News aus dem Teilprojekt B01


Simon Gerards Iglesias, Prof. Dr. Delia González de Reufels
Simon Gerards Iglesias, Prof. Dr. Delia González de Reufels
Delia Gonzalez des Reufels und Simon Gerards stellten ihre Forschungsresultate vor der Vereinigung der europäischen Lateinamerikahistoriker*innen in Paris vor.

Vom 23.-27. August 2021 fand in Paris der Kongress der AHILA statt, bei dem Delia González de Reufels und Simon Gerards Iglesias von Teilprojekt B02 ihre Forschungsergebnisse im Rahmen eines eigenen Panels zur Geschichte der Sozialpolitik in Lateinamerika vor- und zur Diskussion gestellt haben. Unter dem Titel "Los vínculos de las políticas sociales estatales en Amércia Latina y sus representaciones mediáticas, siglos XIX y XX" führte das zweitägige Panel etablierte Historiker*innen zusammen, die über ihre Projekte zur Geschichte der staatlichen Sozialpolitik und deren mediale Repräsentation gesprochen haben.

Die Schwerpunkte lagen auf den Politikfeldern Arbeit, Bildung Gesundheit und Wohnen, deren historische Entwicklung sowie besondere sozialpolitische Instrumente beleuchtet wurden. Dabei wurden von den Beiträgen sowohl die nationalstaatlichen Bedingungen in den Ländern Argentinien, Brasilien, Chile, Mexiko und Uruguay als auch die Prozesse transnationalen Austausches, des Transfers von Wissen und Ideen beleuchtet. Die Bedeutung von gender für die historische Analyse von Sozialpolitik trat hier ebenso hervor wie die Rolle der Fotografie und des Mediums Film bzw. des Fernsehens. So trugen Claudia Agostoni von der UNAM in Mexiko, Washington Dener Santos Cunha von der Universidade do Estado do Rio do Janeiro in Brasilien und Maria Rosa Gudiños von der Universidad Nacional Pedagógica in Mexiko sowie acht lateinamerikanische Nachwuchshistoriker*innen vor, die auch die Forschungsprobleme und die besonderen Herausforderungen der Empirie diskutierten.

Delia González de Reufels legte in ihrem Beitrag den Schwerpunkt auf die Rolle der chilenischen Streitkräfte für die Entwicklung von Sozialpolitik seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert und die Verbindungen zwischen „warfare and welfare“ in diesem Pionierland lateinamerikanischer Sozialpolitik. Simon Gerards Iglesias stellte sein Dissertationsprojekt über die Beziehungen Argentiniens zur Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) vor und unterstrich die Bedeutung der transnationalen Wissensproduktion für die Herausbildung von Sozialpolitik. Martín Cortina Escudero, der im SFB-Teilprojekt B03 forscht, hat seine Erkenntnisse zur Bedeutung der kolonialen Vergangenheit für die Herausbildung von Sozialpolitik ebenso vorgestellt wie Teresa Huhle, die den SFB 1342 in diesem Frühjahr verlassen hatte, und zur Verbindung zwischen Bildung und Gesundheit am Beispiel der uruguayischen „Freiluftschulen“ gesprochen hat.

Die AHILA (Asocicación de Historiadores Latinomaericanistas) ist die Vereinigung der europäischen Lateinamerikahistoriker*innen, die Ende der 1970er-Jahre, mitten im Kalten Krieg, aus den Treffen der europäischen Amerikanisten hervorging. Ihr gehörten von Anfang an auch in Europa lebende Lateinamerikaner*innen sowie europäische Historiker*innern an, die jenseits des sogenannten Eisernen Vorhangs zur lateinamerikanischen Geschichte lehrten und forschten. Der Kongress der AHILA findet alle drei Jahre statt.

Der Kongress wurde organisiert und durchgeführt von den Historikerinnen Annick Lemprière, und Genevieve Verdó von der Université Paris 1, Panthéon-Sorbonne und dem dort angesiedelten Centre de Recherches d’histoire de l’Amérique Latine et du Monde Ibérique“, einem wichtigen Zentrum der europäischen Lateinamerikaforschung.  Delia González de Reufels steht seit den 1990er-Jahren im Austausch mit den Historikerinnen der Université Paris 1, Panthéon-Sorbonne und hat 2012 ein ERASMUS-Abkommen mit der Sorbonne geschlossen. Diese Kooperation soll in den nächsten Jahren fortgesetzt werden.


Kontakt:
Prof. Dr. Delia González de Reufels
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Geschichtswissenschaft / FB 08
Universitäts-Boulevard 13
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-67200
E-Mail: dgr@uni-bremen.de

Der Band beleuchtet die Geschichte und Grundlagen des Konzepts der kausalen Mechanismen und stellt – als ein zentrales Ergebnis von Teilprojekt B01 - eine Weiterentwicklung zu einer Theorie kausaler Mechanismen vor.

In seinem neuen Buch "Kausale Mechanismen und Process Tracing - Perspektiven der qualitativen Politikforschung" zeigt Frank Nullmeier, wie Politikforschung mittels Process Tracing systematisch angelegt und wie politische Prozesse mittels kausaler Mechanismen im Detail besser verstanden und erklärt werden können. Nullmeier beleuchtet zunächst die Geschichte und die theoretischen Grundlagen des Konzepts der kausalen Mechanismen und präsentiert darauf aufbauend eine Weiterentwicklung zu einer Theorie kausaler Mechanismen. Darüber hinaus erläutert er, wie in der sozialwissenschaftlichen Literatur bereits identifizierte Mechanismen zur Erklärung politischer Entwicklungen genutzt werden können. Das Buch bietet abschließend einen Leitfaden zur Vorgehensweise beim Process Tracing, mit dem Forscher*innen und Studierende eigenständige politische Prozesse analysieren können.

Frank Nullmeier wird sein Buch am 15. September 2021 auf dem DVPW-Kongress vorstellen: Unter dem Titel "Process Tracing – mehr als ein Buzzword" (12:30 – 13:00 Uhr) diskutiert Nullmeier mit seiner Kollegin Sybille Münch (Leuphana Universität Lüneburg) über den Nutzen des Konzepts der kausalen Mechanismen und des Process Tracings für die Politikwissenschaft.


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Prof. Dr. Frank Nullmeier
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
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Simon Gerards Iglesias, Prof. Dr. Delia González de Reufels
Simon Gerards Iglesias, Prof. Dr. Delia González de Reufels
Delia González de Reufels und Simon Gerards Iglesias sprechen über die Ergebnisse von Teilprojekt B02, wie sie mit pandemiebedingten Einschränkungen umgegangen sind und was an der Kooperation von Geschichts- und Politikwissenschaft besonders reizvoll ist.

Ihr standet vor der Mammutaufgabe, 90 Jahre sozialpolitische Entwicklung in drei Ländern zu untersuchen - wie habt ihr diese Aufgabe strukturiert?

Simon Gerards Iglesias: Für die drei Länder gibt es unterschiedliche Schwerpunkte. Ich untersuche den Fall Argentinien und habe einen Schwerpunkt auf die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) gesetzt, die erst seit 1919 existiert. Als zentralen Untersuchungszeitraum habe ich die Folgejahre bis zum Zweiten Weltkrieg definiert, denn in dieser Phase beherrschten bestimmte Strukturen die Beziehungen zwischen der ILO und Argentinien und es wurde der Grundstein für die zukünftige Entwicklung der Beziehungen gelegt.

Der Untersuchungszeitraum im Teilprojekt ist in der Tat lang, dennoch lässt er sich sinnvoll betrachten, weil er von langen Entwicklungslinien durchzogen ist. Was immer wichtig war, ist etwa der der transnationale Wissensaustausch. Das sehe ich auch in Argentinien vom 19. Jahrhundert bis heute: Dort wird immer geschaut: Was passiert in Europa? Und noch ein Punkt: Wir finden gewisse Pfadabhängigkeiten. Wenn wir z.B. die Arbeitsschutzgesetze für Frauen in Argentinien und anderen lateinamerikanischen Staaten betrachten, stellen wir fest, dass hier sehr früh durchaus restriktive Regelungen bestanden. Sie waren tatsächlich restriktiver als in Europa. In Argentinien gab es Gesetzte wie z.b. die Ley de silla, übersetzt als das „Stuhlgesetz“: In jedem Industriebetrieb musste für jede angestellte Frau ein Stuhl zur Verfügung stehen, der für Erholungspausen gedacht war. Denn in Argentinien war die Gesundheit von Frauen vor allem mit der Sorge um die Gesundheit von Müttern und damit der zukünftigen Generation verknüpft, weshalb man Frauen mehr Erholungspausen auf der Arbeit zugestand. Auch heute noch findet man dieses Gesetz in einer gewissen Form sodass aufmerksame Reisende in Argentinien überall Stühle, selbst an den kuriosesten Orten entdecken können. Der Hintergrund erschließt sich aber nur denjenigen, die einen Bezug zu den argentinischen Arbeitsschutzgesetzen herstellen können.

Delia González de Reufels: An dem von Simon genannten Beispiel sieht man sehr deutlich, dass die Sozialpolitik bis heute sichtbare Spuren hinterlassen und auf die Anliegen der jeweiligen Länder reagiert hat: Die Länder des Cono Sur hatten im 19. und auch im frühen 20. Jahrhundert prekäre Demographien. In Europa, wo die sich die Bevölkerung damals exponentiell entwickelte, mögen Arbeitgeber relativ gelassen darauf geschaut haben, dass auch schwangere Frauen an der Maschine stehen und extreme Arbeitszeiten hatten. Das war im Cono Sur allerdings anders: Dort gab es weniger Kinder und das wurde als Problem benannt und von der Sozialpolitik aufgegriffen. Das „Ley de silla“ mag heute skurril anmuten, aber die Zukunft der Nation entschied sich damals durchaus auch an der Werkbank, zumindest dann, wenn eine schwangere Frau an ihr stand. Wenig überraschend war die Bevölkerungsentwicklung eine der Entwicklungslinien, entlang derer sich gesellschaftliche Diskussionen entsponnen, die man sehr gut über 90 Jahre verfolgen kann.

Und während dieser neun Jahrzehnte überschlagen sich ja glücklicherweise nicht alljährlich die Ereignisse. Es ist eher ein Prozess der Anreicherung mit wichtigen Punkten der Kulmination. Es bedurfte ja zunächst einmal eines Problembewusstseins. Der Staat nahm sich nicht sofort aller Probleme an, sondern traf eine Auswahl. In Chile beginnt unser Untersuchungszeitraum im 19. Jahrhundert, und im Jahre 1850 äußerte die Regierung erstmals, es könne nicht angehen, dass die Menschen in die Krankenhäuser gingen, um dort zu sterben. Diese waren so schlecht ausgestattet, dass Patienten keine Chance hatten, geheilt zu werden. 1850 wird also erstmals darüber diskutiert, wie staatliches Geld, genauer: Einnahmen aus Handel und Zöllen, in die Entwicklung eines funktionierenden Krankenhauswesens umgeleitet werden können. Gesundheit war bis dahin Privatsache, aber 1850 tritt der chilenische Staat erstmals in diese Verantwortung ein und beginnt, öffentliche Gesundheit als ein Feld politischen Handelns zu begreifen. Und ab diesem Moment erweitert sich der Bereich der Gesundheitspolitik um weitere Elemente. Um dies zu beobachten, sind die 90 Jahre eigentlich ideal.

Eure Arbeit ist nicht nur räumlich, sondern auch thematisch aufgeteilt. Delia, du untersuchst in Chile vor allem die Entwicklung der Gesundheitspolitik, Simon in Argentinien den Arbeitsschutz. Wie kam es zu dieser Aufteilung?

Delia González de Reufels: Alle sozialpolitischen Felder wirken natürlich in allen diesen Ländern. Aber für den Fall Chiles habe ich festgestellt, dass viele Entwicklungen im Arbeitsschutz aus dem Gesundheitsschutz hervorgegangen sind. Also aus der Beobachtung, dass bestimmte Arbeitsverhältnisse die Gesundheit der Menschen unterminieren. Diese Beobachtung wurde fand im Gesundheitswesen statt, und daher war es sinnvoll, in der Gesundheitspolitik einen Schwerpunkt zu setzen.

Und im Falle Argentiniens haben wir den Arbeitsschutz als Schwerpunkt, weil in Buenos Aires das ILO-Büro für Lateinamerika gegründet wurde: Nachdem Südamerika zunächst von Madrid aus administriert wurde, zog die ILO mit einem eigenen Büro nach Buenos Aires um und war dort präsent. Um diese Entwicklung und deren Folgen im Projekt abbilden zu können, haben wir diese Trennung vorgenommen. Hieraus ergibt sich ein vollständigeres Bild als wenn alle Entwicklungen in allen Ländern nachvollzogen werden.

Simon Gerards Iglesias: Die Trennung hilft uns auch, damit wir trotz des großen Zeitraums die geschichtswissenschaftliche Lupe d.h. diesen analytischen Zugang anwenden können. Das geht nur bei thematischer Aufteilung. Zum Arbeitsschutz: In Argentinien gab es ein wichtiges Gesetz im Jahr 1915, das den Arbeitsschutz für IndustriearbeiterInnen neu definierte: Es regelte Schadensersatzregelung für Arbeitsunfälle und räumte der Arbeiterklasse erstmals ein wichtiges einklagbares Recht zur monetären Entschädigung ein, was ein großer Schritt zur späteren Sozialversicherung war. An dieses Gesetz haben sich viele Regelungen angeschlossen, auch viele bilaterale Abkommen mit europäischen Staaten wurden daraufhin geschlossen. Dieses Beispiel zeigt, dass Sozialpolitik im frühen 20. Jahrhundert viele transnationale Verflechtungen hatte und in einer frühen Phase der Entwicklung des Wohlfahrtsstaates bereits Rechte für Minderheitengruppen, wie etwa ausländischen ArbeiterInnen eingeführt wurden.

Delia González de Reufels: In Argentinien rückt die Arbeit einer supranationalen Organisation in den Vordergrund, die beide Bereiche- Arbeit und Gesundheit- betrachtet hat. Für den Gesundheitsschutz hätten wir die PAHO, gegründet 1902, in den Mittelpunkt stellen können. Allerdings begann in Chile begann die Gesundheitspolitik deutlich früher und war eng verknüpft mit der Professionalisierung der Medizin, die uns hier besonders interessiert hat, weil sie für die Entwicklung der Public Health von großer Bedeutung war. So haben wir schon Geschichte vor der Gründung der PAHO, die einzufangen ist. Und besonders wichtig ist, dass die ILO Themen aufgreift, die vorher seitens des Gesundheitsschutzes schon diskutiert wurden. Durch unsere Aufteilung im Projekt haben wir diese Dynamik einfangen können.

Auf welche anderen, großen Einflussfaktoren oder Mechanismen für sozialpolitische Entwicklungen seid ihr bei eurer Arbeit gestoßen?

Delia González de Reufels: Es hat sich bestätigt, dass sich die Länder gegenseitig aufmerksam beobachtet und auch voneinander gelernt und Initiativen der anderen aufgegriffen haben. Es gab eine intrinsische Motivation auf den als wichtig erkannten Feldern durch eigene Maßnahmen hervorzutregen, es gab aber auch in einem Wettbewerb untereinander. Argentinien und Chile beobachteten sich sehr genau, obwohl ja in der Region mit Uruguay ein Nachbar vorhanden ist, der sehr reformaffin war und sich selbst sehr über den sozialpolitischen Fortschritt definiert hat. Trotzdem war der Blick der Chilenen und Argentinier aufeinander gerichtet. Und natürlich nach Europa.

Simon Gerards Iglesias: Die Argentinier schauten ebenfalls in viele Richtungen, immer aber auch nach Europa. Die Argentinier sahen sich eigentlich nicht als Lateinamerikaner, sie betonten immer ihre besondere Verbindung nach Europa. Das sieht man in der Mode, der Architektur und so weiter. Europa ist dann auch in der Sozialgesetzgebung ein wichtiger Referenzpunkt. Spanien wird nicht als alte Kolonialmacht gesehen, und wenn, dann als positive, die mit den sogenannten „Leyes de Indias“ die ersten Sozialgesetze eingeführt hat. Argentinien wusste, dass es nicht so industrialisiert war wie Europa, gleichzeitig wollte es so werden und schaute sich viele Dinge ab - die Industrialisierung, aber auch die damit zusammenhängende Sozialgesetzgebung.

Was wichtig ist in Bezug auf die Rolle der ILO: Ich habe den Eindruck, dass die Konventionen und Empfehlungen gar nicht so einen großen Einfluss auf die nationalen Sozialgesetzgebungen haben. Es besteht das klassische Problem internationaler Kooperation: Man einigt sich nur auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. Dadurch sind viele Konventionen relativ schwach und schwammig, sie lassen viel Interpretationsspielraum zu, ohne wirklich einen höheren Standard zu etablieren. Das gilt für Argentinien ganz deutlich. Dort wurden Konventionen erst sehr spät ratifiziert und nur in gewissen Bereichen umgesetzt. Es gab ein cherry picking von Konventionen für die Bereiche, wo es bereits sehr ausgefeilte Gesetze gab. Dadurch wirkten sich die Konventionen meist weder positiv noch negativ auf die argentinische Gesetzgebung aus.

Dennoch war die ILO ein ganz wichtiger Akteur: Und zwar als Plattform und Scharnier zur Wissensgenerierung in der Sozialpolitik. Die ILO war als erste und damals einzige Organisation in der Lage, große vergleichbare Studien durchzuführen. Sie hatte auch eine riesige Bibliothek und Archive aufgebaut, die von Argentiniern benutzt wurden. Das sieht man auch in den Korrespondenzen. Gerade im Bereich der Sozialversicherung wurde sehr viel bei der ILO angefragt, weil sie einen unfassbar großen Wissensschatz aufgebaut hatte.

Ihr berichtet, dass diese Länder sehr stark auf ihre Nachbarn und Europa geschaut haben. Die Welt war damals nicht so vernetzt wie heute. Was waren denn die Wege des Austausches?

Delia González de Reufels: Die Welt war damals viel vernetzter, als wir uns das heute vielfach vorstellen. Damals gab es enge Verbindungen, nicht per Flugzeug, sondern per Schiff. Wenn wir uns die Organisationen, aber auch die Militärs anschauen, so waren das hochmobile Persönlichkeiten, die reisen und Dinge in Europa eigens in Augenschein nehmen konnten. Das gilt auch für Ärzte. Ideen reisen mit den Menschen, sie reisen auch in Schriften. Die Akteure haben Französisch gelesen, Deutsch, Englisch und auch Italienisch. Gerade die Ärzte haben ein breites Spektrum europäischer Sprachen beherrscht, um die Fachzeitschriften rezipieren zu können und auf dem jeweils neuesten Stand ihrer Disziplin zu sein; zumindest gilt das für die Koryphäen. In der ältesten und bis heute veröffentlichten Mediziner-Zeitschrift, fand sich daher auch immer eine Art Reader's Digest, der zusammenfasste, was gerade in internationalen Fachzeitschriften diskutiert wurde. So konnte die gesamte Ärzteschaft an den medizinischen Fortschritten teilhaben. Zum Teil hat man den Eindruck, die Autoren stehen dabei, wenn Robert Koch wieder eine Entdeckung macht, ihre Begeisterung darüber ist den Texten ebenso zu entnehmen wie der Stolz auf die eigene Disziplin, die sich beständig fortentwickelte und zur Lösung der Probleme der Zeit in Chile und anderenorts einen Beitrag leisten würde.

Simon Gerards Iglesias: Auch von Seiten der ILO gab es zahlreiche Versuche, stärker auf diese südamerikanischen Länder einzuwirken, Menschen zu erreichen und in die Diskurse hineinzukommen. Das beginnt mit spanischsprachigen Publikationen in den 1920er-Jahren. Dann gab es Reisen von ILO-Präsidenten, von Albert Thomas und Harold Buttler und anderem ILO-Personal, die alle nach Argentinien, Uruguay und Chile reisten, um dort die Arbeit der ILO vorzustellen und für ihre Organisation zu werben. Auf der anderen Seite gibt es Interesse und Engagement von den nationalen Behörden: Die argentinische Arbeitsbehörde veröffentlicht in ihrem Bulletin Unterlagen von ILO-Konferenzen und deren Protokolle werden ins Spanische übersetzt. Diese Zeitschrift wurde Sozialpolitikexperten in Argentinien gelesen, und so trug man die Debatten und das Wissen nach Argentinien hinein.

Argentinien war für die ILO immer das wichtigste Land, um ganz Lateinamerika zu erreichen. Das lag daran, dass- wie Delia schon sagt- Chile nach Argentinien schaute und die kleineren Länder erst recht. Deswegen wählte man z.B. Alejandro Unsain, einen Sozialrechtler aus Argentinien, in ein Gremium der ILO, ins Präsidium. Auch die erklärte Feministin und Sozialistin Alicia Moreau de Justo wird als einzige Repräsentantin aus einem Land der Südhalbkugel Mitglied der Kommission für Frauen und Kinder. Man hat also versucht, argentinische Akteure einzubeziehen, nach Genf zu holen und so den Austausch und die Wissensproduktion gefördert.

Delia González de Reufels: Argentinien hatte der ILO als entwickeltes Land auch eine besondere Infrastruktur zu bieten. Das gilt auch für Chile. So fand dann in den 1930er-Jahren eine große ILO-Tagung in Santiago statt. Chile hat es genossen, dass die Welt auf Santiago schaute. Das ließ man sich auch etwas kosten, auch in Zeiten, als das Geld knapper war.  Das gilt auch für die Kongresse der Lateinamerikanischen Mediziner, deren Idee in Chile entwickelt wurde. Zugleich richtete das Land den ersten Kongress aus, der eine Weiterentwicklung des ersten chilenischen Medizinerkongresses darstellte. So waren die nationale Entwicklung und die transnationale eng miteinander verwoben.

Wir haben feststellen können, dass es immer wieder ereignisreiche Zeitabschnitte gab, die sowohl vom transnationalen Austausch als auch von Entwicklungen in den Ländern getragen wurden. Weder das eine noch das andere allein reicht aus, um eine Erklärung für die Dynamik sozialpolitischer Entwicklungen zu finden. Es gab immer eine Verbindung zwischen der transnationalen und nationalen Ebene. Erst dadurch entstand eine Dynamik, die sozialpolitische Veränderung ermöglichte. Das gilt für alle Bereiche.

Ihr habt vom eurem geschichtswissenschaftlichen Lupenblick gesprochen, ihr seid dennoch Teil des politikwissenschaftlichen SFB. Was war herausfordernd an dieser Konstellation und was war besonders gewinnbringend?

Delia González de Reufels: Herausfordernd ist, dass andere Beobachtungsräume zeitlicher Art entworfen werden. Die Geschichtswissenschaft ist immer ganz nah an der Quelle, und man sieht dann mitunter auch das größere Bild nicht, sondern muss sich das erstmal erarbeiten. Wir sind meist längere Zeit im Archiv, bevor wir daran gehen können, an Quellen unsere Theorien zu falsifizieren und Aussagen zu treffen. Da sind die die Kolleg*innen der Politikwissenschaft sehr viel schneller. Aber der SFB ist ja nicht aus dem Nichts gestartet. Es gab Jahre der Vorarbeit, es ging auch darum, eine gemeinsame Sprache zu entwickeln, unsere Perspektiven zu vereinen und voneinander zu lernen. Das macht es für mich bis heute so spannend. Wir kommen übrigens überwiegend zu ähnlichen Ergebnissen und ergänzen uns darüber hinaus sehr gut, obwohl wir anders auf die Dinge draufgucken.

Simon Gerards Iglesias: Ich denke, die Politikwissenschaft fokussiert sich sehr auf Methoden, z.B. die causal mechanisms, die wir uns auch erst aneignen mussten. Wir hingegen haben diesen Quellenblick, und es dauert dann meist länger, bis wir Ergebnisse vorweisen können. Aber es ist eine sehr bereichernde Kooperation. Ich habe viel gelernt und konnte z.B. Theorien zu internationalen Beziehungen gut für meine Dissertation verwenden.

Kommen wir zu einem unschönen Thema: Wie hat sich denn die Corona-Pandemie auf euer Projekt und eure Recherchen ausgewirkt?

Delia González de Reufels: Es ist wirklich bitter: Wir haben Reisemittel, die wir nicht verwenden können. Zurzeit ist vollkommen offen, wann wir wieder reisen dürfen. Und anders als viele Kolleg*innen hängen wir am gedruckten Wort: Wir müssen in die Bibliothek und in die Archive. Man kann sich zwar behelfen: Durch einen Kontakt in eine chilenische Bibliothek konnte ich etwas Material digitalisieren lassen und so an Quellen kommen. Aber das ist natürlich nur ein Ausschnitt und kann die eigene, wochenlange Archivarbeit nicht ersetzen. Denn man muss von der Ferne aus genau wissen, an welcher Stelle in welcher seriellen Publikation etwas Relevantes zu finden ist. Und man muss sich darauf verlassen, dass bei der Digitalisierung kein Fehler passiert und die Bestände vollständig sind.

Simon Gerards Iglesias: Zum Glück war ich vor zwei Jahren, gleich zu Beginnen meiner Dissertationsphase, in Argentinien und konnte dort Material sammeln. Seit Beginn der Pandemie im März 2020 hat die ILO nämlich niemand mehr in ihr Archiv gelassen, was schade ist und letztlich auch ein bisschen unverständlich. Das ist ein Riesenproblem. Wir haben so kaum ILO-Archivmaterial sichten können, nur solches, das bereits digitalisiert ist. Das ist zwar viel, aber darunter sind keine Korrespondenzen, Briefe und informelle Berichte. Dabei sind es gerade diese inoffiziellen Quellen, für die wir uns als Historiker*innen so interessieren. Und hoffen wir immer noch auf eine zeitnahe Öffnung, die eine Sichtung des Archivmaterials erlaubt.

Welche Veröffentlichungen sind trotz allem noch von euch zu erwarten in den nächsten Monaten?

Delia González de Reufels: Demnächst erscheint ein Working Paper, das die Ergebnisse meiner Forschungen und der von Mónika Contreras präsentiert und zur Diskussion stellt. Hier geht es um das Feld des Social Housing und wie sich das auf eine besondere Berufsgruppe auswirkt: die Carabineros de Chile. Das ist eine militarisierte und zentralisierte Polizeieinheit, die 1927 durch einen Zusammenschluss verschiedener anderer Polizeien entstanden und in ganz Chile präsent ist. Diese neue nationale Polizei war schnell in der Lage, dieses Gesetz zu nutzen, um sich als Arbeitgeber attraktiv zu machen und die Wohnungsmisere in Santiago für die Angehörigen der eigenen Einheit positiv zu wenden. Wohnen ist ja mehr als ein Ort der Unterbringung, es hat Auswirkungen auf das Familienleben, die Gesundheit, auf das soziale Gefüge. Außerdem habe ich noch zwei Aufsätze im in der Pipeline, für die ich auf Archivmaterial zurückgreifen kann, das ich vor Corona in Chile und der Conway Medical Library in Boston sammeln konnte.

Und als Teilprojekt sind wir an einem Band beteiligt, zu dessen Herausgeber*innen ich gehöre: Der Band hat das Ziel, die Breite und Dynamik der globalen sozialpolitischen Entwicklung in den Blick zu nehmen und wir sind dort auch mit eigenen Beiträgen beteiligt. Es hat Spaß gemacht, einige Ergebnisse unsere Arbeit in kurzer und prägnanter Form für unsere Länder zu präsentieren.

Simon, wann wirst du deine Promotion abschließen?

Simon Gerards Iglesias: Ich werde voraussichtlich im Spätsommer fertig. Die Veröffentlichung wird dann etwas später, d.h. nach dem Kolloquium erfolgen. Ich habe auch noch viel Material und Quellen, die ich bisher nicht gebraucht habe. Basierend darauf werde ich noch Artikel schreiben, aber das steht erst im zweiten Halbjahr an.


Kontakt:
Simon Gerards Iglesias
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Geschichtswissenschaft / FB 08
Universitäts-Boulevard 13
28359 Bremen
Tel.: +49 421 218-67204
E-Mail: sgerards@uni-bremen.de

Prof. Dr. Delia González de Reufels
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In "Social Policy & Administration" haben 7 Teilprojekte des SFB 1342 Fallstudien sozialpolitischer Dynamiken im Globalen Süden vorgelegt. Deren Synthese zeigt: Das Konzept der kausalen Mechanismen ist gut geeignet, solche Entwicklungen zu analysieren.

Sieben Teilprojekte aus dem Projektbereich B des SFB 1342 haben eine Sonderausgabe von "Social Policy & Administration" veröffentlicht: Causal mechanisms in the analysis of transnational social policy dynamics: Evidence from the global south. Die zentrale Forschungsfrage, der die Autor*innen nachgehen, lautet: Welche kausalen Mechanismen können die transnationalen Dynamiken der Sozialpolitik im Globalen Süden erfassen?

Um Antworten auf diese Frage zu finden, präsentieren die Autor*innen vertiefende Fallstudien zu sozialpolitischen Dynamiken in verschiedenen Ländern und Regionen des Globalen Südens sowie in unterschiedlichen sozialpolitischen Feldern. Alle Beiträge konzentrieren sich auf das Zusammenspiel von nationalen und transnationalen Akteuren bei der Gestaltung von Sozialpolitik. (Die Beiträge dieser Special Issue sind unten aufgeführt.)

Die zentralen Erkenntnisse der Autorinnen und Autoren sind:

  • Erklärungen der Sozialpolitik im Globalen Süden bleiben unvollständig, wenn nicht auch transnationale Faktoren berücksichtigt werden
  • Dies bedeutet jedoch nicht, dass nationale Faktoren nicht mehr wichtig sind. Bei sozialpolitischen Entscheidungen sind nationale institutionelle Rahmenbedingungen und Akteure von zentraler Bedeutung
  • Die mechanismusbasierte Forschung kann das Zusammenspiel zwischen transnationalen und nationalen Akteuren und deren Einfluss auf die Gestaltung sozialpolitischer Ergebnisse plausibel nachzeichnen. Die Artikel identifizieren eine Vielzahl von Kausalmechanismen, die dieses Zusammenspiel erfassen können
  • Das Ergebnis sozialpolitischer Entscheidungen ist komplex und kann oft nicht durch einen einzigen Mechanismus erklärt werden. Die Untersuchung der Kombination und des möglichen Zusammenspiels mehrerer kausaler Mechanismen kann tiefer gehende Erklärungen liefern 
  • Das Konzept der Kausalmechanismen kann auch in vergleichenden Analysen angewendet werden
  • Mechanismen können induktiv in einem Fall aufgespürt und dann auf einen anderen Fall übertragen werden.


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Johanna Kuhlmann & Tobias ten Brink (2021). Causal mechanisms in the analysis of transnational social policy dynamics: Evidence from the global south. Social Policy & Administration. https://doi.org/10.1111/spol.12725

Armin Müller (2021). Bureaucratic conflict between transnational actor coalitions: The diffusion of British national vocational qualifications to China. Social Policy & Administration. https://doi.org/10.1111/spol.12689 

Johanna Kuhlmann & Frank Nullmeier (2021). A mechanism‐based approach to the comparison of national pension systems in Vietnam and Sri Lanka. Social Policy & Administration. https://doi.org/10.1111/spol.12691 

Kressen Thyen & Roy Karadag (2021). Between affordable welfare and affordable food: Internationalized food subsidy reforms in Egypt and Tunisia. Social Policy & Administration. https://doi.org/10.1111/spol.12710

Monika Ewa Kaminska, Ertila Druga, Liva Stupele & Ante Malinar (2021). Changing the healthcare financing paradigm: Domestic actors and international organizations in the agenda setting for diffusion of social health insurance in post‐communist Central and Eastern Europe. Social Policy & Administration. https://doi.org/10.1111/spol.12724

Gulnaz Isabekova & Heiko Pleines (2021). Integrating development aid into social policy: Lessons on cooperation and its challenges learned from the example of health care in Kyrgyzstan. Social Policy & Administration. https://doi.org/10.1111/spol.12669 

Anna Safuta (2021). When policy entrepreneurs fail: Explaining the failure of long‐term care reforms in Poland. Social Policy & Administration. https://doi.org/10.1111/spol.12714

Jakob Henninger & Friederike Römer (2021). Choose your battles: How civil society organisations choose context‐specific goals and activities to fight for immigrant welfare rights in Malaysia and Argentina. Social Policy & Administration. https://doi.org/10.1111/spol.12721


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Dr. Johanna Kuhlmann
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
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Prof. Dr. Tobias ten Brink
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Research IV und China Global Center
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Teresa Huhle und Johanna Kuhlmann berichten im Interview von einem 6-tägigen Seminar zu Sozialpolitik im Globalen Süden, das sie während der Frühjahrsakademie der Studienstiftung des deutschen Volkes geleitet haben.

Die SFB-Mitglieder Teresa Huhle und Johanna Kuhlmann haben vom 20. bis 25. März 2021 eine Arbeitsgruppe der Frühjahrsakademie der Studienstiftung des deutschen Volkes geleitet. An dem sechstägigen Seminar zum Thema „Sozialpolitik im Globalen Süden – Ein interdisziplinärer Perspektivwechsel“ haben 13 Studierende aus unterschiedlichen Disziplinen teilgenommen. Im Interview erzählen Huhle und Kuhlmann, wie die Akademie gelaufen ist.

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Wer war zu der Akademie zugelassen?

Johanna Kuhlmann: An der Akademie konnten Stipendiat*innen der Studienstiftung teilnehmen, die eher am Beginn ihres Studiums sind. Wir hatten 13 Studierende vom ersten bis zum sechsten Semester.

Teresa Huhle: Der Zugang war auf keine Disziplin beschränkt. So hatten wir dann einen bunten Mix: ungefähr die Hälfte kam aus den Sozialwissenschaften, dazu kam eine Historikerin. Die anderen studieren Jura, VWL, Medizin, Physik und Philosophie.

Wie war euer Seminar konzipiert?

Huhle: Wir hatten fünf inhaltliche Arbeitstage – nach einem Einführungstag stand jeder Tag unter einem thematischen Schwerpunkt: koloniale Sozialpolitik, Internationale Organisationen, Entwicklungspolitik als Sozialpolitik und schließlich Propaganda und Verhaltenspolitik. Tag sechs war einem Rückblick und der Vorbereitung einer Präsentation für den gemeinsamen Abschlussabend der Akademie gewidmet. Zur Vorbereitung hatten die Teilnehmer*innen pro Tag zwei bis drei Texte zu lesen. Aber die einzelnen Tage haben wir dann variabel gestaltet und die Themen in sehr unterschiedlichen Formaten bearbeitet.

Kuhlmann: Gerade auch mit Blick auf das digitale Format wollten wir die Teilnehmer*innen aktivieren. Das hat auch gut geklappt. Zwei Dinge als Beispiel: Wir haben eine Plenardebatte gemacht zu Sozialpolitik als Entwicklungspolitik, in der sich die Teilnehmer*innen in einer Art Rollenspiel in verschiedene Charaktere hineinversetzt haben. Ein anderes Mal haben wir eine sozialpolitische Maßnahme im Detail diskutiert: Welche Gründe und Argumente kann man für oder auch gegen die Einführung eines bestimmten Programms anführen und wovon hängt letztlich die Entscheidung ab.

Huhle: Am Tag zu Propaganda ging es in einem Text um Gesundheitsfilme, die 1943/1944 von Disney in den USA für Lateinamerika produziert worden waren. Einen der Filme konnten wir uns gemeinsam anschauen und haben ihn anschließend diskutiert. Bei den Formaten haben wir auf Abwechslung geachtet. Das hat gut funktioniert – die Studierenden waren alle sehr motiviert und hatten Lust, in Gruppen zu arbeiten und zu diskutieren.

Anhand welcher Kriterien hattet ihr die Texte ausgewählt, die als Grundlage für jeden Tag dienten?

Kuhlmann: Weil wir den historischen und politikwissenschaftlichen Zugang kombinieren wollten, mussten wir Texte finden, die zueinander sprechen – sei es, weil sie sich ergänzen oder auch widersprechen. Uns war auch die Zugänglichkeit der Texte wichtig. Wir hatten ja auch fachfremde Studierende im Seminar. Dass diese überfordert sein könnten, war aber eine unbegründete Sorge.

In dem Seminar ging es euch um einen Perspektivwechsel – bezog sich das auf die Perspektive Nord-Süd oder auf die fachliche Perspektive?

Huhle: Wir haben das bei der Ankündigung des Programms eher von den Fachdisziplinen her gedacht. Aber wir haben schnell gemerkt: Was die Studierenden angezogen hat, war nicht die sozialpolitische oder historische Perspektive, sondern die Kategorie "Globaler Süden". Alle hatten Interesse an Fragen von globaler Ungleichheit, kolonialen Strukturen und deren Fortwirken usw. Viele waren auch schon länger im Ausland, u. a. im Freiwilligendienst. Erfreulicherweise haben aber zum Abschluss einige gesagt, dass es für sie besonders interessant war, Einblicke in unsere geschichts- und politikwissenschaftliche Arbeitsweise zu bekommen.

Ihr hattet Teilnehmer*innen aus einer Reihe unterschiedlicher Fächer – die Spanne reichte von Physik über Philosophie bis Jura – konnten diese trotzdem miteinander, in einer "gemeinsamen Sprache" sprechen?

Kuhlmann: Ja, das hat erstaunlich gut geklappt. Wir haben meistens gar nicht gemerkt, wer welches Fach studiert.

Huhle: Der Physikstudent hat uns einmal darum gebeten, Fachbegriffe nicht einfach zu verwenden, ohne sie zu erklären. Sonst gab es keinen Moment, in dem die Fächerzugehörigkeit zur Sprache kam. Das lag sicher daran, dass alle sehr motiviert und interessiert waren. Aber vielleicht spielt auch eine Rolle, dass die Schulzeit der Teilnehmer*innen noch nicht lange zurückliegt. Sie kommen ja gerade erst aus einem System, in dem es völlig selbstverständlich ist, sich mit ganz unterschiedlichen Themen zu beschäftigen.

Was habt ihr als Seminarleiterinnen aus dem Kurs gelernt, was nehmt ihr mit?

Kuhlmann: Im Seminar haben Studierende aus ganz verschiedenen Fächern Gedanken aus ihren Perspektiven eingebracht. Das hat mich inhaltlich besonders angesprochen: Dadurch habe ich über Fragen nicht nur aus historischer oder politikwissenschaftlicher Perspektive nachgedacht, sondern zum Beispiel auch aus volkswirtschaftlicher oder juristischer.

Huhle: Das Seminar war sehr intensiv und hat für alle sehr viele Denkanstöße geliefert. Das würde ich sehr gern wieder machen. Und ganz pragmatisch: Es war eine tolle Übung für die Online-Lehre, wir konnten ganz verschiedene Dinge ausprobieren. Präsenz kann natürlich nicht ersetzen werden, aber es ist trotzdem gelungen, über die Woche ein Gruppengefühl herzustellen. Ich habe das Gefühl, ich habe im Laufe der Woche 13 Menschen tatsächlich kennengelernt. Und das finde ich sehr schön.


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Öktem hat an der Bilkent-Universität in Ankara zur Entstehung von Wohlfahrtssystemen im Globalem Süden promoviert. Im Interview spricht er über seine akademische Laufbahn und erklärt seine Rolle im SFB.

Lieber Kerem, du bist vor einigen Wochen an die Uni Bremen gewechselt und arbeitest nun auch im SFB –Teilprojekt B01 – herzlich willkommen! Welchen Themen und Aufgaben wirst du dich in den nächsten Monaten widmen?

Kerem Öktem: Als Mitarbeiter im Teilprojekt zu „Mechanismen der Verbreitung von Sozialpolitik“ werde ich mir insbesondere die Entwicklung der türkischen Sozialpolitik anschauen. Ein besonderes Augenmerk meiner Arbeit wird darauf liegen, zu verstehen, welche kausalen Mechanismen bei der Einführung und Entwicklung der Arbeitslosigkeitsversicherung in der Türkei eine Rolle gespielt haben.

Nach deinem Studium in Bayreuth bist du an die Bilkent-Universität in Ankara gewechselt. Was waren deine Gründe, dort zu promovieren?

Bereits während meines Studiums in Bayreuth bin ich für ein Auslandspraktikum bei der türkischen Menschenrechtsstiftung (TIHV) und für ein Auslandssemester an der Middle East Technical University (METU/ODTÜ) in Ankara gewesen. Aus privaten Gründen war es für mich naheliegend, in Ankara zu bleiben und so entschied ich mich, an der Bilkent Universität zu promovieren.

Es gibt wahrscheinlich kaum eine Phase in der Laufbahn eines Wissenschaftlers, in der man sich derart intensiv mit einem Thema beschäftigen kann wie während der Promotionszeit. Deine Dissertation trägt den Titel: "Pathways to universal social security in lower income countries: explaining the emergence of welfare states in the developing world". Was war aus deiner Sicht die wichtigste Erkenntnis, die du dabei gewonnen hast?

Meine Dissertation widmet sich der Frage, unter welchen Umständen relativ arme Länder eine so umfassende Sozialpolitik entwickeln, dass man sie in gewisser Weise als Sozialstaaten beschreiben kann. Was mich dabei besonders überrascht hat, war, dass Sozialpolitik in sehr verschiedenen Kontexten, von Regierungen und Regimes sehr unterschiedlicher Art ausgebaut wurde. Zwei der Fälle, die ich mir im Detail angeschaut habe, waren Brasilien und Südafrika. Hier hat sich beispielsweise gezeigt, dass in Brasilien nicht nur die demokratischen mitte-links Regierungen der 2000er-Jahre, sondern bereits das rechte Militärregime von 1964 bis 1985, und in Südafrika nicht nur die vom African National Congress (ANC) gebildeten Regierungen der post-Apartheid-Ära, sondern bereits Regierungen während der Apartheid-Zeit Sozialpolitik aus sehr eigenen Motiven heraus ausgebaut haben.

2017 bist du an die Uni Bielefeld gewechselt und hast im Projekt "How 'Social' Is Turkey"? gearbeitet. Kann man darauf eine Antwort geben – wie sozial ist die Türkei?

Die Frage "wie 'sozial' ist die Türkei?" in dem Projekttitel bezog sich auf unseren Versuch, zu verstehen, inwiefern in der Türkei eine Sozialpolitik entstanden ist, die europäischen Sozialstaaten ähnlich ist. Dabei haben wir herausgefunden, dass in den letzten Jahrzehnten die wichtigsten Sozialpolitikprogramme, die den modernen Sozialstaat ausmachen, wie z.B. eine Altersrente oder eine Krankenversicherung, in der Türkei eingeführt und nach und nach auf einen Großteil der Bevölkerung ausgedehnt wurden. Insofern ist die Türkei inzwischen den europäischen Sozialstaaten recht ähnlich. Wenn man sich allerdings die Details der Programme anschaut, sieht man, dass weiterhin Unterschiede bestehen. So fehlt z.B. ein Rechtsanspruch auf materielle Grundsicherung, wie er in Deutschland besteht. Wenn man den Kontext weiter fasst und den europäischen Sozialstaat im demokratischen Rechtsstaat eingebettet sieht, wird der Vergleich natürlich noch schwerer.

Wird die Türkei ein Schwerpunkt deiner wissenschaftlichen Arbeit bleiben oder verschiebt sich dein Interesse in eine andere Region?

Die Erforschung der türkischen Sozialpolitik aus vergleichender Perspektive wird weiterhin ein Schwerpunkt meiner Arbeit bleiben. Allerdings möchte ich mich auch wieder verstärkt anderen Ländern zuwenden. Sofern mir die Zeit dafür bleibt, werde ich mir beispielsweise die sozialpolitischen Entwicklungen in Indien, die in der internationalen Forschung erstaunlich wenig diskutiert werden, anschauen.


Kontakt:
Dr. Kerem Gabriel Öktem
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik
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28359 Bremen
E-Mail: oektem@uni-bremen.de

Durch Türchen Nummer 8 möchten wir Sie einladen zu einem Workshop mit Johanna Kuhlmann (SFB 1342) und Peter Starke (University of Southern Denmark), in dem sie die Rolle von Emotionen in sozialpolitischen Reformprozessen analysieren.

Workshop: Emotions and the Politics of Social Policy Reform - Why Macron’s Pension Reform Failed (For Now)

Die Reform des sehr komplexen und teuren französischen Rentensystems war ein wichtiger Punkt auf Macrons Agenda. Obwohl die Regierung nicht nur mit Interessengruppen verhandelte, sondern auch die Bürger konsultierte, wurde der Reformvorschlag von Protesten und Streiks hinweggefegt, die noch größer waren als die der Gelbwesten-Bewegung. Auffallend ist, dass die Zustimmungsraten der Regierung selbst bei denjenigen einbrachen, die von der Reform profitiert hätten.

Johanna Kuhlmann (Universität Bremen, CRC 1342) und Peter Starke (University of Southern Denmark) argumentieren, dass emotionale Dynamiken, insbesondere die Rolle von Wut, zur Erklärung der Dynamik von Macrons gescheiterter Rentenreform beitragen können. Obwohl Emotionen in der Politik in letzter Zeit in der Politikwissenschaft etwas an Bedeutung gewonnen haben, spielen sie in den Policy-Analysen und der vergleichenden Wohlfahrtsstaatsforschung bisher so gut wie keine Rolle: Kuhlmann und Starke stellen fest, dass Emotionen in der theoretischen Literatur zu sozialpolitischen Reformen auffallend wenig präsent sind. Sie glauben, dass es an der Zeit ist, dass die Wissenschaft emotionale Dynamiken ernster nimmt.

In ihrem Beitrag "Emotions and the Politics of Social Policy Reform: Why Macron's Pension Reform Failed (For Now)" stellen Kuhlmann und Starke einen theoretischen Rahmen vor, der es ihnen erlaubt, die Rolle von Wut in politischen Reformprozessen zu analysieren. Diesen Rahmen wenden sie dann auf den Fall des französischen Rentenreformprozesses an.

Johann Kuhlmann und Peter Starke werden ihr Papier auf dem Political Economy Workshop am 15. Dezember 2020 um 14.30 Uhr vorstellen und diskutieren. Der Workshop findet online über Zoom statt. Gäste sind herzlich eingeladen, daran teilzunehmen. Um das Papier im Voraus zu erhalten, abonnieren Sie bitte den E-Mail-Newsletter des Political Economy Workshops oder schreiben Sie eine E-Mail an Bastian Becker und Hanna Lierse, die die Workshop-Reihe organisieren.

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Haben Sie einige der vorherigen Türchen verpasst? Hier geht es zum gesamten SFB-Adventskalender 2020.


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Prof. Dr. Frank Nullmeier
Prof. Dr. Frank Nullmeier
Frank Nullmeier diskutiert in einem Aufsatz den Begriff der Freiheit in Zeiten der Pandemie. Er plädiert dafür, den Infektionsschutz zu reformieren und dann als sozialpolitisches Instrument zu begreifen, das Freiheit erst ermöglicht.

Während der Pandemie greifen die Infektionsschutzmaßnahmen von Regierungen und Verwaltungen in die alltäglichen Aktivitäten der Bürgerinnen und Bürger ein. Diese Maßnahmen werden von manchen als Verletzung der Freiheit des Einzelnen wie auch der Gesellschaft kritisiert. Doch ein solcher Freiheitsbegriff sei im Kontext einer Pandemie nicht angemessen, argumentiert Frank Nullmeier. Es sei in erster Linie die Pandemie, die die Freiheit verletze. Wir müssten ein Konzept der sozialstaatlich geprägten Freiheit entwickeln, das es erlaube, staatliche Eingriffe zunächst als Reaktion auf einen Zustand der Unfreiheit zu verstehen.

Historisch gesehen, schreibt Nullmeier, sei der öffentliche Infektionsschutz in der Polizeiarbeit verwurzelt, und die Denkmuster des Sozialrechts und des Sozialstaats seien hier nicht fest integriert. Frank Nullmeier plädiert daher dafür, den Infektionsschutz zu reformieren und ihm einen sozialpolitischen Charakter zu geben, ähnlich wie bei der Regulierung von Arbeitsverhältnissen (z.B. Arbeitsschutz). Angemessene Formen des Regierens, die auch eine institutionelle Umstrukturierung der Infektionsbekämpfungspolitik implizieren, müssten auf einem sozialstaatlich ausgerichteten Konzept von Freiheit beruhen, dass sich an sozialer Freiheit orientiert. 

Frank Nullmeiers gesamter Aufsatz auf dem Theorie-Blog: Covid-19-Pandemie und soziale Freiheit


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Prof. Dr. Delia González de Reufels (Foto: Steven Keller)
Prof. Dr. Delia González de Reufels (Foto: Steven Keller)
Delia González de Reufels erklärt im Interview, warum sich Lateinamerika zum Hotspot der Covid-19-Pandemie entwickelt hat und welch unterschiedliche Strategien die Länder verfolgen, um ihr zu begegnen.

Südamerika ist ein Hotspot der Covid-19-Pandemie. Wie beurteilst du die Situation?

Die WHO hat erst in diesen Tagen den amerikanischen Doppelkontinent zum neuen Hot Spot der Pandemie erklärt, und die Lage ist wirklich erschreckend. Anders als in Ecuador, wo der erste Fall bereits Ende Februar im Zusammenhang mit einem Verwandtenbesuch einer in Madrid lebenden Frau aufgetreten ist, wurden Corona-Infektionen in vielen Ländern erst Mitte März verzeichnet. So hatte man überwiegend mehr Zeit, sich auf den Ausbruch vorzubereiten als beispielsweise Europa und die USA. Diese wertvolle Zeit ist aber vielfach nicht genutzt worden bzw. konnte nicht genutzt werden.

Wie erklärst du dir das?

Es mag banal klingen, aber eine der Erklärungen ist, dass angesichts einer drohenden Pandemie nicht plötzlich alle Versäumnisse der Vergangenheit im Gesundheitswesen behoben werden können. Die Corona-Krise legt die Schwächen der Gesundheitssysteme und der allgemeinen Infrastruktur sowie das Ausmaß an Korruption offen. Zugleich verstärkt die Krise die bestehende soziale Ungleichheit, politische Probleme und Spannungen. Um nur ein infrastrukturelles Versäumnis zu nennen: Nicht überall sind alle Haushalte mit Trinkwasser versorgt. Wer zum Wasserholen aus dem Haus muss, trifft dort Nachbarn und wird zwangsläufig mit vielen Menschen in Kontakt kommen. Auch jahrzehntelange Einsparungen im Gesundheitssektor, und hierfür ist Mexiko ein gutes Beispiel, wirken sich unmittelbar negativ aus. In Mexiko sind die öffentlichen Ausgaben für Gesundheit trotz wachsender Bevölkerung gleich geblieben. Seit Jahren betrugen sie knapp 3% des Staatsbudgets. Wenn man das in Beziehung zu den Ausgaben anderer Staaten der Hemisphäre setzt, geben nur Guatemala und Venezuela weniger für die Gesundheit aus. Das steht in deutlichem Kontrast zur Bedeutung, die Mexiko dem Gesundheitssektor früher beigemessen hat. Immerhin hatte das Land ab den 1940er Jahren massiv in öffentliche Gesundheit und in Sozialversicherung investiert.

Ein weiterer Grund, weshalb die Pandemie viele Länder Lateinamerikas so hart trifft, ist der Populismus einzelner Regierungen. Hier wurde nicht versucht, der Pandemie frühzeitig und gezielt zu begegnen, vielmehr wurde die Gefahr des Corona-Virus sehr lange heruntergespielt. Das gilt auch für Mexiko. Der Präsident Andrés Manuel López Obrador hat zu Beginn der Pandemie zum Beispiel bei einer Kundgebung auf eine entsprechende Frage hin kurz in die Jackentasche gegriffen und zwei Heiligenbildchen herausgeholt. Er hielt diese hoch und behauptete, sich gut geschützt zu fühlen. Ihm könne, so erklärte er, nichts passieren. Damit wich er tatsächlich der Frage nach Maßnahmen der Regierung gegen die Pandemie aus und gab den einfachen Mexikanerinnen und Mexikanern das Signal, einer von ihnen zu sein; mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen zum neuartigen Virus beschäftige er sich nicht. Er hat sich auch jüngst wieder geweigert, sich auf Covid-19 testen zu lassen, weil er ja keinerlei Symptome zeige. Zugleich signalisiert der Präsident: Diese Regierung sieht keinen Anlass etwas zu unternehmen und zum Beispiel die Testkapazitäten zu erhöhen. Die schlimmen Folgen dieser Haltung können wir in diesen Tagen beobachten.

Auch in Brasilien, wo die Pandemie als Ganzes vom Präsidenten Jaïr Bolsonaro negiert wurde, hat sich das Virus mit dramatischen Folgen verbreitet. Die Provinz Amazonien, die medizinisch unterversorgt ist, hat gerade unter den indigenen Bevölkerungen dramatisch viele Todesopfer zu beklagen. Aber auch in einer Stadt wie Sao Paulo wurden in diesen Tagen die Gräber knapp, die Friedhofsverwaltung wurde angewiesen, vor längerer Zeit Verstorbene zu exhumieren und die Gebeine bis auf weiteres in Containern zu lagern. So soll Platz für die vielen neuen Toten gemacht werden. Zugleich werden die wahren Dimensionen der Krise verschleiert. Die Entscheidung, keine Infektionszahlen mehr veröffentlichen zu wollen, die das Gesundheitsministerium getroffen hat, spricht eine deutliche Sprache. Allerdings ließ sich diese nicht aufrechterhalten, weil die Kritik daran im Land und im Ausland gleichermaßen groß war. Und auch Mexiko hat nicht immer alle Zahlen übermittelt, wie sich aus den Berichten von medizinischem Pflegepersonal ergeben hat. Dieses Personal konnte oft die eigenen Beobachtungen mit den z.B. für die Hauptstadt Mexiko veröffentlichten Zahlen nicht in Einklang bringen.

Gibt es auch Gegenbeispiele, also Regierungen in Lateinamerika, die die Krise ernst genommen und good practice von anderen Ländern übernommen haben?

Im Projekt B02 des SFBs betrachten wir Argentinien, Chile und Uruguay, die als Pioniere im Bereich der Sozialpolitik und der öffentlichen Gesundheit gelten. Und tatsächlich haben alle drei Länder sehr früh weitreichende Maßnahmen ergriffen, die sich in das einreihen, was wir aus Europa kennen und sich offensichtlich an diesen Instrumenten orientiert. Allerdings ist auf der südlichen Halbkugel das Virus im Herbst ausgebrochen, der Höhepunkt des Ausbruchsgeschehens wird in den Winter fallen. Das wird die Krise prägen, alle drei Länder agieren indessen recht erfolgreich:

So hat Uruguay, seitdem der erste Fall laut amtlichen Stellen Mitte März berichtet wurde, erstaunlich niedrige Ansteckungszahlen und wenige Todesfälle verzeichnet. Nach offiziellen Angaben liegt die Todesrate hier bei 0,65 pro 100 000 Einwohner. Das wird vor allem auf den guten Zustand des Gesundheitssystems zurückgeführt, in das die Regierungen der letzten zehn Jahre kontinuierlich investiert haben. Ebenso dürfte die frühe Schließung der Grenzen, der Schulen und die Einstellung des Flugverkehrs sowie das Verbot von Großveranstaltungen entscheidend gewesen sein, indessen gab es keine Ausgangssperren. Nun sollen schrittweise Lockerungen vorgenommen werden, zu denen die niedrigen Ansteckungszahlen die Regierung von Präsident Luis Lacalle Pou ermutigt haben.

Etwas anders verhält es sich in Chile, in dem bislang knapp 3000 Menschen verstorben sind. Hier gelten weiterhin strenge Ausgangsregelungen, Schulen und Universitäten bleiben geschlossen. Einwohner Santiagos dürfen nur an zwei Tagen pro Woche das Haus verlassen und dann auch nur mit Passierschein und zur Erledigung der Einkäufe. Diese strengen Regelungen treffen die prekär Beschäftigten besonders stark und sind auch deshalb problematisch, weil sie eine Zeit der gewaltsamen Proteste gefallen sind. In den sozialen Medien wurde schon gemutmaßt, dass das Virus der Regierung von Sebastián Piñera zu pass käme. Die nun bereits steigende Arbeitslosigkeit verstärkt die soziale Ungleichheit noch, zugleich bewegen sich die Ansteckungszahlen immer noch auf hohem Niveau, so dass Lockerungen in absehbarer Zeit nicht verkündet werden dürften. Auch wird in Chile der Höhepunkt der Corona-Krise noch erwartet. Indessen wurde der glücklose Gesundheitsminister ersetzt, dessen mangelnde Eingriffe in die Medikamenten-Preise ebenfalls in den vergangenen Protesten angeprangert worden waren.

Argentinien hat bislang sehr erfolgreich agiert, wie die knapp 30 500 Infektionen (Stand 14. Juni 2020) zeigen, obschon gegenwärtig die Ansteckungszahlen in Buenos Aires wieder ansteigen. Die strengen Maßnahmen, die das Land ab dem 20. März ergriffen hat, können als Ursache für den bisherigen Erfolg in der Bekämpfung des Virus gelten. Im Bereich der öffentlichen Gesundheit hat die peronistische Regierung von Alberto Fernández schnell und entschlossen gehandelt. Gleich zu Beginn der Krise hatte sie erklärt, in und um Buenos Aires zehn neue Krankenhäuser bauen zu wollen. Das war eine sehr ehrgeizige Ansage angesichts der Auslandsschulden, die das Land zu begleichen hat und die auch den Hilfszahlungen an die Arbeiter Grenzen setzen. Allerdings dürfte dies eine Reaktion auf die Nachrichten aus China gewesen sein, wo angesichts der Dynamik des Ansteckungsgeschehens schnell neue Krankenhäuser errichtet und die zusätzlichen Behandlungsplätze offenbar auch gebraucht worden waren. Weil man erkannt hat, dass städtebauliche Dichte wie in Wuhan oder New York City ein maßgeblicher Faktor bei der Verbreitung der Krankheit ist, hat die Regierung besonderes Augenmerk auf die Metropolregion Buenos Aires gelegt. Das Ausbruchsgeschehen hier hat die Regierung dazu bewogen, die Maßnahme des „social distancing“ bis zum 28. Juni zu verlängern, obwohl andere Regionen mit niedrigeren Ansteckungszahlen flexibler agieren dürfen. So zählte La Pampa während eines Zeitraumes von 65 Tagen keine neuen Fälle, und erst in diesen Tagen wurde überhaupt der sechste Infizierte berichtet, der sofort in Quarantäne ging. Wir sehen also auch hier die Anwendung der bereits in China praktizierten Maßnahmen.

Wenn man sich die Statistik der gemeldeten Fälle anschaut, fällt ins Auge, dass die Länder Lateinamerikas sehr unterschiedlich stark betroffen sind.

Es gibt selbstverständlich einen Zusammenhang zwischen nicht testen und nicht wissen. Gegenwärtig steigen beispielsweise die Ansteckungszahlen in Peru rasant, dennoch muss man von einer ungleich höheren Dunkelziffer ausgehen, die auch die Todesfälle betrifft. Die Menschen versterben, ohne getestet zu werden. Das ist auch in Nikaragua der Fall. Es ist völlig unklar, wie viele Menschen dort an Covid-19 erkrankt und wie viele daran gestorben sind. In den Todesurkunden wird Lungenentzündung als Todesursache angegeben, weil die Patienten schlicht nicht getestet wurden. Dadurch tauchen sie auch nicht in den Statistiken auf. Stattdessen erklärt die Regierung, die vor zwei Jahren Ziel massiver Proteste gewesen ist, man folge dem schwedischen Modell. Die angebliche Übernahme des schwedischen Modells ist aber ein Versuch zu verbergen, dass man gar nicht die nötige Infrastruktur und Ressourcen für ein anderes Vorgehen hat.

Ähnliches hatte Mexiko vor …

Dort hatte der Präsident ebenfalls erklärt, man werde die Krise auch ohne für die Wirtschaft schädliche Maßnahmen bewältigen. Dahinter steckt, dass sehr viele Menschen im Land prekär beschäftigt sind oder im informellen Sektor arbeiten. Was machen im Lockdown all die Straßenverkäufer, die Hausangestellten? Wer keine Ersparnisse hat, kann sich es nicht leisten, zuhause zu bleiben. In einem föderal organisierten Staat wie Mexiko kommt den Gouverneuren der 32 Bundesstaaten allerdings eine große Bedeutung zu, wie sich auch in der Corona-Krise gezeigt hat. Sie haben Lockdowns angeordnet, Schulen und Universitäten geschlossen. Aber z.T. waren da die Ansteckungszahlen schon sehr hoch.

Welche wirtschaftlichen Folgen gibt es für Lateinamerika?

Regelungen, die z.B. Deutschland getroffen hat, mit sehr großzügigen Paketen zur Unterstützung der Wirtschaft und der Arbeitnehmer, können sich die meisten Länder nicht leisten. Die Arbeitslosigkeit ist folglich sehr groß, wobei die Arbeitslosen im informellen Sektor in den Statistiken bekanntlich nicht auftauchen. Als Ergebnis werden die Länder in eine Rezession rutschen, und dann wird sich zeigen, ob das den Glauben an die Demokratie erschüttert und womöglich andere Akteure auf den Plan ruft. In Brasilien gab es bereits die Sorge, dass das Militär als stabilisierender Faktor herbeigerufen werden könnte. Das wäre fatal in einem Land, das eine so lange und brutale Militärdiktatur erlebt hat, die noch immer nicht aufgearbeitet ist.

Gibt es noch andere Besonderheiten am Verlauf der Pandemie in Lateinamerika?

Ein wichtiger Aspekt ist, dass es diesen Ländern vielfach nicht gelingt, das medizinische Personal konsequent zu schützen. So entsteht auf lange Sicht eine Erosion der Leistungsfähigkeit der Gesundheitsversorgung. Es gab erschreckende Berichte vom Beginn des Ausbruchsgeschehens in Mexiko-Stadt - was mir Kollegen bestätigt haben -, als das Krankenhauspersonal angewiesen war, keinen Mundschutz oder ähnliches zu tragen um die BürgerInnen nicht zu verunsichern. Es gab die Sorge, es könne Panik in der Bevölkerung ausbrechen, weil sie begreifen könnte, dass die Pandemie doch gefährlicher ist als von der Regierung behauptet. Das Personal ist jetzt immer noch ungeschützt, weil es keine Schutzkleidung und Masken in ausreichender Zahl gibt. Ärzte und Krankenschwestern berichten, dass sie dieses selbst auftreiben und privat kaufen bzw. Masken mehrfach verwenden müssen.

Die Regierung begreift die Bevölkerung also nicht als mündige Bürger, sondern als Volk, das manipulieret werden muss.

Ja, das sieht man auch daran, welche Länder bereit sind, genauen Einblick in die Zahlen des Ausbruchsgeschehens zu geben. In Brasilien ist zudem der Vorwurf laut geworden, die Lage in Amazonien grenze an einen Genozid. Weil die indigenen Bevölkerungen von den Behörden nicht vor dem Kontakt mit Schmugglern und Goldwäschern und anderen Eindringlingen in ihr Gebiet geschützt werden. Die Bevölkerung war und ist dort medizinisch unterversorgt, hat keinen Zugang zu Ressourcen und keine Lobby. Auch das ist sehr bedenklich.

Absolut, aber es passt leider zu den Prioritäten der Regierung.

So ist es. Brasilien unter Bolsonaro zielt sehr stark auf eine wirtschaftliche Erschließung und Durchdringung des Amazonas auf Kosten der dort lebenden Bevölkerung. Man marschiert sehenden Auges einer menschlichen und ökologischen Katastrophe entgegen.

Wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf deine Forschungsarbeit aus?

Ich wollte im März für Archivarbeiten nach Chile fliegen. Die Reise musste ich aber absagen.

Reisen werden noch viele Monate lang schwierig sein. Welche Folgen hat das für euer Teilprojekt?

Wir hatten Glück, dass wir sehr früh Archivreisen gemacht und dabei viel Material gesichtet und gesammelt haben. Zum anderen tun sich aber jetzt, da wir unsere Quellen auswerten, Lücken auf, die wir gern noch schließen würden. Nur ist die Frage, wie wir das bewerkstelligen können. Immerhin werden europäische Quellenbestände jetzt wieder zugänglich. Aber es bleiben die lateinamerikanischen Archivalien, die wir derzeit nicht konsultieren können. Das ist auf jeden Fall eine Belastung, zumal es keine Planungssicherheit gibt. Wir können nicht davon ausgehen, dass wir die Lücken im kommenden Jahr schließen können. Wann die Archive wieder geöffnet sein werden und wir reisen können, ist leider völlig offen.


Kontakt:
Prof. Dr. Delia González de Reufels
SFB 1342: Globale Entwicklungsdynamiken von Sozialpolitik, Institut für Geschichtswissenschaft / FB 08
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Prof. Dr. Klaus Schlichte
Prof. Dr. Klaus Schlichte
Klaus Schlichte blickt in einem Podcast-Interview auf die Covid-19-Pandemie in den Ländern Afrikas und auf die Maßnahmen der Regierungen.

"Es gibt Unterschiede zwischen den Ländern, aber die repressive Politik ist die dominante", sagt Klaus Schlichte mit Blick auf die staatlichen Reaktionen auf die Ausbreitung des neuartigen Corona-Virus in Afrika. In vielen Ländern gebe es Ausgangssperren, die zumindest in den Städten polizeilich massiv durchgesetzt würden. Was aus epidemiologischer Sicht notwendig erscheinen mag, hat aber auch negative Folgen: "Durch die Unterbindung des Verkehrs gibt es offenbar schon Krisen in der Versorgung der städtischen Bevölkerung mit Nahrungsmitteln", sagt Schlichte. Komme es zu dauerhaften Preissteigerungen bei Lebensmitteln, seien Hungerunruhen eine große Gefahr. Denn schon vor der Pandemie konnten sich viele Menschen in afrikanischen Städten Nahrungsmittel nur schwer leisten.

Derzeit scheint der afrikanische Kontinent noch vergleichsweise wenig von der Pandemie betroffen zu sein. Dies liege an der vergleichsweise geringen internationalen Mobilität der Bevölkerung. "Ist das Virus aber erst einmal in den Städten angekommen, dürfte die Verbreitung schneller verlaufen als etwa in Europa", sagt Schlichte. "Denn die Menschen leben enger beieinander und haben weniger Rückzugsräume in Form eigener Wohnungen oder Häuser."

Wie sich die Pandemie entwickeln werde, sei durch die schlechte Datenlage schwer abzuschätzen. Ein Problem bei der Prognose sei, dass es kaum Daten zur Verbreitung von Vorerkrankungen wie Asthma und anderen Atemwegserkrankungen gebe. "Die afrikanischen Gesellschaften sind viel jünger als etwa die europäischen. Es gibt vergleichsweise wenig alte Menschen, bei denen Covid-19 häufiger besonders schwere Verläufe nimmt." Dieser positive Effekt werde womöglich aber dadurch aufgewogen, dass es viele Menschen mit Mangel- und Unterernährung gebe.

Wirtschaftlich trifft die Covid-19-Pandemie die afrikanischen Gesellschaften hart. Der Tourismus, der in den Küstenregionen, aber auch im Landesinneren in Form von Safaris große Bedeutung habe, breche massiv ein. "Wichtiger aber ist der Rückgang der so genannten Remittances [also der Geldüberweisungen von Familienangehörigen, die z.B. in Europa arbeiten]. Dadurch bricht die wichtigste Devisenquelle afrikanischer Ökonomien ein." In Summe seien die Rücküberweisungen höher als die gesamte Entwicklungshilfe, die afrikanische Staaten erhielten.

Mittelfristig könnte die Corona-Krise aber auch positive Folgen haben: "Möglicherweise wird nun der Druck auf die afrikanischen Regierungen steigen", sagt Schlichte, "mehr Mittel für die öffentliche Gesundheitsversorgung auszugeben und weniger für Militär und Polizei."

Das Podcast-Interview mit Klaus Schlichte führte Thomas Walli vom Institut für Politikwissenschaft der Universität Innsbruck im Rahmen der Sonderreihe "Corona und die Politik".


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Prof. Dr. Klaus Schlichte
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