieren in einem Podcast-Interview die Arbeitsbedingungen migrantischer Live-in-Pflegekräfte in Deutschland, die sich in einer rechtlichen Grauzone zu einem Pfeiler der Langzeitpflege entwickelt haben.

Anna Safuta und Kristin Noack forschen in Teilprojekt B07 zu transnationaler Dienstleistungserbringung in der Langzeitpflege. Mit dem feministischen Lila Podcast sprachen sie über die Situation überwiegend osteuropäischer Pflegekräfte, die in geschätzt 300.000 deutschen Privathaushalten Pflegebedürftige betreuen – 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, bis zu drei Monate am Stück.

"Die Arbeitsbedingungen der Pflegerinnen sind durch die permanente Bereitschaft schwierig, Ruhezeiten sind kaum einzuhalten und die Abgrenzung von der Arbeit ist schwer möglich", sagt Kristin Noack. 90 Prozent der Beschäftigungsverhältnisse seien nicht regulär, die Pflegerinnen sind meist als Selbständige oder als entsendete Arbeiterinnen gemeldet. "Dadurch kommt es zu rechtlichen Problemen", sagt Noack: etwa dass kein Mindestlohn gezahlt wird oder die Höchstarbeitszeit überschritten werde.

Die Covid-19-Pandemie, während der migrantische Pflegekräfte im Zuge von Quarantänebestimmungen Probleme bei der Einreise nach Deutschland hatten, rückte dieses sonst kaum sichtbare Segment der Pflegewirtschaft in den Fokus. Und damit die schlechten Bedingungen, zu denen die Frauen arbeiten. "Feministinnen haben über dieses Thema schon seit Jahrzehnten gesprochen", sagt Anna Safuta, "aber es war eine Pandemie nötig, damit einer breiten Öffentlichkeit klar wird: Migrantische Pflegearbeit findet unbeachtet statt, wird geringgeschätzt und ist unterbezahlt." Der demografische und sozioökonomische Wandel finde seit vielen Jahren statt und bringe Probleme mit sich, zu deren Bewältigung migrantische Pflegekräfte beitrügen – "aber auf wessen Kosten?" Langzeitpflege dürfe kein Privatproblem von Familien sein, das durch die Ausbeutung unterbezahlter Migrantinnen gelöst werde. "Die Arbeitsverhältnisse der migrantischen Live-in-Pflegekräfte sollten auf nationaler und europäische Ebene reguliert und normalisiert werden", sagt Safuta.

"Das System der 24-Stunden-Pflege ist offensichtlich nicht nachhaltig", sagt Noack. Es müsse mit ambulanten Pflegeangeboten anderer Träger, Nachbarschaftshilfen und auch Arbeit von Familienangehörigen kombiniert werden. Einige Initiativen in dieser Richtung gebe es bereits.

Das gesamte Interview mit Anna Safuta und Kristin Noack ist auf der Website des "Lila Podcasts" zu hören (Ausgabe vom 24. September 2020, ab Minute 35:00).


Kontakt:
Kristin Noack
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58604
E-Mail: knoack@uni-bremen.de

Dr. Anna Safuta
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 7
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58597
E-Mail: anna.safuta@uni-bremen.de

Prof. Dr. Heinz Rothgang
Prof. Dr. Heinz Rothgang
SFB-Mitglied Heinz Rothgang begrüßt den Gesetzentwurf der Bundesregierung. Die Stellen könnten aber nur besetzt werden, wenn die Bundesländer ihre verbindlichen Fachkräftequoten änderten.

Die Bundesregierung hat einen Gesetzentwurf beschlossen, wonach in Deutschland 20.000 zusätzliche Stellen für Hilfskräfte in der vollstationären Altenpflege über die Pflegeversicherung finanziert werden sollen. Der Eigenanteil der Pflegebedürftigen soll dadurch nicht steigen.

SFB-Mitglied Heinz Rothgang, der mit Kolleginnen und Kollegen ein Verfahren zur einheitlichen Bemessung des Personalbedarfs in Pflegeeinrichtungen entwickelt hat, bewertet den Gesetzentwurf positiv: „Es ist ein erster Schritt – nicht mehr und nicht weniger. Der Vorschlag an sich ist erstmal gut und in Ordnung“, sagte er im Interview mit buten un binnen. Das neue Bemessungsverfahren ergab jedoch, dass in der Langzeitpflege bundesweit insgesamt 100.000 zusätzliche Vollzeitstellen nötig sind, was einem Personalzuwachs von einem Drittel im Vergleich zu heute entspricht. „Wir brauchen in Deutschland etwa drei bis vier Prozent mehr Fachkräfte“, sagte Rothgang, „aber 70 Prozent mehr Hilfskräfte.“

Die geplante Finanzierung der 20.000 Hilfskraftstellen über die Pflegeversicherung ist eine notwendige Vorrausetzung, aber der praktischen Umsetzung stehen Regelungen auf Bundesländerebene entgegen. „In fast allen Ländern … verlangen wir einen Fachkräfteanteil unter den Pflegekräften von 50 Prozent. Wenn eine Einrichtung sie unterschreitet, drohen rechtliche Schritte und eventuell die Schließung“, sagte Rothgang im Interview. Die Bundesländer müssten daher diese Regelungen ändern, sonst riskiere man, dass die Stellen nicht besetzt würden.

Eine Verringerung der Pflegequalität erwartet Rothgang nicht, wenn die Fachkräftequote sinkt: „Wenn Hilfskräfte zusätzlich hinzukommen, ohne dass Stellen für Fachkräfte gestrichen werden, sollte das nicht zu Nachteilen führen. Wenn zusätzliche Hilfskräfte die Fachkräfte entlasten, resultiert daraus eine gestiegene Pflegequalität – bei einer sinkenden Fachkraftquote.“

Der Abschlussbericht des Projektes zur Entwicklung und Erprobung des wissenschaftlichen fundierten Verfahrens zur einheitlichen Bemessung des Personalbedarfs in Pflegeeinrichtungen ist am 23.09.2020 abgenommen und veröffentlicht worden.


Kontakt:
Prof. Dr. Heinz Rothgang
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 3
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-58557
E-Mail: rothgang@uni-bremen.de

Nate Breznau und Felix Lanver haben Daten zur Einführung und Entwicklung von Arbeitsunfallpolitiken in 186 Ländern recherchiert. Das zugehörige Codebook ist als Technical Paper erschienen.

Die Global Work-Injury Policy Database (GWIP) umfasst Daten über die Einführung und Entwicklung der Arbeitsunfallpolitik in 186 unabhängigen Nationalstaaten. Maßnahmen zur Absicherung von Arbeitsunfällen sind historisch gesehen auch als "workmen’s compensation" und manchmal als "Unfallversicherung" bekannt. Die Daten sind über Harvard Dataverse verfügbar.

Das Technical Paper liefert das Codebuch für die GWIP. Die Terminologie ist oft verwirrend, daher liefern Breznau und Lanver zusätzlich zu den harten Codes theoretische Definitionen und Begründungen von Kodierungsentscheidungen.


Kontakt:
Dr. Nate Breznau
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Mary-Somerville-Straße 5
28359 Bremen
E-Mail: nbreznau@uni-bremen.de

Clement Chipenda, PhD
Clement Chipenda, PhD
Ein Gespräch mit unserem Fellow Clement Chipenda über die sozialen Auswirkungen der Landreform in Simbabwe, die Folgen des pandemiebedingten Lockdowns und seine aktuelle Forschung mit unserem Kollegen Alex Veit.

Vor etwa 20 Jahren hat Simbabwe mit dem so genannten Fast-Track-Landreformprogramm begonnen, in dessen Rahmen etwa 7 Millionen Hektar Land neu verteilt wurden. Zunächst sollten wir uns in Erinnerung rufen, was die Motive für dieses Programm waren.

Offiziell war das Motiv, das Erbe des Kolonialismus umzukehren. Als der Kolonialismus 1980 endete, betrug die Zahl der weißen kommerziellen Farmer etwa 6000. Sie besaßen 15 Millionen Hektar erstklassiges Agrarland. Gleichzeitig lebten fast eine Million schwarze Haushalte in Gemeinschaftsgebieten, d.h. in Gebieten oder ehemaligen Reservaten der Ureinwohner, die während des Kolonialismus eingerichtet worden waren. Das Motiv für die Reform war offiziell der Versuch, das Land gleichmäßig umzuverteilen. Es hatte in den Jahrzehnten nach der Unabhängigkeit Versuche gegeben, dies zu tun, aber die Fläche, die neu verteilt wurde, war sehr begrenzt. Um das Jahr 2000 herum, als das Fast-Track-Landreformprogramm begann, waren erst 75.000 Familien umgesiedelt worden. Im Jahr 1982 war das Ziel die Umsiedlung von 182.000 Familien gewesen.

Wie du erwähnst, waren die früheren Versuche, das Land umzuverteilen, mehr oder weniger gescheitert: Warum hat sich die Regierung im Jahr 2000 zu diesem definitiven Bruch mit dem postkolonialen System entschlossen und die Landreform konsequent umgesetzt?

Die Regierungspartei sah sich zu diesem Zeitpunkt einer zunehmenden politischen Opposition gegenüber. Und es gab auch Unzufriedenheit, weil Veteranen, die im Krieg gekämpft hatten, einfache Bürger und Bauern ebenfalls Land verlangten, es blieb das unvollendete Geschäft des Befreiungskrieges. Der Prozess der Landreform begann zunächst mit der Besetzung landwirtschaftlicher Betriebe. Die Regierung setzte zunächst das Gesetz durch und versuchte, die Menschen, die die Farmen besetzten, zu vertreiben. Doch am Ende wurde der Druck zu groß, so dass die Regierung ebenfalls ins Boot kam und begann, die Landreform voranzutreiben. Das waren die Motive, aber sie war politisch motiviert, so dass verschiedene Leute die Reform unterschiedlich interpretieren.

Wie beurteilst du die Ergebnisse 20 Jahre später?

Gewöhnlich wird die Landreform im Hinblick auf ihre Auswirkungen auf die Wirtschaft und die landwirtschaftliche Produktion analysiert, die Analyse ist immer produktionsorientiert. Der Druck, dies zu tun, wird noch verstärkt, weil die Landwirtschaft der Schlüssel zur Wirtschaft des Landes ist. Aber es gibt viele Engpässe und Schwierigkeiten. Was die Produktion betrifft, stellt man fest, dass einige Menschen nicht so produktiv sind, wie man es erwartet hatte, aber dies ist auf verschiedene Faktoren zurückzuführen, z.B. mangelndes Fachwissen, fehlender Zugang zu Finanzmitteln und Märkten. Dies wird durch andere Faktoren wie Dürren, Auswirkungen des Klimawandels und veraltete Infrastruktur ergänzt, die die Menschen zu der Schlussfolgerung veranlassen, dass die Ergebnisse der Reform schlecht sind. Es gibt jedoch auch andere Ergebnisse, die 20 Jahre später als positiv angesehen werden können: Die Menschen haben jetzt Zugang zu einer produktiven Ressource - dem Land und dem damit verbundenen Zugang zu natürlichen Ressourcen -, die sie vorher nie hatten, sie haben jetzt eine Unterkunft und andere zahlreiche soziale Reproduktions- und Schutzeffekte, die das Leben der Menschen auf unterschiedliche Weise verändert haben. Leider hat Simbabwe 20 Jahre nach den Reformen ein gravierendes Nahrungsmitteldefizit, derzeit benötigen 60% der Bevölkerung Unterstützung in Form von Nahrungsmitteln. Das ist die Folge einer Kombination verschiedener Faktoren, aber in einer solchen Situation werden die Reformen dafür verantwortlich gemacht. Deshalb sehen Sie verschiedene Regierungsinitiativen, um einige dieser Produktions- und Nahrungsmitteldefizite zu decken.

In welcher Hinsicht ist die Politik der neuen Regierung anders?

Die neue Regierung hat einen anderen Ansatz zur Handhabung der Landreform. Die frühere Regierung sah den politischen Kontext - für sie musste das Land als letzte Phase des Entkolonialisierungsprozesses an die indigene Bevölkerung zurückgegeben werden. Die neue Regierung identifizierte die Landwirtschaft als Hauptmotor für die wirtschaftliche Entwicklung Simbabwes als Ganzes. Ihr Ansatz folgt mehr oder weniger neoliberalen Grundsätzen. Sie will die Landwirtschaft rentabel machen; das Land soll produktiv sein. Im vergangenen Jahr haben wir Medienberichte über die Drohungen hoher Regierungsbeamter gelesen, dass umgesiedelten Bauern das Land weggenommen werden könnte, wenn sie nicht produktiv sind. Sie müssen verstehen, dass das Land Eigentum der Regierung ist und nicht des Einzelnen, der nur Nießbrauchsrechte daran hat, so dass der Eigentümer, also die Regierung, diese Rechte jederzeit zurücknehmen kann. Die Regierung hat die Bauern auch ermutigt, Investoren zu finden, die daran interessiert sind, sie finanziell zu unterstützen, so dass es einen großen Unterschied zwischen der alten und der neuen Regierung gibt, wenn es um die Politik geht.

Siehst du bereits internationale Investoren nach Simbabwe kommen?

Ich glaube nicht, dass das Umfeld im Moment für Investoren günstig ist, es gibt zu viele Unsicherheiten, wirtschaftliche Instabilität, schlechte Publicity, politische Polarisierung und manchmal politische Inkonsistenz. Das sind die Bedingungen, die das Land korrigieren muss, wenn Investoren kommen sollen. Investoren suchen nach einem stabilen Umfeld, und ich glaube nicht, dass unser Land das im Moment bietet. Da ist die Frage der Sicherheit der Besitzverhältnisse.  Berichte über Zwangsräumungen, Invasionen auf Bauernhöfen, Missachtung von Gerichtsbeschlüssen und Rechtsstaatlichkeit führen dazu, dass Investoren sich scheuen, in das Land zu investieren. Menschen und Unternehmen investieren nur, wenn ihre Investition garantiert ist, eine instabile Wirtschaft bietet solche Garantien nicht. 

Du hast dich während deiner Doktorarbeit intensiv mit der Landreform beschäftigt. Was war dein Schwerpunkt?

Ich betrachtete die Landreform als eine Sozialpolitik. In meiner Dissertation ging es um die Frage, wie sich die Landreform fünfzehn Jahre später auf die Lebensgrundlagen der Menschen ausgewirkt hat. Ich versuchte, von den alten Debatten wegzukommen, die sich nur auf die Produktionsfragen, die Menschenrechtsverletzungen und die Frage konzentrierten, wie die Landreformprozesse hätten ablaufen sollen. Mein Schwerpunkt war der Versuch, herauszufinden, ob es möglich ist, die Landreform als ein sozialpolitisches Instrument zu betrachten, das mit anderen sozialpolitischen Maßnahmen wie Renten, Sozialbeihilfen, Bildung und anderen Interventionen vergleichbar ist. In diesem Zusammenhang habe ich gesagt, dass die Zuteilung von Land, das eine produktive Ressource oder Währung darstellt, beispielsweise mit sozialen Zuwendungen verglichen werden kann. Meine Grundlogik war also, dass Land als umverteilte Ressource zu Ergebnissen führen sollte, die das Wohlergehen und die Lebensgrundlagen der Menschen verbessern. Wenn man sich eine Sozialpolitik ansieht, dann sollte sie zu sozialem Schutz führen, zur Umverteilung von Ressourcen und zum sozialen Zusammenhalt beitragen, und ich war der Meinung, dass Land, wenn es neu verteilt wird, diese Auswirkungen haben kann. Mein Schwerpunkt lag daher auf einzelnen Haushalten, da ich der Meinung war, dass die Ergebnisse auf dieser Ebene deutlicher zu erkennen sind. Deshalb habe ich den Haushalt und nicht den gesamten landwirtschaftlichen Sektor betrachtet. Dann ging ich der Frage nach, inwieweit die Bodenreform, wenn sie eine Sozialpolitik ist, die Lebensgrundlagen der Menschen verbessert hat. Was sind die Herausforderungen? Was sind die kleinen Dinge, die sie zum Leben der Menschen beigetragen hat? Dies geschah im breiteren Kontext der Untersuchung der Frage, wie sie den Wohlstand und das Wohlergehen der bäuerlichen Haushalte verbessert hat.

Es ist wahrscheinlich schwierig, die Ergebnisse in dieser Hinsicht zu verallgemeinern. Aber wenn man versucht, sie zusammenzufassen: Was sind die Auswirkungen der Landreform auf der Haushaltsebene?

Ich kann sie nicht für das ganze Land verallgemeinern, sondern nur für das Gebiet, das ich untersucht habe, nämlich einen Distrikt namens Goromonzi in der Ostprovinz Mashonaland in Simbabwe. Sogar das Gebiet, das ich untersucht habe, hat seine eigene Dynamik - zum Beispiel hat es fruchtbare Böden, günstige klimatische Bedingungen und es ist eine der besten Regionen des Landes. Wenn man es also mit anderen Gebieten vergleicht, dann unterscheiden sich sogar die Ergebnisse der Landreform in der Nähe. Denn diese Faktoren tragen dazu bei, wie sich die Landform auf die Haushalte ausgewirkt hat. Ich habe einen Vergleich mit Menschen angestellt, die in den ehemaligen Schutzgebieten leben. Was die Produktion betrifft, so hatten die Begünstigten etwas höhere Renditen, weil ihre Pendants in armen Gebieten mit schlechten Böden und geringeren Niederschlägen leben. Sie haben auch besseren Zugang zu Produktionsmitteln, Beratungsdiensten und Bewässerungsinfrastruktur, so dass die Erträge höher sind.

Was die Vermarktung anbelangt, so waren die Begünstigten der Landreform im Vorteil, weil sie ihre eigenen, einzigartigen landwirtschaftlichen Vermarktungsnetze entwickelt haben und Unterstützung von der Regierung und privaten Unternehmen erhalten, von denen einige Vertragslandwirtschaftsverträge abgeschlossen haben, so dass dies zu besseren Einkommen beigetragen hat. Und in Bezug auf den sozialen Schutz war das Land tatsächlich zu einem Vermögenswert geworden, den sie besser nutzen konnten, um sich vor Risiken und Schocks zu schützen, im Vergleich zu denjenigen, die kleinere Landstücke oder gar kein Land haben.

Die Reform hatte auch eine soziale und kulturelle Dimension. Indem Menschen Land haben, haben sie tatsächlich einen Ort, an dem sie bleiben können, ich bezeichne ihn gerne als Heimat auf dem Land. Familienmitglieder, auch wenn sie in Städten leben, haben eine Anlaufstelle, an die sie sich im Falle von Krisen wie Arbeitslosigkeit und Armut wenden können. Eine weitere Dynamik, die ich beobachtet habe: Die Menschen praktizieren ihre traditionellen Rituale auf ihrem Land; sie haben Orte für die Beisetzung ihrer Angehörigen. Dies sind Aspekte, die im allgemeinen Narrativ der Landreform ignoriert werden, aber für die afrikanischen Menschen sind Traditionen, Kultur und die Verbindung zwischen den Menschen und dem Land etwas sehr Wichtiges. Der Ansatz, den ich in meiner Dissertation verfolgte, war unkonventionell, so dass es eine Menge Fragen gab, aber ich denke, die Argumentation war nachvollziehbar und wurde mit dem Doktortitel ausgezeichnet. Seither wird das Konzept der Landreform als sozialpolitisches Instrument mehr und mehr akzeptiert, ich habe sogar einige Artikel darüber veröffentlicht.

Schauen wir uns die jüngste Situation an - wie wirkt sich Covid-19 auf die ländliche Bevölkerung aus, insbesondere im Hinblick auf die Ernährungssicherheit?

Aufgrund von Covid-19, einer mageren Agrarperiode 2019-2020 und der Dürre in Simbabwe wird geschätzt, dass in diesem Jahr etwa 8 Millionen Menschen Nahrungsmittelhilfe benötigen werden. Die Pandemie hat die landwirtschaftliche Produktion, die Planung und die Märkte gestört. Landwirte und Landbewohner können ihren normalen Geschäften und Routinen nicht nachgehen, da Simbabwe seit April im Lockdown ist, zunächst für zwei Wochen, seither aber auf unbestimmte Zeit. Die Bewegungsfreiheit ist eingeschränkt, die Agrarmärkte waren ursprünglich geschlossen, aber zumindest teilweise geöffnet. In vielerlei Hinsicht ist das tägliche Leben gestört. Er wird noch verschlimmert, weil viele Menschen im informellen Sektor beschäftigt sind - wenn also Städte dichtgemacht werden, wirkt sich das stark auf die Lebensgrundlagen der Menschen aus, es ist schwierig, Einkommen zu erzielen, und es unterbricht Wertschöpfungsketten auf allen Ebenen. In Bezug auf die Ernährungssicherheit gibt es Probleme, da die Menschen keine Nahrungsmittel produzieren oder kaufen können. Manche Produktionsmittel sind nicht verfügbar, manche Importprodukte sind sehr teuer geworden, produktive Aktivitäten sind, wenn sie nicht eingeschränkt werden, begrenzt, so dass sich dies in vielerlei Hinsicht auf die Ernährungssysteme auswirkt. Für Simbabwe ist dies vor dem Hintergrund einer hohen Arbeitslosigkeit zu sehen, wobei viele Familien auf Überweisungen aus anderen Ländern, insbesondere aus Südafrika, angewiesen sind. Als das Land mit seiner eigenen Covid-19-Pandemie konfrontiert war und heruntergefahren wurde, wirkte sich dies auf diejenigen aus, die dort arbeiteten und Überweisungen schickten, und erschwerte das Senden und Empfangen von Geld, so dass Covid-19 eine Herausforderung war.

Wie gehen die Menschen in ihrem Alltag mit dieser Situation um?

Die Landwirtschaft wurde zu einer lebenswichtigen Dienstleistung erklärt, damit die landwirtschaftliche Produktion nicht gestört wird, aber sie operiert nicht im luftleeren Raum, so dass das, was in anderen Wirtschaftssektoren geschehen ist, auch die Landwirtschaft und die ländlichen Gemeinden betrifft. Insgesamt denke ich, dass die Pandemie viele Menschen negativ beeinflusst hat, vor allem diejenigen, die im informellen Sektor tätig sind, und Menschen, die in städtischen Gebieten leben. Sie müssen ihre Wasserrechnungen bezahlen, sie müssen Miete zahlen, sie müssen Lebensmittel kaufen, einige haben Großfamilien zu versorgen - wie kommen sie zurecht, wenn sie nicht in der Lage sind zu arbeiten? Das wird zu einer Herausforderung, und selbst für diejenigen, die arbeiten, sind die Arbeitszeiten eingeschränkt, die Kunden sind gezwungen, zu Hause zu bleiben, und einige handeln mit importierten Waren, die nicht geliefert werden, da die Grenzen geschlossen sind, und selbst wenn sie kommen, sind die Frachtkosten exorbitant. In dieser Situation versuchen die Menschen einfach irgendwie, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Es ist es interessant zu beobachten, wie sich die Menschen langsam an die "neue Normalität" gewöhnen. Diese schwierige Situation wird noch verschlimmert, weil das von der Regierung eingeführte Unterstützungssystem meiner Meinung nach undurchsichtig und nicht ausreichend ist. Ein Beispiel ist die Sozialhilfe während Covid-19. Der größte Teil der von der Regierung gewährten Unterstützung für den Sozialschutz wird über das Sozialhilfeministerium abgewickelt. Es wurde berichtet, dass es seine Datenbank nutzen wird, um potenzielle Empfänger zu identifizieren. Das lässt viele Menschen zurück, da einige, die jetzt aufgrund der Auswirkungen von Covid-19 bedürftig sind, möglicherweise nicht einmal in dieser Datenbank enthalten sind, so dass viele Menschen durchs Raster fallen. Die von der Regierung für die Unterstützung bedürftiger Haushalte zugesagte Geldsumme ist zudem sehr gering und wird durch das hyperinflationäre Umfeld im Land und Währungsschwankungen nutzlos gemacht. 

Simbabwe befindet sich seit vielen Monaten im Lockdown. Akzeptiert die Bevölkerung noch  immer die Restriktionen oder gibt es Unmut?

Es gibt in der Tat gemischte Gefühle. Die Menschen sind jetzt müde, sie wollen mit ihrem Leben weitermachen, sie wollen sich frei bewegen und arbeiten und ihre Familien versorgen. Die Menschen wollen, dass die Wirtschaft geöffnet wird, vor allem wenn sie sehen, dass Länder wie Südafrika die Beschränkungen systematisch aufheben, haben sie das Gefühl, dass wir die Beschränkungen lockern müssen, zumal die Zahl der bestätigten positiven Fälle gering ist. Aber die Menschen können sich nicht offen äußern oder demonstrieren, selbst wenn sie das starke Gefühl haben, dass das ganze Thema nicht richtig gehandhabt wird. Interessanterweise gibt es, obwohl die Menschen das Gefühl haben, dass die strengen Beschränkungen gelockert werden sollten, die Angst, dass Covid-19 das Land wie anderswo hart treffen könnte, so dass diese Vorsicht noch immer vorhanden ist.

Lass uns noch kurz über dein Forschungsprojekt mit Alex Veit vom SFB-Teilprojekt B09 sprechen, das sich auf die Ernährungssicherungspolitik in Südafrika während der letzten 100 Jahre konzentriert. Was genau untersucht ihr dabei?

In den letzten hundert Jahren wurden verschiedene Programme zur Bereitstellung von nahrungsmittelbedingter Hilfe eingeführt, die auf die verschiedenen Bevölkerungsgruppen des Landes ausgerichtet waren. Während dieser Zeit hat Südafrika einen politischen und ideologischen Wandel durchgemacht. Wir fragen: Wie hat sich die Ernährungssicherungspolitik des Landes im letzten Jahrhundert entwickelt? Dann untersuchen wir die verschiedenen Ernährungssicherungspolitiken, die von den aufeinander folgenden Regierungen eingeführt wurden, um den armutsbedingten Hunger und die Unterernährung zu bekämpfen. Wichtig ist es, die Rolle der verschiedenen Akteure zu verstehen und anhand des südafrikanischen Falles zu begründen, dass Ernährungssicherheit, die eine übersehene Form der Bereitstellung öffentlicher Wohlfahrt ist, wichtige Erkenntnisse über die öffentliche Wohlfahrt als zentralen Aspekt der Beziehungen zwischen Staat und Gesellschaft liefern kann.

Unsere Forschung umfasst interessante Fallbeispiele wie das Schulspeisungsprogramm aus der Zeit vor und während der Apartheid, das verschiedenen demographischen Gruppen zugute kam, jedoch stark rassistisch geprägten und bisweilen schockierenden Narrativen unterworfen war. Die miteinander verflochtenen Interessen und Agenden von Politikern, Industrie- und Agrarkapitalisten, Philanthropen, religiösen Führern, afrikanischen Nationalisten, Gewerkschaften, Frauenorganisationen und anderen Interessengruppen sind Gegenstand unserer Forschung, die auch das Nahrungsmittelsubventionssystem berührt. Die Dynamik des Nahrungsmittelsubventionssystems, das eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung des sozioökonomischen und politischen Zusammenhalts der Apartheidregime spielte, während es die afrikanische Mehrheit ausschloss, sind einige der Schlüsselfragen, die wir in unserer Forschung ansprechen. Es ist eine interessante historische Forschung, die Beachtung finden sollte.

Ich kann mir vorstellen, je länger man in der Zeit zurückgeht, desto schwieriger wird es zu analysieren, wer den politischen Prozess beeinflusst hat ...

Das war in der Tat eine unserer Herausforderungen. Es gibt nicht viel Literatur zu den spezifischen Themen, nach denen wir gesucht haben, so dass wir stark auf Material aus den Archiven und Medienberichten angewiesen sind. Zeitungen waren besonders nützlich, wenn es darum ging, aktuelle Informationen darüber zu geben, was zu einem bestimmten Zeitpunkt geschah und was von Personen gesagt wurde, sogar in direkten Zitaten, zum Beispiel im Parlament. Wir haben festgestellt, dass dies sehr wertvolle Informationen sind, die wichtige Lücken in unserer Forschung gefüllt haben. Die Suche in Archiven, um zu versuchen, die damalige Situation zu verstehen, war sehr nützlich und informativ.  Ab den 1950er Jahren ist das Material nicht so schwer zu finden. Es ist die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, die ein wenig schwierig ist. Der andere Faktor ist, dass die Apartheidregierung irgendwann die Forschung in Bereichen, die Lebensmittel und Ernährung in afrikanischen Gemeinden betreffen, eingeschränkt hat - es gibt da eine merkliche Informationslücke. Dies erklärt, warum zu einigen Aspekten in einigen historischen Perioden nicht viel Literatur zur Verfügung steht. Das machte unsere Forschung schwierig und aufschlussreich zugleich, und durch die Verwendung von historischem Material konnten wir viele historische Dynamiken verstehen. Unsere Arbeit ist jetzt in einem fortgeschrittenen Stadium, aber wir sind noch dabei, einige Punkte zu verfeinern. Wir gehen ständig in die Archive, um einige Punkte zu klären und weiterzuverfolgen. Glücklicherweise sind die Archive digitalisiert, so dass sich die Reisebeschränkungen nicht allzu negativ auf diesen kritischen Aspekt unserer Forschung ausgewirkt haben.


Kontakt:
Clement Chipenda
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
Postfach 33 04 40
28334 Bremen
Tel.: +263 (0)242 306342
E-Mail: clement.chipenda@gmail.com

Suchergebnis: